Anschlag auf Hans Neusel
Erklärung
der RAF vom 29. Juli 1990
"Menschen, die sich weigern,
den Kampf zu beenden - sie gewinnen entweder oder sie sterben, anstatt
zu verlieren und zu sterben."
(aus dem letzten Brief von
Holger Meins)
José Manuel Sevillano
ist tot. Er wurde im Mai nach 177 Tagen Hungerstreik von der spanischen
Regierung ermordet. Die gefangenen Genossinnen und Genossen aus Grapo und
PCE(r) kämpfen seit 8 Monaten mit einem harten und langen Streik für
ihre Wiederzusammenlegung.
Sie müssen mit ihrer
Forderung durchkommen, und sie brauchen dafür die Solidarität
und Initiative von allen, denen es ernst ist mit radikaler Veränderung
und dem Kampf für eine menschliche Gesellschaft. Der spanische Staat
setzt bisher gegen die Gefangenen die harte Haltung und Folter durch. Bei
ihm liegt die Verantwortung und Entscheidung, aber die Richtlinien dafür
werden in westeuropäischen und NATO-Gremien festgelegt, und deshalb
ist die BRD als führende europäische Macht genauso für den
Tod von José Manuel Sevillano verantwortlich. Am 27.7.90 haben wir
mit dem "Kommando José Manuel Sevillano" den Aufstandsbekämpfungs-Experten
Hans Neusel, Staatssekretär im Bonner Innenministerium, angegriffen.
Wir haben das militärische
Ziel der Aktion verfehlt - die Explosion sollte seinen sicheren Tod, aber
auch den hundertprozentigen Schutz Unbeteiligter gewährleisten. In
dieser Spanne haben wir die Sprengstoffmenge zu niedrig berechnet. Wir
wollten Neusel für seine Verbrechen zur Verantwortung ziehen. Er organisiert
und führt den Krieg gegen alle, die für Befreiung, Selbstbestimmung
und ein menschenwürdiges Leben und gegen die Zerstörung, die
von diesem System ausgeht, kämpfen.
Neusel ist seit '85 treibende
Kraft bei vielen Trevi-Treffen, von ihm gingen zahlreiche Initiativen zur
Intensivierung und Vereinheitlichung der westeuropäischen Aufstandsbekämpfung
und menschenverachtenden Flüchtlingspolitik aus. Daß sich seit
'87 "Terrorismus-Experten" der Weltwirtschafts-Gipfel-Staaten regelmäßig
treffen, geht auf die Initiative Neusels und des französischen Innenministers
zurück. In allen Krisenstäben, die mit Widerstandsbekämpfung
zu tun haben (ob wegen der Entführung von Managern deutscher Multis
im Libanon, Koordinierung der Fahndung nach Aktionen von uns ...), und
den Geheimdienstausschüssen der Regierung ist Neusel entweder Mitglied,
oft auch Vorsitzender.
Im Frühjahr '89, als
die Gefangenen hier im Hungerstreik waren, um ihre Zusammenlegung zu erkämpfen,
war Neusel (vor der Ernennung von Schäuble zum Innenminister) faktisch
Chef des Ministeriums. Zimmermann hatte sich schon lange vorher inoffiziell
aus dieser Funktion verabschiedet. In dieser Zeit pushte das Innenministerium
offensiv die Parole: "Der Staat darf sich nicht von diesen Gefangenen erpressen
lassen." Bei Treffen von Vertretern der Länderjustizministerien war
Neusel dabei, um dort die Linie des Innenministeriums zu vertreten.
Im Zusammenhang mit dem Hungerstreik
hier war von Anfang an klar: Solange die harte Haltung der Regierung nicht
durch den Kampf der Gefangenen und all derer, die die Durchsetzung der
Forderung nach Zusammenlegung zu ihrer eigenen Sache gemacht hatten, gebrochen
ist, solange ist Neusel Teil der Fraktion, die über die Leichen unserer
Genossinnen und Genossen gehen will. Diese eisenharte NATO-Linie vertritt
Neusel für die Bundesregierung aktuell in dem Angriff der westeuropäischen
Bestie gegen die gefangenen Revolutionäre in Spanien. Neusel verkörpert
- wenn auch indirekt - die personelle Kontinuität des deutschen Faschismus
vom 3. Reich zum "Großdeutschland", das auf das 4. Reich zusteuert.
