Totalitarismus-
und Extremismustheorie
Historische
Genese und politische Funktion |
| aus:
unsere zeit - Zeitung der DKP vom 27. September und 8. Oktober 2002 |
>> In Freiburg hat ein breites
Bündnis am 14. September 2002 einen NPD-Aufmarsch verhindert. In der
Vorbereitung des Aktionstages gab es von Seiten des Verfassungsschutzes
und der CDU Versuche, die im Stadtrat vertretene Linke-Liste/Friedensliste
sowie DKP und VVN-BdA aus dem Bündnis als "Linksradikale" auszugrenzen.
Dieser Versuch scheiterte deutlich und endete damit, dass die DKP bei den
Anti-Nazi-Aktionen am 14. September 2002 mittendrin und die CDU außen
vor war. Die DKP-Freiburg hat zu den Ausgrenzungsversuchen im Antifa-Bündnis
eine Veranstaltung zur Totalitarismus- und Extremismustheorie organisiert.
Wir dokumentieren Auszüge aus dem dort gehaltenen Referat von Gerd
Wiegel von der Universität Marburg. <<
Teil
I: Extrem ist, wer die "politische Mitte" kritisiert
Die klassische Variante der
Totalitarismustheorie wurde in den 50er Jahren von den amerikanischen Politikwissenschaftlern
Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski entwickelt. Diese klassische
Variante der Theorie besagt, dass Faschismus und Kommunismus wesensgleich
seien (basically alike). Dies wird an einem sechs Punkte umfassenden Merkmalskatalog
festgemacht, der auf beide Herrschaftssysteme zutreffe: 1. eine ausgearbeitete
und offizielle Ideologie; 2. eine einzige Massenpartei; 3. eine terroristische
Geheimpolizei; 4. ein Monopol der Kommunikationsmittel; 5. ein Waffenmonopol
und 6. schließlich eine zentral gelenkte Wirtschaft. Diese Merkmale
seien laut Friedrich/Brzezinski konstitutiv sowohl für den Kommunismus
sowjetischer Prägung als auch für den Faschismus.
"Bedrohtes" Bürgertum
im 19. Jahrhundert
Ideologiekritisch arbeitende
Autoren sehen den Ursprung der Totalitarismustheorie im 19. Jahrhundert
und verweisen dabei schon auf eine zentrale politische Funktion. Das aufstrebende
Bürgertum befand sich im 19. Jahrhundert in einer doppelten Frontstellung:
einerseits gegen die alte Feudalaristokratie und auf der anderen Seite
gegen das aufkommende Proletariat. Die Bedrohung von zwei Seiten wurde
vom Bürgertum verinnerlicht und verdichtete sich in geistigen und
politischen Einstellungen, die durch die Abwehr der Gefahren von "rechts"
und "links" gekennzeichnet sind. Wenn man sich dieses Schema in der Selbstwahrnehmung
des Bürgertums vergegenwärtigt, dann entdeckt man ein politisches
Modell, das bis heute seine Gültigkeit hat. Der politische Raum in
der Mitte wird vom Bürgertum für sich beansprucht. Dieser Raum
gilt als einzig legitimer. Als nicht legitim gelten die Abweichungen rechts
und links, die historisch als Totalitarismus, aktuell als Extremismus bezeichnet
werden. Dieses Modell liegt dem Selbstverständnis des bürgerlichen
Staates bis heute zugrunde.
Totalitarismusbegriff
und italienischer Faschismus
Der Totalitarismusbegriff
selbst entstand in den zwanziger Jahren in Italien und orientierte sich
dabei am italienischen Faschismus. Beschrieben werden sollte ein völlig
neues Herrschaftssystem, wie es sich im Faschismus zeigte. Die totale Durchdringung
von Staat und Gesellschaft durch den Faschismus war der Ausgangspunkt und
geprägt wurde der Begriff von bürgerlichen Antifaschisten in
Italien. Der italienische Faschismus übernahm diese Bezeichnung positiv
für sich und bezeichnete sich selbst als totalitär. Bei Mussolini
heißt es in den dreißiger Jahren: "Für den Faschisten
befindet sich alles innerhalb des Staates und nichts Menschliches oder
Geistiges existiert - oder besitzt irgendeinen Wert - außerhalb des
Staates. In diesem Sinne ist der Faschismus totalitär." Diese positive
Aneignung des Begriffes findet sich im deutschen Faschismus so nicht. Dennoch
dürfte die totalitäre Potenz, wenn man diesen Begriff einmal
übernehmen will, im Nationalsozialismus wesentlich größer
gewesen sein als im italienischen Faschismus.
