Die Eskalation zurücknehmen
Erklärung
der RAF vom 10. April 1992
wir, die raf, haben seit
89 angefangen verstärkt darüber nachzudenken und zu reden, dass
es für uns wie für alle, die in der brd eine geschichte im widerstand
haben, nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, wir haben überlegt.
dass es darum geht, neue bestimmungen für eine politik herauszufinden,
die tatsächliche veränderungen für das leben der mensehen
heute durchsetzen kann und längerfristig den herrschenden die bestimmung
über die lebensrealität ganz entreisst. dafür ist es notwendig,
sich die eigene bzw. gemeinsame geschichte aller im widerstand anzusehen,
darüber nachzudenken, was wir falsch gemacht haben und was wichtige
erfahrungen waren, die wir oder andere gemacht haben, und welche bedeutung
sie für die zukunft haben können. ausgangspunkt war:
1.
die tatsache, dass wir alle vor einer völlig veränderten
situation im weltweiten kräfteverhältnis standen - die auflösung
des sozialistischen Staatensystems, das ende des kalten krieges. wir waren
damit konfrontiert, dass die vorstellung, im gemeinsamen internationalen
kampf einen durchbruch für befreiung zu schaffen, nicht aufgegangen
ist. die befreiungskämpfe waren insgesamt zu schwach, um gegen die
auf allen ebenen ausgeweitete kriegsführung des imperialismus durchzukommen.
Der zusammenbruch der sozialistischen
staaten. der seine ursache wesentlich in den im innern ungelösten
widersprüchen hatte, hat katastrophale auswirkungen für millionen
menschen weltweit und hat alle, die rund um den globus für befreiung
kämpfen, auf sich selbst zurückgeworfen. aber dadurch hat sich
für alle die notwendigkeit nochmal deutlicher gezeigt, dass die kämpfe
um befreiung nur aus dem selbstbewusstsein der eigenen, speziellen geschichte
der völker, den authentischen bedingungen und zielen entwickelt werden
können. und nur daraus kann eine neue internationale kraft entstehen.
das haben viele genossen aus dem trikont in die diskussionen eingebracht,
und sie haben dort anfänge einer ganz neuen politik gefunden und umgesetzt
- das werden wir hier auch, darin sind wir mit ihnen verbunden.
2.
wir selbst waren damit konfrontiert, dass wir so, wie wir in den jahren
vor 89 politik gemacht haben, politisch nicht stärker. sondern schwächer
geworden sind, wir haben aus verschiedensten gründen keine anziehungskraft
mehr für die menschen hier entwickelt, die gemeinsammes handeln möglich
macht. als einen zentralen fehler haben wir gesehen, dass wir viel zu wenig
auf andere, die hier auch aufgestanden waren, zugegangen sind; und auf
die, die noch nicht au gestanden waren, gar nicht. uns ist klar geworden,
[...] dass es so nicht weitergeht, dass wir als guerilla alle entscheidungen
allein treffen und die anderen sich an uns orientieren. [...] wir hatten
unsere politik ganz stark auf angriffe gegen die strategien der imperialisten
reduziert, und gefehlt hat die suche nach unmittelbaren positiven zielen
und danach, wie eine gesellschaftliche alternative hier und heute schon
anfangen kann zu existieren, dass das hier möglich ist, dass es geht,
so etwas anzufangen, haben uns die erfahrungen, die andere erkämpft
haben, gezeigt. die verhältnisse zu den leuten mit denen wir am meisten
zu tun hatten, waren aber in erster linie darüber bestimmt, gemeinsam
zum angriff zu kommen. deshalb gab es in der bestimmung gar nicht den raum,
dass sie eigene soziale werte in ihrem alltag und mit vielen zusammen entwickeln
und leben konnten. daraus hatten wir die konsequenzen gezogen und zwei
Jahre lang einen parallelen prozess von neubestimmung und praktischen interventionen
versucht. [...] dass wir unseren prozess nicht nachvollziehbar, sondern
nur bruchstückhaft als ergebnis unserer diskussion in den erklärungen
und briefen vermittelt haben, war ein fehler. [...] nach diesen zwei jahren
ist uns klargeworden, dass es so nicht ausgereicht hat, dass wir so den
raum nicht aufmachen können für alles das, was wir jetzt und
für die nächste zeit am wichtigsten finden: die seit langem notwendigen
gemeinsamen diskussionen und den aufbau an zusammenhängen unter den
verschiedensten gruppen und menschen; da wo sie leben, ausgehend vom alltag
der menschen in dieser gesellschaft, aus dem für viele die notwendigkeit
drängt, ihre eigene lage in die hand zu nehmen und gemeinsam mit anderen
nach lösungen zu suchen.
