Göttinger Mescalero: Buback - ein Nachruf, Juni 1977
HERAUSGEBER:
Prof. Dr. J. Agnoli, Berlin;
Prof. Dr. G. Bauer, Berlin; Prof. Dr. J. Beck, Bremen; Prof. Dr. J. Blandow,
Bremen; Prof. Dr. A. D. Brockmann, Bremen; Prof. Dr. P. Brückner,
Hannover; Prof. Dr. W. Eichwedel, Bremen; Prof. Dr. M. Gallas, Bremen;
Prof. Dr. H. Gerstenberger, Bremen; Prof. Dr. W. Gottschalch, Bremen; Prof.
Dr. S. Grubitzsch, Bremen; Prof. Dr. K. Haubold, Oldenburg; Prof. Dr. K.-D.
Hofmann, Berlin; Prof. Dr. W. Jaisli, Bremen; Prof. Dr. G. Jannsen, Oldenburg;
Prof. Dr. S. Jannsen, Oldenburg; Prof. Dr. A. Keil, Bremen; Prof. Dr. G.
Kiefer, Braunschweig; Prof. Dr. R. Knieper, Bremen; Prof. Dr. R. Künsken,
Oldenburg; Prof. Dr. H. Lessing, Berlin; Prof. M. Liebel, Berlin; Prof.
Dr. Ing. R. Lochmann, Berlin; Prof. Dr. E. Lucas, Oldenburg; Prof. Dr.
J. Luther, Oldenburg; Prof. Dr. U. Maas, Osnabrück; Ass. Prof. Dr.
C. Marzahn, Bremen; Prof. Dr. A. Meyer, Bremen; Ass. Prof. Dr. U. Mückenberger,
Bremen; Prof. Dr. W. Nitsch, Oldenburg; Prof Dr. C. Offe, Bielefeld; Prof.
Dr. H. Ortmann, Bremen; Prof. H. Pfütze, Berlin; Prof. Dr. U. K. Preuß,
Bremen; Prof. U. Preuß-Lausitz, Berlin; Rechtsanwalt H. Rem‚, Berli;n
Prof. Dr. D. Richter, Bremen; Akad. O Rat Dr. I. Scheller, Oldenburg; Prof.
Dr. E. Schmidt, Oldenburg; Prof. Dr. W. Schmidt, Oldenburg; Prof. Dr. B.
Schonig, Berlin; Prof. W. Siebel, Berlin; Prof. Dr. Ch. Thürmer-Rohr,
Berlin; Prof. Dr. M. Waltz, Bremen; Prof. Dr. R. Wolff, Berlin; Rechtsanwalt
M. Zieger, Berlin; Rechtsanwalt H. Jacobi, Hamburg; Rechtsanwalt W. Günneman,
Hamburg;
ERKLÄRUNG:
Wir sehen uns veranlasst,
einen Nachruf zu veröffentlichen einen Nachruf, den zu veröffentlichen
unter Strafe gestellt worden ist: es geht um den erstmals in der Göttinger
Studentenzeitung publizierten Nachruf auf Buback. Dieser Nachruf hat heftige
Reaktionen ausgelöst: seine Verbreitung wird von Justiz und Polizeiorganen
sowie von Hochschulleitungen verfolgt; in den Massenmedien, auch in den
bürgerlich-liberalen Zeitungen, wird dieser Nachruf als Ausgeburt
"kranker Gehirne" und als Musterbeispiel für "blanken Faschismus"
(Frankf. Rundschau) deklariert. Der vollständige Text wird nirgends
veröffentlicht im Gegenteil, die zentrale Intention des Artikels -
seine Absage an Gewaltanwendung - wird unterschlagen.
Warum wird dieser Artikel
unterdrückt? Die Publikation der unbotmäßigen Gefühle
eines Studenten trifft auf eine Situation, in der der Staat Trauer für
einen seiner Repräsentanten verordnet und in Szene setzt. Der Artikel
verletzt in Form und Inhalt staatsbürgerliche Anstandsregeln - der
Bundesjustiz- minister zeigt die "Verunglimpfung des Andenkens Toter" an.
Der Artikel aber will auf seine Weise nichts weiter, als verordnete Gefühlsregungen
infragestellen und einen Denkprozeß über die Gewaltverhältnisse
in unserer Gesellschaft in Gang setzen.