Man sieht also, dass der
Totalitarismusbegriff im Umfeld des bürgerlichen Antifaschismus entstand,
zunächst also auf den Faschismus bezogen war und keinen Vergleich
mit der Sowjetunion beinhaltete.
Nach 1945 ist es geklärt:
"Die Sowjetunion ist totalitär"
In diesem Zusammenhang, vor
allem mit der stalinistischen Sowjetunion taucht der Begriff erst am Ende
der Zwanzigerjahre auf. Größere Aufmerksamkeit und eine eindeutig
negative Konnotation bekommt er ab Mitte der 30er Jahre. Angesichts des
Siegeszuges des Faschismus und des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion
sehen sich die westlichen Demokratien als gefährdet. Wird der Begriff
hier noch auf beide vermeintlich totalitären Regime angewandt, so
ändert sich dies 1941. Mit dem Überfall Deutschlands auf die
Sowjetunion und der Herausbildung der Anti-Hitler-Koalition wird die Sowjetunion
nicht mehr mit dem selben Begriff belegt. Sie steht jetzt im gemeinsamen
Kampf gegen den deutschen Faschismus, wird als Alliierter, nicht als Feind
betrachtet. Dies ändert sich wiederum nach 1945: Die alliierte Koalition
zerbricht und mit dem Beginn des Kalten Krieges gilt auch die Sowjetunion
wieder als totalitär.
In dieser Zeit bildet sich
die eben erwähnte klassische Variante der Theorie heraus und wird
verbindlich. In Deutschland zum Beispiel so weitgehend, dass es einen Erlass
der Kultusministerien gibt, der die Totalitarismustheorie zum für
alle Schulen verbindlichen Lehrinhalt macht. Das Schwergewicht der Theorie,
das kann man auch an dem in den 50er Jahren entwickelten Modell ablesen,
liegt auf dem aktuellen Feind, dem Kommunismus.
Totalitarismustheorie:
Ein Muss in deutschen Schulen
Der sogenannte antitotalitäre
Konsens der Demokraten gilt jetzt als Lehre aus dem Faschismus, richtet
sich aber auf den alten Feind von gestern, den Kommunismus, der auch schon
von 1933 bis 1945 der Hauptgegner war. Dieser antitotalitäre Konsens
ist also ein geeignetes Mittel, die alten Nazis ideologisch einzubinden
und die neue Frontstaatideologie der Bundesrepublik zu legitimieren. Dieser
Konsens hält bis etwa in die Mitte der sechziger Jahre, dann gerät
die Totalitarismustheorie in ihre schwerste Krise.
Entspannungspolitik bringt
Theorie zum Schweigen
Diese Krise ist durch zwei
Entwicklungen bedingt - eine politische und eine wissenschaftliche. Politisch
ist die einsetzende Entspannungspolitik dafür verantwortlich, dass
der Osten und der Kommunismus nicht mehr als totalitäres Regime wahrgenommen
werden. Mit einem Regime, das als wesensgleich mit dem Faschismus angesehen
wird, lässt sich nicht über eine friedliche Koexistenz verhandeln.
So verschwindet der Begriff aus dem politische Sprachgebrauch. Auf der
anderen Seite bringt das mit der Studentenbewegung neu einsetzende Interesse
am Faschismus eine ganze Reihe von Interpretationen und Deutungen hervor,
die die identifizierende Totalitarismustheorie als unhaltbar erweisen und
sie zur Analyse etwa des Faschismus als untauglich erscheinen lassen. Diese
Krise der Totalitarismustheorie dauert bis zur historischen Zäsur
von 1989/90.
Die Renaissance kommt
mit der "Wende" 1989/90
Durch dieses Ereignis, nicht
etwa durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, rückt sie wieder in
den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wird wieder analog von brauner und
roter Diktatur in Deutschland gesprochen. Jetzt sind es auch enttäuschte
und ehemalige Linke, die sich für das totalitarismustheoretische Paradigma
einsetzen.