wir denken, solche zusammenhänge
können die basis werden von der kraft, die wir gegenmacht von unten
genannt haben und die so noch nicht lebt. solange eine solche gesellschaftliche
alternative zur zerstörung und verzweiflung im system nicht spürbar
und greifbar existiert, werden es immer mehr werden, die ausgegrenzt und
ohne perspektive alleine bleiben, immer mehr, die an der nadel verrecken
oder in den selbstmord getrieben werden usw., und es wird dabei bleiben,
dass immer mehr leute den faschisten hinterherlaufen. aus unseren erfahrugen
und aus den diskussionen mit genonssInnen über alle diese fragen steht
für ans heute fest, dass die guerilla in diesem prozess von aufbau
nicht im mittelpunkt stehen kann.gezielt tödliche aktionen von uns
gegen spitzen aus staat und wirtschaft können den jetzt notwendigen
prozess im moment nicht voranbringen, weil sie die gesamte situation für
alles, was in afängen da ist, und für alle, die auf der suche
sind, eskalieren. die qualität solcher angriffe setzt eine klarheit
darüber voraus, was sie an veränderungen konkret in gang setzen
können. diese Klarheit kann es jetzt, in der es für alle um ein
sich-finden auf neuer grundlage geht, nicht geben. so verstehen wir das
auch, wenn uns welche sagen, mit solchen aktionen nehmen wir das ergebnis
doch schon vorweg.
WIR HABEN UNS ENTSCHIEDEN,
DASS WIR VON UNS AUS DIE ESKALATION ZURÜCKNEHMEN. DAS HEISST, WIR
WERDEN ANGRIFFE AUF FÜHRENDE REPRÄSENTANTEN AUS WIRTSCHAFT UND
STAAT FÜR DEN JETZT NOTWENDIGEN PROZESS EINSTELLEN.
dieser prozess von diskussionen
und aufbau einer gegenmacht von unten schliesst für uns als einen
ganz wesentlichen bestandteil den kampf für die freiheit der politischen
gefangenen mit ein, aus 20 jahren ausnahmezustand gegen die gefangenen,
folter und vernichtung, geht es jetzt darum, ihr recht auf leben durchzusetzen
- ihre freiheit erkämpfen! justizminister kinkel hat mit seiner ankündigung
im jannuar, einige haftunfähige gefangene und einige von denen, die
am längsten im knast sind, freizulassen, das erste mal von staatlicher
seite offen gemacht. dass es fraktionen im apparat gibt, die begriffen
haben, dass sie widerstand und gesellschaftliche widersprüche nicht
mit polizeilich-militärischen mitteln in den griff kriegen, gegen
die gefangenen haben sie seit 20 jahren auf vernichtung gesetzt. die kinkel-ankündigung
wirft die frage auf, ob der staat dazu bereit ist, aus dem ausmerz-verhältnis,
das er gegenüber allen hat, die für ein selbstbestimmtes leben
kämpfen, die sich nicht der macht des geldes beugen, die eigene interessen
und ziele entgegen den profitinteressen formulieren und umsetzen, also
ob er raum für politische lösungen zulässt (und wenn auch
vertreter aus der wirtschaft dahingehend druck auf die regierung machen,
kann das nur gut sein). wir werden uns genau ansehen, wie ernst der kinkel-vorstoss
ist. bis jetzt ist nicht viel davon zu sehen, ausser das claudia wannersdorfer
nur einige monate bevor sie sowieso entlassen worden wäre, rausgekommen
ist. alle anderen haftunfähigen - günter sonnenberg, bernd rössner.
isabel jacob, ali jansen - sind noch immer drin, und irmgard möller,
nach 20 jahren immer noch im knast. [...]
