RAF: Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa
Mai
1971
Bewaffneter
Kampf - ein zentrales Problem der revolutionären Theorie
Bewaffneter
Kampf und Generalstreik
Proletarisches
Bewußtsein, revolutionäre Theorie...
Revolutionäre
Avantgarde und proletarische Klasse
Stadtguerilla
als revolutionäre Interventionsmethode in den Metropolen
Terror gegen
den Herrschaftsapparat...
Die Kraft der
Volksmassen konkret entdecken...
Revolution
und jugendliche Gesellschaft
Die revolutionäre
Organisation des Proletariats...
Die Angst
vor dem Faschismus überwinden...
"Die Geschichte lehrt uns,
daß richtige politische und militärische Linien nicht spontan
und friedlich, sondern im Kampf entstehen und sich entwickeln. Der Kampf
für diese Linien muß einerseits gegen den 'linken' Opportunismus,
andererseits gegen den Rechtsopportunismus geführt werden." (Mao Tse-tung,
Ausgewählte Werke I, S. 227)
1.
Bewaffneter Kampf - ein zentrales Problem der revolutionären Theorie
Immer mehr junge Menschen
erwachen heute zu einem revolutionären Bewußtsein. Die Bereitschaft,
konsequent und diszipliniert für die proletarische. Revolution zu
arbeiten, wächst. Die Einsicht, daß diese Revolution ohne eine
wissenschaftliche revolutionäre Theorie nicht siegen kann, setzt sich
durch; doch werden kaum Konsequenzen daraus gezogen. Die revolutionäre
Theorie ist keine akademische Betrachtung, nicht nur eine Erklärung
gesellschaftlicher Zusammenhänge, sondern in erster Linie eine Anleitung
zum revolutionären Handeln. Sie muß auf die Frage nach den Kräften,
den Zielen, den Mitteln und Wegen der sozialistischen Revolution eine konkrete
und praktische Antwort geben. Sie muß die Frage der Macht im Staate
richtig lösen; Auskunft geben, ob ein "friedlicher Übergang zum
Sozialismus", ein gewaltloser Übergang der Macht aus den Händen
des Kapitals auf die Organisationen des Proletariats unter den konkreten
gesellschaftlichen Umständen möglich ist. Schwärmereien
und Beschwörungen zählen nicht. Die widerstreitenden Klasseninteressen,
die Mittel und Methoden der Herrschenden, ihre Macht zu bewahren, müssen
untersucht werden. Die notwendigen und möglichen Schritte zur Diktatur
des Proletariats müssen entwickelt werden - sonst ist die revolutionäre
Theorie lückenhaft, keine Anleitung zu richtigem Handeln.
Eine große Gefahr besteht
darin, daß tatsächlich vorhandene Lücken nicht rechtzeitig
erkannt werden, weil die Revolutionäre glauben, gegenwärtige
Fragen des revolutionären Prozesses mit vergangenen Lösungen
beantworten zu können. Geschichtliche Erfahrungen - niemand bestreitet
das - sind die Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus. Er ist Inbegriff
der aus diesen Erfahrungen abgeleiteten Erkenntnisse ober die allgemeinen
Bewegungsgesetze der Gesellschaft. Allein die schöpferische Anwendung
dieser Erkenntnisse auf die jeweilige konkrete Situation kann - die Revolution
voran bringen. Erfolgreiche Klassenkämpfe der Vergangenheit sind nicht
Vorbilder,die man kopieren sollte, sondern Lehrstücke. Die Pariser
Kommune 1871,der Sieg der russischen Oktoberrevolution und der Erfolg des
Volkskrieges in China sind aus gänzlich verschiedenen, mit unserer
Situation heute nicht vergleichbaren gesellschaftlichen Bedingungen hervorgegangen.
Gleichwohl werden wir keine zureichende revolutionäre Theorie entwickeln
können, wenn wir aus diesen Erfahrungen nicht die auch für unser
Handeln gültigen Lehren ziehen.
Das Studium der geschichtlichen
Lehrstücke wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir das Verhältnis
des Besondern zum Allgemeinen in den Erscheinungen richtig verstehen. Das
Allgemeine existiert im Besondern, wie das Besondere in das Allgemeine
eingeht. Entwicklung und Verlauf des Pariser März- Aufstandes von
1871, der russischen Oktoberrevolution, des Volkskrieges in China und des
Sturzes des Batista- Regimes in Kuba zeigen,daß sich der Klassenkampf
zwischen Bourgeoisie und Proletariat um die Gestaltung der gesellschaftlichen
Produktionsverhältnisse zum bewaffneten Konflikt, zum Bürgerkrieg
zuspitzt.