Die Extremismustheorie
zielt auf Bewegungen
Wie aber unterscheidet bzw.
verhält sich nun die Extremismustheorie zum Totalitarismusansatz?
Der politisch-ideologische Hintergrund beider Theorien ist gleich, wie
oben deutlich geworden sein sollte. Der politische Raum erscheint, um ein
Bild zu benutzen, als ein Hufeisen, dessen extreme Enden sich einander
annähern. Mit diesem Bild soll die inhaltliche und formale Nähe
der Extreme von rechts und links verdeutlicht werden. Mit Totalitarismus
werden historisch oder gegenwärtig reale Herrschaftssysteme beschrieben,
wogegen Extremismus auf Bewegungen und Parteien angewandt wird, die in
Opposition zum liberalen Verfassungsstaat stehen.
Die beiden wohl führenden
Vertreter des Extremismusansatzes in der Bundesrepublik, Uwe Backes und
Eckhard Jesse definieren den Begriff folgendermaßen: "Der Begriff
des politischen Extremismus soll als Sammelbezeichnung für unterschiedliche
politische Gesinnungen und Bestrebungen fungieren, die sich in der Ablehnung
des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte und
Spielregeln einig wissen, sei es, dass das Prinzip menschlicher Fundamentalgleichheit
negiert (Rechtsextremismus), sei es, dass der Gleichheitsgrundsatz auf
alle Lebensbereiche ausgedehnt wird und die Idee der individuellen Freiheit
überlagert (Kommunismus), sei es, dass jede Form von Staatlichkeit
als ´repressiv´ gilt (Anarchismus)."
Wichtigstes Merkmal ist hier
die Ablehnung der Werte und Normen des demokratischen Verfassungsstaates.
Unter der Hand enthält die Definition auch gleich eine spezifische
Auslegung des Grundgesetzes, in dem das Verhältnis von Gleichheit
und Freiheit mit einem Primat auf Freiheit ausgelegt wird.
Kritik an der politischen
Mitte ist per se "extrem"
Neben der Ablehnung des liberalen
Verfassungsstaates nennen Backes/Jesse weitere Merkmale des Extremismus,
die sie in einer allen extremistischen Kräften gemeinsamen Denkstruktur
sehen: "Alle extremistischen Doktrinen erheben auf die eine oder andere
Weise den Anspruch auf exklusiven Zugang zur historisch-politischen Wahrheit
- gleichgültig ob man sich auf die Gesetze der Natur oder der Vernunft
beruft." Diese inhaltliche Gleichsetzung wird noch um einen Punkt weitergetrieben:
"Ihr strategisches Waffenarsenal ist weitgehend austauschbar: kein Mittel
der extremen Linken, das nicht auch bereits von der extremen Rechten angewendet
worden wäre - und umgekehrt."
Somit erscheint also rechter
und linker Extremismus in der Wahl seines Gegners (liberaler Verfassungsstaat)
und der Wahl seiner Mittel und Agitationsstruktur als gleich. Erübrigt
hat sich mit dieser Definition jede weitere inhaltliche Dimension. Entscheidend
ist nicht das wofür sondern das wogegen, womit die politische Mitte,
der liberale Verfassungsstaat zum einzigen Maßstab wird, jedoch nicht
inhaltlich, sondern rein auf die Form bezogen.
Maßstab ist nicht
der Inhalt, sondern das Ideal
Dieses abstrahieren von jeglicher
inhaltlicher Bestimmung ist für die Extremismustheorie konstitutiv.
Das gesamte Gebäude würde zusammenbrechen, wenn die inhaltliche
Dimension stärker in den Mittelpunkt rücken würde. Vehement
wenden sich Backes/Jesse gegen Vorstellungen, die von einem "Extremismus
der Mitte" sprechen und damit andeuten, dass sich Inhalte etwa der extremen
Rechten auch in der Mitte des politischen Raums finden lassen, ja teilweise
von hier sogar ihren Ausgang nahmen. Sieht man sich die Themen Asyl, Einwanderung
oder auch Nationalstolz an, dann ergibt sich eine vielfältige inhaltliche
Nähe zwischen der demokratischen Mitte und dem rechten Extremismus.