Er hat seine politische Karriere über viele Jahre an der Seite von
Alt-Nazi und Ex-Bundespräsident Carstens gemacht und formuliert auch
öffentlich seine faschistischen Gedanken und Ideen ohne jeden Versuch
einer schein-demokratischen Ummäntelung. Als es ,87 um die Aufnahme
von 14 chilenischen gefangenen Revolutionären ging, die von dem faschistischen
Militärregime zum Tode verurteilt worden waren, verlangte Neusel zuvor
von ihnen die "Entkräftung der gegen sie erhobenen Vorwürfe"
- was nichts anderes hieß, als daß er ihre Hinrichtung forderte.
Neusel hat die Entscheidung
über den Einsatz der GSG 9 und ist beteiligt an der Entscheidung darüber,
wer von dieser Killertruppe ausgebildet wird, wie z. B. türkische
Spezialeinheiten, die heute in Kurdistan das Volk niedermetzeln. Die Offensive
gegen die Gefangenen in Spanien, mit der sich die sozialistische Regierung
unter González endgültig -gerade in Hinblick auf "Europa '92"
- als zuverlässiges Mitglied der Kernstaaten des europäischen
Machtblocks profilieren will, läuft mit voller Rückendeckung
der übrigen westeuropäischen Staaten. Dieser Block mit der BRD
an der Spitze hat sich heute zur Weltmacht aufgeschwungen und muß
gegen die sich ständig verschärfenden Widersprüche, die
sich schon lange nicht mehr befrieden lassen, die innere Stabilität
durchsetzen. Vor diesem Hintergrund läuft aktuell quer durch alle
westeuropäischen Länder der Versuch, jeden Gedanken an Widerstand
und Selbstbestimmung im eisernen Würgegriff und der permanenten Demonstration
der Totalität ihrer Macht zu ersticken.
Und in diesem Zusammenhang
hat die Frage, ob die Gefangenen in Spanien mit ihrem Kampf durchkommen,
für die gesamte nächste Phase, demn Neuaufbau revolutionärer
Praxis in Westeuropa, große Bedeutung. So wie der BRD-Staat '77 versucht
hat, über unsere Niederlage ein für allemal mit dem Problem der
Guerilla Schluß zu machen und gleichzeitig die gesamte Linke hier
in tiefe Resignation und Ohnmacht zu stürzen, so zielt der Angriff
auf die Gefangenen aus Grapo und PCE(r) zugleich auf die gesamte revolutionäre
Bewegung und alle fortschrittlichen Kräfte in Westeuropa.
Die Zerschlagung der Gefangenenkollektive
und die Isolierung der Genossinnen und Genossen soll einen Umschlag in
der Entwicklung der letzten Jahre einleiten, und das genau an der Frage,
wo die Einheit und das Bewußtsein über die Notwendigkeit gemeinsamen
Handelns quer durch Westeuropa in den revolutionären Bewegungen und
bei vielen, denen es um radikale Veränderungen geht, am weitesten
entwickelt ist.
Der Versuch, diesen Umschlag
jetzt durchzusetzen, kommt aus der internationalen Entwicklung: Der Imperialismus
hat den Kalten Krieg gewonnen. Die Auflösung des sozialistischen Blocks
und damit auch seiner historischen Funktion für die Befreiungsprozesse
im Trikont hat zu einer neuen Stabilisierung des imperialistischen Machtblocks
geführt. Die rasende Entwicklung der letzten Monate und die Einverleibung
der DDR hat die BRD innerhalb Westeuropas zu uneingeschränkter Vormacht
und den ganzen westeuropäischen Block zur Weltmacht gebracht.
Aus dieser Machtposition
versuchen sie heute, an jedem Punkt Terrain gegen alle revolutionären
Kämpfe und Kämpfe um Lebensbedingungen zurückzugewinnen
und da, wo von unten schon Ziele durchgesetzt wurden, die Entwicklung wieder
zurückzudrehen. Seit Anfang/Mitte der 80er Jahre, als der Befreiungsprozeß
weltweit an Grenzen gestoßen war, mußten die Kämpfenden
überall anfangen, nach neuen Wegen zu suchen. Das hieß in vielen
Ländern im Trikont, daß zu den revolutionären Befreiungsbewegungen
Basisbewegungen entstanden sind, die für die Veränderung der
unmenschlichen und unwürdigen Lebensbedingungen kämpfen und angefangen
haben, ihren Alltag selbst zu organisieren. So hat sieh in verschiedenen
Ländern (die Intifada in Palästina und Kurdistan oder die Befreiungsbewegungen
in El Salvador oder den Philippinen) eine Macht von unten herausgebildet,
die neben der reaktionären Staatsmacht existiert.
