Ulrike Meinhof: Essay in "konkret" 14/1968
Anmerkung von Klaus Wagenbach:
Im April 1968 legten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und
Horst Söhnlein zwei Brandsätze in ein Kaufhaus auf der Frankurter
Zeil; die Brandsätze verursachten einen hohen Sachschaden. Schon einen
Tag später wurden die vier verhaftet. Im Prozeß, der im Oktober
des Jahres stattfand, erkärten sie, sie hätten die Kaufhäuser
niederbrennen wollen, um gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft
gegenüber den Morden in Vietnam zu protestieren. Die Angeklagten wurden
für die Aktion - die erste guerilla-ähnliche - jeweils zu drei
Jahren Zuchthaus verurteilt.
Gegen Brandstiftung im allgemeinen
spricht, daß dabei Menschen gefährdet sein könnten, die
nicht gefährdet werden sollen.
Gegen Warenhausbrandstiftung
im besonderen spricht, daß dieser Angriff auf die kapitalistische
Konsumwelt - und als solchen wollten ihn wohl die im Frankfurter Wahrenhausbrandprozeß
Angeklagten verstanden wissen - eben diese Konsumwelt nicht aus den Angeln
hebt, sie nicht einmal verletzt, das, was sie treibt, selbst treibt, denen,
die daran verdienen, Verdienste ermöglicht. Dem Prinzip, nachdem hierzulande
produziert und konsumiert wird, dem Prinzips des Profits und der Akkumulation
von Kapital, wird durch einfache Warenvernichtung eher entsprochen, als
daß es durchbrochen würde. Denn denen, die an der Produktion
und dem Verkauf der in den Warenhäusern massenhaft angebotenen Güter
verdienen, kann möglicherweise und gelegendlich kein größerer
Gefallen getan werden als die kostenlose Vernichtung dieser Güter.
Den Schaden - sprich Profit - zahlt die Versicherung. Dem Problem der Übersättigung
auf dem Konsumgütermarkt inklusive stagnierender, weil nicht absetzbarer
Produktion wäre damit mit einem Mittel abgeholfen, das sich so sehr
nicht von den Mitteln unterscheidet, mit denen sich die Industrie bisher
noch selber zu helfen weiß. In Vance Packards Vision einer "Stadt
der Zukunft" sind ohnehin schon "alle Gebäude aus einer besonderen
Papiermasse, so daß sie jedes Frühjahr und jeden Herbst zur
Zeit des großen Hausputzes abgerissen und neu gebaut werden können".
Und "jede vierte Fabrik liegt an einem steilen Abhang, und das Ende ihrer
Fließbänder läßt sich sowohl nach den vorderen wie
nach den rückwärtigen Toren schwenken. Ist die Nachfrage flau,
wird das Ende des Fließbandes zum rückwärtigen Tor geschwenkt,
und der ganze Ausstoß an Kühlschränken oder anderen Erzeugnissen
verschwindet in der Tiefe und wandert unmittelbar auf die Schrotthalde,
ohne erst den Verbrauchsgütermarkt zu überschwemmen." (Vance
Packard, Die große Verschwndung, Frankfurt, 1960)
Noch vollzieht sich die Vernichtung
des gesellschaftlich produzierten Reichtums nicht auf so spektakuläre
Weise wie Brandstiftung und Direktbelieferung von Schrotthalden. Noch versucht
die Industrie, der Übersättigung des Gebrauchsgütermarktes
beizukommen durch "alle zwei Jahre ein neues Modell"; durch die Verschwendung
von von Millionen auf eine Forschung, die weniger der Verbesserung der
Produkte, als ihrer Absetzbarkeit dient; durch den individuellen Mülleimer
für sinnlose, nur teure, Profit ermöglichende Verpackungen (die
Kosten für die Müllabfuhr trägt der Verbraucher); durch
eine ebenso radikal verlogene wie kostspielige Werbung; Millionen an Arbeitszeit
und -kraft werden vergeudet für den eingebauten Verschleiß ("Obsoleszent"),
das geplante Todesdatum, so daß die Eisschränke, Rasierapparate,
Damenstrümpfe, das Spielzeug, die Glühbirnen viel eher kaputt
gehen, als bei dem für sie aufgewndeten Material und der in sie vertane
Zeit und Kraft notwendig wäre, um eine Nachfrage künstlich in
Gang zu halten, um durch Produktion und Verbrauch Profitraten zu erziehlen,
die wieder privat investiert werden, nicht um gesellschaftliche Bedürfnisse
zu befriedigen, sondern die Akkumulation von Kapital zu ermöglichen.
(Was es im Kapitalismus gibt, gibt es im warenhaus. Was es im Warenhaus
nicht gibt, gibt es im Kapitalismus nur schlecht, nur unzulänglich,
unzureichend: Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Gesundheitswesen,
etc. pp. ) Immerhin, die Vernichtung gesellschaftlich produzierten Reichtums
durch Warenhausbrand unterscheidet sich qualitativ nicht von der systematischen
Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums durch Mode, Verpackung, Werbung,
eingebauten Verschliß. So gesehen, ist Warenhausbrandstiftung keine
antikapitalistische Aktion, eher systemerhaltend, konterrevolutionär.