Wir halten diesen Denkprozeß
für notwendig. Die Unterdrückung und Verfolgung des Artikels
ist selbst Ausdruck dieser Gewalt- verhältnisse: während jeder
Ansatz sozialistischer Kritik und Praxis erstickt werden soll, können
sich faschistoide Tendenzen ungehindert breit machen. Die politische Öffentlichkeit
in der Gesellschaft und speziell an den Hochschulen wird weiter eingeschränkt.
Durch die exemplarische Kriminalisierung einzelner Studentenvertreter wird
an den Hochschulen ein Klima der Angst erzeugt, in dem viele politische
Diskussionen nicht mehr geführt werden und Äußerungen,
die möglicher Weise politischen Charakter haben könnten, nur
noch hinter vorgehaltener Hand gemacht werden.
Wir sind der Auffassung,
daß eine öffentliche Diskussion des gesamten Artikels möglich
sein muß. Mit seiner Veröffentlichung wollen wir zugleich dazu
beitragen, der Kriminalisierung, der Illegalisierung und dem politischen
Äußerungsverbot entgegenzutreten, indem wir das Recht auf freie
politische Meinungsäußerung praktisch wahrnehmen.
BUBACK - EIN NACHRUF
Dies soll nicht unbedingt
eine Einschätzung sein oder ein kommentierender Verriss vom Schreibtisch
aus, mit päpstlichen Gestus vorgetragen und als "solidarische Kritik"
bezeichnet. Ausgewogenheit, stringente Argumentation, Dialektik und Widerspruch
- das ist mir alles piep-egal. Mir ist bei dieser Buback- Geschichte einiges
aufgestoßen, diese Rülpser sollen zu Papier gebracht werden,
vielleicht tragen sie ein bißchen zu einer öffentlichen Kontroverse
bei.
Meine unmittelbare Reaktion,
meine "Betroffenheit" nach dem Abschuß von Buback ist schnell geschildert:
ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.
Ich habe diesen Typ oft hetzen hören, ich weiß, daß er
bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken eine herausragende
Rolle spielte. Wer sich in den letzten Tagen nur einmal genau sein Konterfei
angesehen hat, der kann erkennen, welche Züge dieser Rechtsstaat trägt,
den er in so hervorragender Weise verkörperte. Und der kennt dann
auch schon ein paar Züge von Gesichtern jener aufrechten Demokraten,
die jetzt wie ein Mann empört und betroffen aufschreien. Ehrlich,
ich bedaure es ein wenig, daß wir dieses Gesicht nun nicht mehr in
das kleine rot-schwarze Verbrecheralbum aufnehmen können, das wir
nach der Revolution herausgeben werden, um der meistgesuchten und meistgehaßten
Vertreter der alten Welt habhaft zu werden und sie zur öffentlichen
Vernehmung vorzuführen. Ihn nun nicht mehr - enfant perdu.
Aber das ist ja nun nicht
alles gewesen, was in meinem und im Kopf vieler anderer nach diesem Ding
herumspukte. So eine richtige Freude, wie etwa bei der Himmelfahrt von
Carrero Blanko konnte einfach nicht aufkommen, nicht, daß ich mich
von der wirklich gut inszenierten "öffentlichen Empörung und
Hysterie" kirre machen ließ; dieses Spektakel scheint ja wirklich
von mal zu mal besser zu funktionieren und das irgendwo im Konzert dieser
politischen Eunuchen, die von der Herstellung der "öffentlichen Meinung"
leben (gut leben), sich eine einzige "kritische" Stimme erheben würde,
daran glaubt von uns wohl keiner mehr.
Aber deswegen ist mir dieser
hermetisch wirkende Block gleichgeschalteter Medien offizieller Verlautbarungen
und Kommentare doch nicht so egal, daß ich mich bei irgendwelchen
Aktionen überhaupt nicht mehr um ihn zu kümmern brauchte. Die
Wanzen- affäre hat doch gezeigt, daß sich dieser Chor der aufrechten
Leute in den Pelz gesetzt hat, die ihn kratzen, die sich nicht mit Meinungen
und Kommentaren hinweg tuschieren lassen. Da haben sich immerhin Risse
und Brüche in dieser scheinbar festgefügten Legitimationsfassade
gezeigt, die wir ausnützen müssen und können, sogar in Bezug
auf Stammheim. Da haben wir eine Gelegenheit versäumt, ein öffentliches
Gemurmel, ein öffentliches Unbehagen der Nonchalance mit der die Bubacks,
Maihofers, Schiess und Benda die dicksten Rechtsbrüche begehen, offensiv
für uns und die Gefangenen zu nutzen. Diese Chance ist vorerst vorbei.