Diese Entwicklung hat ihren
Ausdruck auch in den Metropolen. Die Kämpfe, die sich in den letzten
Jahren hier entwickelt haben und in denen unterschiedliche Menschen zusammengekommen
sind, sind Kämpfe für Veränderungen hier und sofort. Zum
einen richten sie sich gegen zerstörerische imperialistische Projekte.
Zum anderen sind aus der Erfahrung vieler, daß der kapitalistische
Alltag mit Konkurrenz, der Beziehungslosigkeit der Menschen untereinander,
dem Leben in der Isolation zerstörerisch ist, Kämpfe für
selbstbestimmte Lebenszusammenhänge entstanden. Das ist der Kern davon,
daß in ganz Westeuropa z. B. Hausbesetzerbewegungen entstanden. Da,
wo sich Menschen selbstbestimmte Räume erkämpft haben, sind neue
Möglichkeiten und Bezugspunkte für die Herausbildung einer revolutionären
Bewegung entstanden.
Diese Entwicklung wollen
sie zurückdrehen und umkehren. Die aktuellen Projekte der Konterrevolution:
Zerschlagung der Gefangenenkollektive in Spanien, die Niederschlagung von
Gefangenenrevolten in mehreren Ländern, die brutale Räumung seit
Jahren besetzter Häuser und Knaststrafen in Groningen (NL), Dänemark,
die Razzien und Hetze gegen die Hafenstraße stehen da in einer Reihe.
Sie zielen gegen alle Ansätze, die wie z.B. der Hafen hier dafür
stehen, daß es möglich ist, gegen ihren Machtapparat eigene
Ziele durchzusetzen, daß gegen den kapitalistischen 24-Stunden-Alltag
eine von den Menschen bestimmte Wirklichkeit existieren kann. Gegenüber
der internationalen Entwicklung, aber gerade auch gegenüber dem faschistischen
Durchmarsch und Aufschwingen der BRD zur neuen großdeutschen Weltmacht,
sagen viele Genossen und andere Menschen, die gegen dieses System der Unterdrückung
und Unmenschlichkeit aufgestanden sind, daß wir keine Chance haben
durchzukommen, weil der Feind übermächtig sei und die Kräfte
für die Umwälzung schwach.
Und das ist die andere Seite:
Diese Resignation und zum Teil auch Lähmung verhindert viele Initiativen,
die Schritte im Neuaufbau einer starken revolutionären Bewegung sein
könnten. Die Entscheidung gegen das imperialistische System und für
eine Welt, in der die Menschen selbstbestimmt und frei leben können,
zu kämpfen, kann nicht davon abhängig sein, ob die eigene Seite
oder der Feind in einer bestimmten Phase stark ist, also ob der Sieg in
greifbarer Nähe liegt oder in einem langen Kampf durchgefochten werden
muß. Die Entscheidung für den revolutionären Kampf kann
nur aus der eigenen Erfahrung im System und seiner Brutalität und
Zerstörung kommen und aus den eigenen Zielen und Vorstellungen -eben,
wie man leben will.
Wir denken, daß ein
wichtiger Schlüssel für viele, aber auch für die nächsten
Schritte im Aufbau von revolutionärer Gegenmacht darin liegt, sieh
diese Erfahrung, denn die ist bei jedem Mensch die Wurzel für den
eigenen Aufbruch, bewußt zu machen. Die Erfahrung der Zerstörung
durch das System kann zur bewußten und endgültigen Entscheidung
für die Umwälzung der herrschenden Realität und für
ein selbstbestimmtes und -organisiertes Leben gebracht werden. Wir alle
müssen es jetzt anpacken, zur gemeinsamen Kraft zu werden. Die Entscheidung,
die Aktion gegen Neusel jetzt und im Zusammenhang mit dem Streik in Spanien
zu machen, ist für uns ein neuer Schritt auf dem Weg, zusammen Gegenmacht
aufzubauen im gemeinsamen Kampf für die Durchsetzung einer Forderung,
die Brennpunkt in der gesamten Auseinandersetzung ist.