Die Argumentation von CDU/CSU, sie müssten solche Positionen deutlich
vertreten, um nicht der extremen Rechten das Feld zu überlassen, bewegt
sich genau im Rahmen des Extremismusverständnisses. Nicht die Inhalte
sondern das formale Bekenntnis zum liberalen Verfassungsstaat sind das
Kriterium.
Auch dessen Bestimmung erfolgt
ja nicht inhaltlich, bzw. den Maßstab gibt nicht seine jeweilige
Realität, sondern sein Ideal ab. Während etwa beim Kommunismus
den Kritikern der Totalitarismustheorie vorgeworfen wird, sie würden
mit dem Verweis auf die ehernen Ziele - das Ideal - die brutale Realität
dieser Regime verharmlosen, wird von den Vertretern dieser Theorie immer
nur der Idealtyp des liberalen Verfassungsstaates herangezogen.
Wer darf definieren was
die "Mitte" ist?
Egal welche inhaltliche Veränderung
dieser Verfassungsstaat im Rahmen der aktuellen Sicherheitsdebatte nehmen
wird, an seiner Definition und am Selbstverständnis als liberaler
Verfassungsstaat wird sich nichts ändern. Schlussendlich reduziert
sich die Frage nach Extrem und Mitte schlicht auf die Macht, diese Definition
durchzusetzen. In Mickels Handlexikon zur Politikwissenschaft heißt
es dazu ganz offen von Manfred Funke, selbst ein Vertreter dieses Ansatzes:
"Üblicherweise bezeichnet sich kein Extremist als Extremist. Er erhält
vielmehr dieses Werturteil zugewiesen von den Inhabern der Definitionsherrschaft
über die zentralen Standards einer Gesellschaftsordnung, die ihre
Bestandsgefährdung zurückweist, indem sie den vermuteten bzw.
erkannten Zerstörer der Basisstabilität als "Extremisten" markiert
und ihn damit von jeder unerwünschten Einflussnahme auszugrenzen versucht."
Teil
II: Kritik am "liberalen Verfassungsstaat" verboten!
Warum, so könnte man
fragen, hat die Totalitarismustheorie nach 1989/90 eine relativ starke
Renaissance erlebt? Wenn man sich die neueren Forschungen, die mit diesem
Ansatz arbeiten anguckt, dann sieht man wenig wirklich neues. Es ist also
nicht so, dass die Öffnung der Archive im Osten zu neuen Erkenntnissen
geführt hätten, die die Theorie neu begründen würden.
Die Vermutung liegt daher nahe, dass sich wiederum die politischen Koordinaten
verschoben haben, das Totalitarismusparadigma jetzt also wieder opportun
wurde.
"Politische Bildung" von
den Herren Backes und Jesse
Vor den politischen Funktionen
dieser Wiedergeburt, einige Beispiele für die behauptete Renaissance:
Als Personen am Rührigsten bei dieser Verbreitung sind sicherlich
die Politikwissenschaftler Uwe Backes und Eckhardt Jesse. Jesse ist Professor
an der Uni Chemnitz, Backes jahrelanger Mitarbeiter am Dresdener Hannah-Arendt-Institut
für Totalitarismusforschung. Backes und Jesse geben seit Jahren, unterstützt
vom Innenministerium, die Reihe "Politischer Extremismus" heraus, die teilweise
über die Bundeszentrale für politische Bildung vertrieben wird.
Ebenfalls über die Bundeszentrale für politische Bildung wird
das Buch von Jesse "Totalitarismus im 20. Jahrhundert" vertrieben, ein
guter, allerdings sehr einseitiger Forschungsüberblick.
Das eben erwähnte Hannah-Arendt-Institut
für Totalitarismusforschung ist eine Neugründung nach 1990 und
soll die Vergangenheit der DDR vor allem unter dem Blickwinkel des Totalitarismus
untersuchen. Dieser Blickwinkel lag auch der Enquete-Kommission des Bundestages
zur Aufarbeitung der DDR zugrunde. Das heißt, überall hier wird
mittels der Totalitarismustheorie die DDR mit dem Nationalsozialismus verglichen.