Das progressive Moment einer
Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt
in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch. Das Gesetz, das da
gebrochen wird, schützt ja die Menschen nicht davor, daß ihre
Arbeitszeit und -kraft, der von ihnen geschaffene Mehrwert vernichtet,
verdorben, vergeudet wird, daß sie durch Werbung über ihre eigenen
Produkte belogen, durch Arbeitsorganisation und Verheimlichung von allen
Informationen über ihre Produkte getrennt werden, als Produzenten
wie als Verbraucher denen unterworfen und ausgeliefert sind, die sich den
Profit aneignen und nach eigenem Gusto investieren. Nach eigenem Gusto
heißt nach der Logik des Profits also da, wo neuer, mehr Mehrwert
angeeignet werden kann, nicht da, wo das Geld effektiv und von allen gebraucht
wird: also z .B. im Erziehungswesen, im Gesundheitswesen, für öffentliche
Verkehrsmittel, für Ruhe und reine Luft und Sexualaufklärung
etc.
Das Gesetz, das da gebrochen
wird durch Brandstiftung, schützt nicht die Menschen, sondern das
Eigentum. Das Gesetz bestimmt, daß fremdes Eigentum nicht zerstört,
nicht gefährdet, nicht beschädigt, nicht angezündet werden
darf. Die da Schindluder treiben mit dem Eigentum, werden durch das Gesetz
geschützt, nicht die, die Opfer dieses Schindludertreibens sind, nicht
die, die den Reichtum schaffen durch Reichtum und Konsum, sondern die,
die ihn sich gemäß der Gesetzgebung im kapitalistischen Staat
rechtmäßig aneigen. Das Gesetz soll die, die das alles produzieren,
von ihren Produkten fernhalten. Und so desperat es auch immer sein mag,
ein Warenhaus anzuzünden, dies, daß die Brandstifter mit den
Produkten tun, was sie wollen, das Gesetz brechen, das nur den sog. Eigentümern
erlaubt, mit ihrem Eigentum zu machen, was sie wollen, das Gesetz brechen,
das die Logik der Akkumulation schützt, nicht aber die Menschen vor
dieser Logik und ihren barbarischen Folgen, dieser Gesetzbruch ist das
progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung, muß als solches
erkannt und anerkannt werden, wird dadurch nicht ausgelöscht, daß
die damit zusammenhängende Gütervernichtung eher systemerhaltend
ist, materiell also der antikapitalistischen Intention widerspricht.
Hat also eine Warenhausbrandstiftung
dies progressive Moment, das verbrechenschützende Gesetze dabei gebrochen
werden, so bleibt zu fragen, ob es vermittelt werden kann, in Aufklärung
umgesetzt werden kann. Was können - so bleibt zu fragen - die Leute
mit einem Warenhausbrand anfangen? Sie können das Warenhaus plündern.
Der Ghetto-Neger, der brennende Geschäfte plündert, erfährt,
daß das System nicht zusammenbricht, wenn er sich kostenlos beschafft,
was er dringend braucht, sich aber aufgrund seiner Armut und Arbeitslosigkeit
nicht kaufen kann, er kann lernen, daß ein System faul ist, das ihm
vorenthält, was er zum Leben braucht. Die Waren dagegen, die Frankfurter
aus Frankfurter Kaufhäusern wegschleppen könnten, wären
kaum die, die sie wirklich brauchen. (Ausgenommen Geschirrspülmaschinen,
die in den Statistiken über Haushaltsgeräte in deutschen Haushalten
noch kaum vorkommen, obwohl es fast 10 Millionen erwerbstätige Frauen
in der Bundesrepublik gibt, sie müßten sie alle haben. Die sind
aber nicht nur zum kaufen zu teuer, sondern zum Wegschleppen auch zu schwer.)
Bei einer Warenhausplünderung
hierzulande würde nur der Bestand an Sachen, in einigen Haushalten
vergrößert, die ohnehin nur der Ersatzbefriedigung dienen, jener
"private Mikrokosmos" würde perfektioniert, über den einsam zu
herrschen den einzelnen über die Bedingungen hinwegtrösten soll,
unter denen er als gesellschaftlicher Produzent zu arbeiten gezwungen ist
(André Gorz, Zur Strategie der Arbeiterbewegung im Neo-Kapitalismus,
Frankfurt 1967). Jene kollektiven Bedürfnisse, die in reichen kapitalistischen
Ländern eklatant unbefriedigt bleiben, würden davon nicht berührt,
können durch Warenhausbrandstiftung nicht bewußt gemacht werden.
So bleibt, daß das,
worum in Frankfurt prozessiert wird, eine Sache ist, für die Nachahmung
- abgesehen noch von der ungeheuren Gefährdung für die Täter,
wegen der Drohung schwerer Strafen - nicht empfohlen werden kann. Es bleibt
aber auch, was Fritz Teufel auf der Deligiertenkonferenz des SDS gesagt
hat: "Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein
Warenhaus zu betreiben." Fritz Teufel kann manchmal wirklich sehr gut formulieren.
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