DIE HAFTUNFÄHIGEN UND
DIE GEFANGENEN, DIE AM LÄNGSTEN SITZEN, MÜSSEN SOFORT RAUS UND
ALLE ANDEREN BIS ZU IHRER FREILASSUNG ZUSAMMENKOMMEN!
es ist eine wichtige weichenstellung,
ob sich in nächster zeit was in diese richtung bewegt: daran kann
jede/r sehen, in welche richtung der zug fahren soll; setzt sich im apparat
die fraktion durch, die einsieht, dass sie anfangen müssen, zugeständnisse
für politische lösungen zu machen, oder setzen sich die scharfmacher
und eisenfresser durch. das wird sich nicht nur am staatlichen verhalten
gegenüber den politischen gefangenen zeigen. es gibt auch andere brennpunkte,
an denen diese weichenstellung ganz unmittelbar sichtbar wird. da, wo die
kämpfe schon so weit sind, dass sie einen raum durchgesetzt haben,
wird es sich schnell zeigen, wie weit sie politische lösungen zulassen
oder auf krieg setzen. zum beispiel, ob sie den leuten in der hafenstrasse
nach zehn jahren kampf weiterhin ihre existenzberechtigung streitig machen.
aber langfristig geht es ja um viel mehr:
- es gibt kämpfe der
sozialen gefangenen gegen sonderhaft und überhaupt gegen unmenschliche
bedingungen in den knästen. es darf nicht so laufen, dass die politischen
gefangenen aus den vernichtungstrakten kommen und danach andere hinein.
alle isolationstrakte müssen
geschlossen werden! [...]
- es wird sich zeigen, inwieweit
die menschen in der ex-ddr weiterhin im schnellverfahren zu willenlosen
objekten in das kapitalistische system gepresst werden sollen oder sie
raum erobern können, die entwicklung selbst zu bestimmen.
- es ist eine wichtige frage,
wie lange noch der staat den rassismus gegen die flüchtlinge schüren
und sie als ,,untermenschen" behandeln kann, um sich und die wirtschaft
damit aus der verantwortung für arbeitslosigkeit, wohnungsnot, altersarmut
usw. zu ziehen. und wie lange er noch diese menschen wieder ins elend zurückschicken
kann, das er ständig mit produziert. - es ist seit langem realität,
dass die bullen faschisten schützen und antifaschisten niederknüppeln,
dass sie demonstrantInnen in den tod hetzen, wie conny wissmann, dass sie
auf sie schiessen, wie vor ein paar monaten in frankfurt, und flüchtlinge
mit
elektroschocks foltern usw. - es ist die frage, ob deutsche soldaten wieder
gegen andere völker marschieren und wie lange denn noch faschistische
regimes mit waffen und unterstützung von hier die bevölkerungen
massakrieren können.
vor allem daran, wie an allen
diesen fragen - und logisch ist das nicht vollständig hier - kämpfe
in der gesellschaft entwickelt werden, wird sich entscheiden, wie weit
hier ein politischer raum für lösungen erkämpft werden kann.
von alleine werden sie an keinem punkt zurückweichen, dafür wird
immer gesellschaftlicher druck und kämpfe für unsere forderungen
notwendig sein. wir haben von uns aus jetzt mit der rücknahme der
eskalation aus der auseinandersetzung einen schritt gemacht, um diesen
politischen raum aufzumachen. jetzt ist die staatliche seite gefragt, wie
sie sich verhält: und weil das heute noch niemand weiss, wollen wir
den prozess von diskussion und aufbau schützen. wenn sie diejenigen,
die diesen prozess für sich in die hand nehmen, mit ihrer walze aus
repression und vernichtung plattmachen, also weiter auf krieg gegen unten
setzen, dann ist für uns die phase des zurücknehmens der eskalation
vorbei - wir werden uns das nicht tatenlos anschauen. wenn sie uns, also
alle, die für eine menschliche gesellschaft kämpfen, nicht leben
lassen, dann müssen sie wissen, dass ihre eliten auch nicht leben
können, auch wenn es nicht unser interesse ist: krieg kann nur mit
krieg beantwortet werden.
rote armee fraktion 10.4.1992
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