Jetzt - nach dem Anschlag - ist nicht nur wieder jedes Mittel recht, um
die "Terroristenbrut" zu zerschlagen, sondern die angewandten Mittel sind
gar zu gering.
Das mag ein persönlicher
Eindruck sein; ich hatte auch keine Ideen und keine Kraft, bei dieser Affäre
einzugreifen. Aber deutlicher wird das, was ich damit kritisieren will,
vielleicht am Beispiel des Roth/Otto Prozeßes in Köln. In diesem
Prozeß war die Strategie der Bubacks, die, Linke, die nachweislich
nicht geschossen haben, als Polizisten-Mörder zu verurteilen. Revolutionäre
Linke sind Killer, ihre Gesinnung, ihre Praxis prädestiniert sie zu
Killern, die vor keinem Mittel zurück- schrecken - so die Gleichung
der Ankläger und (offensichtlich) der Richter.
In mühevoller Kleinarbeit
ist es den beteiligten Genossen und Genossinnen wenigstens ansatzweise
gelungen, diese Strategie zu durchkreuzen und zwar so zu durchkreuzen,
daß selbst die gleichgeschalteten Medien über die Sauereien,
unmenschlichen Haftbedingungen, Verfahrensfehler etc. zu berichten gezwungen
sind. Das kleine Stammheim in Köln hat so auch ein Schlaglicht auf
das echte Stammheim werfen können. Am letzten Mittwoch haben die Anwälte
von Roth und Otto Antrag auf Haftentlassung gestellt, weil einfach von
der Beweislage her der Vorwurf des gemeinschaftlichen Mordes am Polizisten
Pauli nicht mehr aufrecht zu erhalten war. Die Gleichung "Linke sind Killer"
war durchkreuzt. Ich befürchte aber, daß mit dem Anschlag auf
Buback den Genossen die guten Karten aus der Hand genommen worden sind,
daß hierdurch eine unfreiwillige Amtshilfe für die Justiz geleistet
wurde, die vielleicht sogar den Urteilsspruch negativ beeinflussen wird.
Der Blindheit jener, für
die sich die politische Welt auf Stammheim reduziert und die völlig
unabhängig von der jeweiligen "politischen Konjunktur" den Kampf führen
und ihre Mittel wählen, könnte so andere Genossinnen und Genossen
entwaffnen und wäre ein unfreiwilliger Beitrag dazu, sie fertig zu
machen. "Counterinsurgency" andersherum...
Diese Überlegungen alleine
haben ausgereicht, ein inneres Händereiben zu stoppen. Aber es kommt
noch doller. Ich habe auch über eine Zeit hinweg (wie so viele von
uns) die Aktion der bewaffneten Kämpfer goutiert; ich, der ich als
Zivilist noch nie eine Knarre in der Hand hatte, eine Bombe habe hoch-
gehen lassen. Ich habe mich schon ein bißchen dran aufgegeilt, wenn
mal wieder was hochging und die ganze kapitalistische Schickeria samt ihren
Schergen in Aufruhr versetzt war. Sachen, die ich im Tagtraum auch mal
gern tun tät, aber wo ich mich nicht getraut habe sie zu tun.
Ich habe mir auch jetzt wieder
vorgestellt, ich wäre bei den bewaffneten Kämpfern, werde gesucht,
gejagt, lebe irgendwo in einem konspirativen Zusammenhang von einigen Leuten,
muß aufpassen, daß meine alltäglichen Verrichtungen (einkaufen
gehen, Papierkörbe leeren, einen Film ansehen) mir nicht schon den
Garaus machen.