Die Funktion ist hier die nachträgliche völlige Diskreditierung
der DDR als Unrechtsstaat und gleichzeitig, quasi als Nebeneffekt, eine
Relativierung der NS-Vergangenheit. Wenn DDR und Nationalsozialismus verglichen
werden können, sogar mit einem Begriff - eben totalitär - bezeichnet
werden können, dann kann der Nationalsozialismus nicht so schlimm
gewesen sein.
Relativierung des deutschen
Faschismus
Überhaupt ist die entlastende
Funktion für die eigene, von der NS-Erinnerung dominierte Geschichte
nicht zu unterschätzen. Neben der Dämonisierung jeder Form von
Sozialismus ist die Relativierung der NS-Vergangenheit zumeist mit diesem
Vergleich verbunden. Dafür zwei Beispiele: Im Historikerstreit in
der Mitte der achtziger Jahre ging es um den Versuch konservativer Wissenschaftler,
ein auf nationale Identifikation angelegtes Geschichtsbild zu etablieren.
Dieser positiven nationalen Identifikation stand und steht bis heute die
verbrecherische Vergangenheit des deutschen Faschismus entgegen. Im Historikerstreit
wurde nun versucht, diese Vergangenheit umzudeuten.
Einer der damaligen Protagonisten
war Ernst Nolte, der auch einen eigenen Ansatz der Totalitarismustheorie
entwickelt hat. Nolte deutete die Verbrechen des Faschismus, vor allem
die Vernichtung der europäischen Juden, als eine aus Angst geborene
Reaktion auf die vorherigen Verbrechen des Bolschewismus. Der Holocaust
sei eine Reaktion, eine Kopie auf vorausgegangene Verbrechen der russischen
Kommunisten. Nolte hat diese Sichtweise an anderer Stelle zu einem eigenen
Totalitarismusansatz ausgebaut. Er nennt seine Variante die "genetische"
Version der Totalitarismustheorie. Hier geht es nicht nur um einen identifizierenden
Vergleich zweier totalitärer Regime sondern um eine historische Abfolge.
Der eine Totalitarismus bringt den anderen hervor, der eine reagiert auf
den anderen. Was das für die Sicht auf den Nationalsozialismus bedeutet
ist klar: Er ist keine originäre Entwicklung, seine Wurzeln müssen
nicht in der deutschen Geschichte gesucht werden. Die Verantwortung für
seine Verbrechen gehen zumindest teilweise auf das Original, den Kommunismus
über.
Warum stehen auch "Linke"
auf die Totalitarismustheorie?
Ebenfalls auf die Entlastung
von der NS-Vergangenheit gerichtet ist die Variante der Totalitarismustheorie,
die sich mit der Rezeption des "Schwarzbuches des Kommunismus" in Deutschland
verbindet. Obwohl der Vergleich NS-Kommunismus nicht das Thema des Schwarzbuches
ist, wird dieser Vergleich in der Einleitung des Herausgebers Stephan Courtois
vorgenommen. Er kommt zu den in beiden Fällen völlig willkürlichen
Zahlen von 25 Millionen Toten, die er dem Nationalsozialismus anrechnet
und 100 Millionen für die der Kommunismus verantwortlich sei, also
ein Verhältnis von 4:1 zuungunsten des Kommunismus. Eine solche Sichtweise
fand in Deutschland natürlich begeisterte Aufnahme und die geschichtsrelativierende
Funktion dieser Aufrechnung wurde in der deutschen Rezeption sehr deutlich.
Das Gerede vom "roten Holocaust"
soll die Spezifik der Shoah zum verschwinden bringen. Die Herausgehobenheit
der deutschen Verbrechen verschwindet, indem diese in eine Reihe mit andern
Völkermorden rücken. Die Gaskammern erscheinen so nur noch als
eine technische Innovation. Diese, jede Spezifik negierende Sichtweise
ist dem Totalitarismusansatz immanent. Hier liegt auch eine seiner politischen
Funktionen.