Wir hatten nicht von Anfang
an vor, in die Entwicklung des Hungerstreiks der spanischen Genossen und
Genossinnen zu intervenieren. Erst nachdem klar war, daß selbst nach
dem Mord an José Manuel Sevillano und den sich daran verschärfenden
Widersprüchen in Spanien selbst und den vielen und vielfältigen
Initiativen in anderen westeuropäischen Ländern für die
Durchsetzung der Forderung, die González-Regierung an ihrer harten
Haltung festhalten will, und eben der Einschätzung, daß der
westeuropäische Block an der Zerschlagung der Gefangenenkollektive
in Spanien und der Liquidierung der Genossen dort die ganze Entwicklung
und Bedingungen für alle Kämpfe zurückdrehen und umkehren
will - haben wir uns zur bewaffneten Intervention entschlossen.
Nur eine bewaffnete Aktion
konnte diese festgefressene Situation wieder offen machen. Sie kann alle
Initiativen, die zum Streik bis jetzt gelaufen sind, zu neuer Schärfe
bringen, und sie macht vor allem einen neuen Anlauf möglich, weil
sie den politischen Raum dafür aufmacht. Jede Initiative, die jetzt
kommt, zählt! Es ist heute so und wird aus den unterschiedlichen Bedingungen
in den einzelnen Ländern und der verschiedenen Schwerpunkte, die die
Kämpfenden in diesen Ländern für sich bestimmen, weiter
so sein, daß sich die antiimperialistische Front in Westeuropa aus
einer Vielfalt von Kämpfen zusammensetzt.
Wir denken, daß es
jetzt möglich ist und ein erster gemeinsamer Schritt im Neuaufbau
einer starken revolutionären Bewegung sein kann, daß wir uns
über die Brennpunkte in der Konfrontation Imperialismus/Befreiung
verständigen, um daran zur gemeinsamen Intervention zu kommen. So
soll unser Angriff jetzt in zwei Richtungen wirken. Die eine, konkret zur
Durchsetzung der Forderung der Gefangenen und im Aufbau revolutionärer
Gegenmacht in Westeuropa, und die andere, als Einleitung einer langen Kampfphase
gegen die neuentstandene großdeutsche/westeuropäische Weltmacht.
Die BRD und die neuen Machteliten
der DDR verfolgen mit dem Schritt zum Großdeutschland dieselben Ziele
und imperialen Pläne wie der Nazi-Faschismus. Der dritte Überfall,
den das deutsche Kapital in diesem Jahrhundert auf die Völker Europas
führt, wird nicht mit militärischen Mitteln, sondern mit den
Mitteln der Wirtschaft und Politik geführt. Die Unterwerfung von Millionen
Menschen unter die Prinzipien von Markt, Profit und Warenstruktur bringt
neues Leid und Elend für die Völker. Es werden diesmal nicht
Millionen Tote und aus-gelöschte Menschen sein, sondern Millionen
entwürdigte und unterdrückte Menschen, die an der Zerstörung
ihrer Lebensstrukturen und menschlichen Beziehungen verzweifeln sind innerlich
- in ihrer Seele - zugrunde gehen sollen. Und auf der Basis der neuen Macht,
die das BRD-Kapital an der Spitze Westeuropas aus dieser Entwicklung zieht,
wollen sie zu einer neuen Runde in der Unterwerfung und Ausplünderung
der Völker im Trikont ausholen. Wir stellen uns mit aller Kraft gegen
diese Entwicklung, weil es unsere Aufgabe im internationalen Klassenkrieg
ist, sie mit diesen Plänen nicht durchkommen zu lassen.
Gegen den Sprung der westeuropäischen
Bestie unseren Sprung im Aufbau revolutionärer Gegenmacht!
Die Wiederzusammenlegung
der Gefangenen von Grapo und PCE(r) gemeinsam durchsetzen - die Zusammenlegung
aller revolutionären Gefangenen und damit die Perspektive für
ihre Freiheit erkämpfen!
Krieg der Weltmacht BRD/Westeuropa!
Den bewaffneten Kampf organisieren!
Zusammen kämpfen, und
wir werden zusammen siegen!
Kommando José Manuel
Sevillano
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