Ich frage mich, wie ich -
abgeschnitten von alltäglichen persönlichen und politischen Zusammenhängen
- mit meinen Leuten die Entscheidung über solch eine Aktion fällen
könnte. Wie ich mich monatelang darauf vorbereiten müßte,
daß Buback weg muß, wie mein ganzes Denken von Logistik und
Ballistik bestimmt wird. Wie ich mir sicher sein kann, daß dieser
und kein anderer sterben muß, wie ich in Kauf nehme, daß auch
ein anderer dabei draufgeht, ein dritter vielleicht querschnittsgelähmt
sein wird etc.
Ich müßte völlig
umdenken: ich denke immer noch, daß die Entscheidung zu töten
oder zu killen bei der herrschenden Macht liegt, bei Richtern, Bullen,
Werkschützern, Militärs, AKW-Betreibern. Daß ich dafür
extra ausgebildet sein müßte; kaltblütig wie Al Capone,
schnell, brutal, berechnend.
Wie soll ich mich entscheiden,
daß Buback wichtig ist, nicht für mich und meine Leute, sondern
auch für die anderen Leute. Daß er wichtiger ist, als der Richter
X am Gefängnis Y oder einer seine Wärter. Oder daß der
Verkäufer in der Ecke, der dauernd "Kopf ab" brüllt eine geringere
"Schuld" trägt als Buback. Nur, weil er weniger "Verantwortung" hat?
Warum diese Politik der Persönlichkeiten?
Könnten wir nicht mal zusammen eine Köchin entführen und
sehen, wie sie dann reagieren die aufrechten Demokraten?
Sollten wir uns nicht überhaupt
mehr auf die Köchinnen konzentrieren?
Wenn in Argentinien oder
gar in Spanien einer dieser staatlich legitimierten Killer umgelegt wird,
habe ich diese Probleme nicht. Ich glaube zu spüren, daß der
Haß des Volkes gegen diese Figuren wirklich ein Volkshaß ist.
Aber wer und wieviele Leute haben Buback (tödlich) gehaßt. Woher
könnte ich, gehörte ich den bewaffneten Kämpfern an, meine
Kompetenz beziehen, über Leben und Tod zu entscheiden?
Wir alle müssen davon
runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für
das Volk zu hassen, so wie wir allmählich schon davon runter sind,
stellvertretend für andere zu handeln oder eine Partei aufzubauen.
Wenn Buback kein Opfer des Volkszornes wird (oder wegen mir auch des Klassenhasses,
damit kein falscher Verdacht aufkommt), dann geht die Gewalt, die so ausgeübt
wird, ebensowenig vom Volk aus, wie Bubacks Gewalt vom Volke ausging.
Wir brauchen nur die Zeitungen
aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung,
das ist eine der Strategien der Herrschenden. Warum müssen wir sie
kopieren? Die Leute (das Volk!) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen
damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeitslager. Was wir auch
tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere
Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager
sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.
Unser Zweck, eine Gesellschaft
ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz),
eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine
Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln
und Vorschriften oder besser: Empfehlungen) dieser Zweck heiligt eben nicht
jedes Mittel, sondern nur manches. Unser weg zum Sozialismus (wegen mir:
Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.
Warum liquidieren? Lächerlichkeit
kann auch töten, zum Beispiel, auf lange Sicht und Dauer. Unsere Waffen
sind nicht lediglich Nachahmungen der militärischen, sondern solche,
die sie uns nicht aus der Hand schießen können. Unsere Stärke
braucht deswegen nicht in einer Phrase zu liegen (wie in der "Solidarität).
Unsere Gewalt endlich kann nicht die Al Capones sein, eine Kopie des offenen
Straßenterrors und des täglichen Terrors; nicht autoritär,
sondern antiautoritär und deswegen umso wirksamer. Um der Machtfrage
willen (o Gott!), dürfen Linke keine Killer sein, keine Brutalos,
keine Vergewaltiger, aber sicher auch keine Heiligen, keine Unschuldslämmer.
Einen Begriff und eine Praxis zu entfalten von Gewalt/Militanz, die fröhlich
sind und den Segen der beteiligten Massen haben, das ist (zum praktischen
Ende gewendet) unsere Tagesaufgabe. Damit die Linken, die so handeln, nicht
die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.
Ein bißchen klobig,
wie? Aber ehrlich gemeint ...
Ein Göttinger Mescalero
zurück
zu www.extremismus.com