Das konservative, antikommunistische
und auf ein geglättetes Geschichtsbild gerichtete Interesse an der
Totalitarismustheorie liegt auf der Hand. Anders sieht das bei Linken oder
ehemaligen Linken aus, die nach 1989/90 sich verstärkt auf diesen
Ansatz bezogen haben. Am prominentesten ist hier wohl das Hamburger Institut
für Sozialforschung, das unter anderem auch die Wehrmachtsausstellung
organisiert hat. Von Mitarbeitern dieses Instituts aber auch anderen wurde
die Totalitarismustheorie der Linken empfohlen, um sich so mit den Fehlern
der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Diese Vergangenheit, in
der man für Sozialismus und gegen das herrschende System war, wird
jetzt als selbst totalitär eingestuft. Der Antifaschismus etwa, sei
Ausdruck totalitären Denkens, da er kein positives Verhältnis
zur parlamentarischen Demokratie der Bundesrepublik entwickelt habe.
Man nennt solche Aufarbeitungen
der eigenen Vergangenheit Renegatenliteratur und die Renegaten sind meist
die eifrigsten Verfechter ihrer jeweils neuen Sicht, denn sie müssen
ja beweisen, dass sie sich wirklich von ihrer Vergangenheit gelöst
haben. So wundert es einen nicht, dass nach dem Erscheinen des Schwarzbuchs
die emphatischsten Rezensionen in der taz zu finden waren. Hier empörte
man sich auch über die Haltung des damaligen französischen Ministerpräsidenten
Jospin, der die Beteiligung der Kommunisten an seiner Regierung verteidigte
und begrüßte. Antikommunismus und ein neuer antitotalitärer
Konsens ist also nach 1989/90 auch für die ehemaligen Linken interessant
geworden, die mit ihrer Vergangenheit endgültig abgeschlossen haben.
Mittel zu Immunisierung
des "liberalen Verfassungsstaates"
Die Immunisierung des liberalen
Verfassungsstaates gegen jede Kritik ist eine zentrale Funktion der Extremismustheorie,
die somit nicht zufällig vor allem im Rahmen des Verfassungsschutzes
angesiedelt ist. Führende Vertreter dieser Theorie, so die erwähnten
Backes und Jesse, haben eine eindeutige Affinität zum rechten Konservatismus,
publizieren etwa zusammen mit dem rechtsaußen Historiker Rainer Zitelmann
und befürworten im Sinne eines politischen Gleichgewichts die Etablierung
einer demokratischen Partei rechts von der CDU/CSU. So ist es nicht verwunderlich,
dass insbesondere die politische Linke im Zentrum der Wahrnehmung von Jesse
oder Backes steht. Seinen Auftritt bei der Bundestagsanhörung zum
Thema Rechtsextremismus im Sommer 2000 nutze er dazu darauf hinzuweisen,
dass die größte extremistische Gefahr in der PDS zu sehen sei
und dass ein Kampf gegen die extreme Rechte auf keinen Fall zusammen mit
linksextremen Kräften (Antifa) geführt werden dürfe.
Totalitärer Charakter
des Wohlfahrtstaates
Anknüpfend an den sechsten
Punkt der klassischen Totalitarismusdefinition (vergl. UZ vom 27. September),
die zentral gelenkte Wirtschaft, gibt es eine Reihe von Vertretern neoliberaler
Wirtschaftskonzepte, die jeglichen Eingriff des Staates in die Wirtschaft
als Eingriff in die Freiheit interpretieren. Der so formulierte Totalitarismusverdacht
richtet sich nicht nur gegen die staatlich gelenkten Wirtschaften der sozialistischen
Länder, sondern auch gegen die keynesianische Wohlfahrtspolitik bis
in die siebziger Jahre.
Aktuell und bezogen auf die
DDR vertritt der Sozialwissenschaftler Klaus Schröder eine ähnliche
Position, wenn er den totalitären Charakter des Staates unter anderem
an seiner Versorgungsfunktion festmacht: "Zunehmend wurde die Unterwerfung
des einzelnen unter die Gemeinschaft oder das Kollektiv auch sozialstaatlich
fundiert, wenn auch im Vergleich mit den westlichen Staaten auf sehr niedrigem
Niveau." Ausgedehnter Sozialstaat und weitgehende materielle Absicherung
der Bevölkerung gelten Schröder somit als Formen der Unterwerfung.
Für die realsozialistischen Staaten generell spricht Schröder
von "Zwangswirtschaft" und macht ihnen den niedrigen Entwicklungsstand,
dem auch das sozialpolitische Niveau entsprochen habe, zum Vorwurf. "Die
garantierte Gesellschaft erlaubt ihren Mitgliedern nur Bittstellungen,
es gibt kein grundsätzliches Recht der Bürger, gewisse soziale
Dienste für immer in Anspruch zu nehmen." Die Arroganz solcher Äußerungen
ist angesichts der Lage in vielen der ehemals realsozialistischen Ländern
kaum noch zu überbieten. Die ´Freiheit vom Versorgungsstaat´
haben nicht wenige Menschen dieser Länder mit absoluter Verarmung
und Hunger zu bezahlen, von der Arbeitslosigkeit gar nicht zu sprechen.
Die Implikationen solcher Wertungen für die aktuelle Sozialstaatsdiskussion
liegen auf der Hand, und wie weit es mit den garantierten sozialen Rechten
hierzulande steht, zeigen die Diskussion um die Verschärfung der Arbeitsgesetzgebung
im Rahmen der Hartz-Kommission.
"Innere Sicherheit" gegen
"Extremismus"
Was bedeutet das für
die aktuelle Situation? Die innere Sicherheit ist nach dem 11. September
und nicht nur durch diesen ins Zentrum der Innenpolitik gerückt wie
es seit dem deutschen Herbst nicht mehr der Fall war. Täglich wurden
und werden wir mit neuen Vorstellungen zur Abwehr von Terrorismus und Extremismus
konfrontiert, die nach und nach auch in Gesetzesform gegossen werden. Die
inhaltliche Unbestimmtheit des Extremismusvorwurfes macht es auch hier
möglich, beliebige vermeintliche Gegner ins aktuelle Visier zu nehmen.
Berlusconis Vergleich von Globalisierungskritikern und Terroristen ist
nur ein Beispiel. Mit dem Thema innere Sicherheit führt eine populistische
Rechte in vielen Ländern Europas erfolgreich Wahlkämpfe und die
etablierten Parteien inklusive der Sozialdemokratie schreibt sich das Thema
auf die Fahnen.
Diese Funktionalisierung
des Extremismus zur Feindbestimmung und Ausgrenzung kann man in vielen
weiteren Bereichen beobachten. Die Unterscheidung zwischen Mitte und Extremen,
Dazugehörigen und Fremden, uns und den anderen, Freund und Feind bedient
ein altes Schema politischer Semantik das in der politischen Rechten eine
lange Tradition hat. National wie international steht die Feinderklärung
gegenüber dem islamischen Extremismus im Zentrum. Sofort und ohne
Skrupel wurde die durch den Terror ausgelöste Verunsicherung von interessierter
Seite auf die Frage der Einwanderungs- und Ausländerpolitik bezogen.
Der sich in gesetzlichen Bestimmungen und Maßnahmen niederschlagende
Generalverdacht gegen hier lebende Ausländer (Paragraf 129 b, Rasterfahndung)
verdeutlicht diese Feinderklärung. Der hessische Ministerpräsident
Roland Koch schwadronierte in einem Focus-Interview von 2 000 bis 3 000
Islamisten in Deutschland, die Zugang zu terroristischen Strukturen und
Sprengstoff hätten. Das BKA ließ verlauten, es wisse nichts
von solchen Tatbeständen und forderte Koch auf, sein Wissen preis
zu geben. Natürlich gab es kein solches Wissen.
Die Extremismusformel ist
ein politisches Mittel zur Immunisierung des liberalen Verfassungsstaates
gegen jegliche Kritik. Sie ist damit ein Instrument der schleichenden Entdemokratisierung
unserer Gesellschaft. Schon die Reaktionen auf die Demonstrationen von
Seattle bis Genua haben gezeigt, dass die Staaten mit verstärkter
Repression auf Kritik und Widerstand reagieren. Die Inhaltslosigkeit des
Extremismusbegriffs vermischt alle Formen von Widerstand, Kritik bis zu
Terror. Deshalb werden viele der Maßnahmen, die jetzt fast ohne Widerstand
durchsetzbar sind, nicht nur gegen den aktuellen Terror gerichtet sein,
sondern alle Möglichkeiten radikaler Kritik einengen.

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