Der bewaffnete Kampf als
höchste Form des Klassenkampfes folgt aus der Tatsache, daß
es den besitzenden Klassen gelungen ist, sich den bestimmenden Einfluß
auf die staatlichen Machthebel zu sichern und das staatliche Monopol über
die letztlich entscheidenden Gewaltinstrumente - Polizei und Armee - durchzusetzen.
Diese Feststellung gilt sowohl für die offene als auch für die
parlamentarische Form der Diktatur der Bourgeoisie. Das gesellschaftliche
Gewaltpotential ist weitgehend zu einem Herrschaftsinstrument in den Händen
der besitzenden Klassen, eine Waffe zur Verteidigung ihrer Vorrechte gegen
die Ansprüche der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft, der
ausgebeuteten Produzenten,geworden. Noch nie hat eine besitzende Klasse
in gesellschaftlichem Maßstab auf ihr Eigentum an den Produktionsmitteln,
auf ihre Privilegien verzichtet.
Nichts spricht dafür,
daß sich das geändert haben könnte. Die Namen von Auschwitz,
Sétif, Vietnam, Indonesien, Amman stehen für die Erfahrung,
daß Massaker nicht der Vergangenheit überwundener Herrschaftssysteme
angehören, sondern nach wie vor zum Instrumentarium der Herrschenden
gehören, Sie identifizieren ihre physische und gesellschaftliche Existenz
mit ihrer Machtstellung als ausbeutende Klasse. Sie können sich eine
andere Existenzweise für sich nicht vorstellen. Mit der Energie ihres
Selbsterhaltungstriebes kämpfen sie bis zur letzten Konsequenz um
die Erhaltung ihrer Herrschaft. Wo immer der Kapitalismus noch über
reale Macht verfügt, wird er sie zur Verlängerung seiner Existenz
einsetzen. Die Erwartung eines friedlichen Übergangs vom Kapitalismus
zum Sozialismus hat für die Metropolen keine materielle Grundlage.
Die aus den sozialen Erhebungen der Vergangenheit und Gegenwart zu ziehenden
Lehren begründen hinreichend die Einsicht, daß der revolutionäre
Klassenkampf des Proletariats gegen die Herrschaft des Kapitals in seinem
entscheidenden, höchsten Stadium zum bewaffneten Bürgerkrieg
führt, daß der bewaffnete Kampf das höchste Stadium des
Klassenkampfes ist. Mao Tse-tung hat diese Einsicht 1938 wie folgt formuliert:
"Die zentrale Aufgabe der
Revolution und ihre höchste Form ist die bewaffnete Machtergreifung,
ist die Lösung der Frage durch den Krieg. Dieses revolutionäre
Prinzip des Marxismus- Leninismus hat allgemeine Gültigkeit, es gilt
überall, in China wie im Ausland." (Ausgewählte Werke I I, S.
285)
Ist unter den gegebenen gesellschaftlichen
Bedingungen die bewaffnete Phase des Klassenkampfes unvermeidlich, so muß
eine revolutionäre Theorie den militärischen Aspekt des Klassenkampfes
adäquat widerspiegeln und eine konkrete Anleitung zum militärischen
Handeln geben. Der Primat der Politik in der sozialistischen Revolution
kann und darf nicht bedeuten,daß man die politische Mitte des Klassenkampfes
isoliert betrachtet und andere wesentliche Aspekte vernachlässigt;
denn das hieße, nur einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit
bedenken, das Ganze also falsch widerspiegeln. Der Primat der Politik gilt
uneingeschränkt. Er kann jedoch nur heißen, daß die militärischen
Formen des Kampfes den politischer Zielen der Revolution untergeordnet
sind. Lenin hat eine richtige militärische Theorie des bewaffneten
Aufstandes unter den Bedingungen eines imperialistischen Weltkrieges entwickelt.
Marx und Engels haben aus den Erfahrungen der Revolutionen von 1848 bis
1850 und der Pariser Kommune wichtige Prinzipien für die militärische
Phase des Klassenkampfes abgeleitet, die auch heute noch ihre Bedeutung
haben.
Insgesamt haben die Klassiker
der revolutionären Theorie die Annahme einer militärischen Phase
des Klassenkampfes nicht verworfen, sondern im Gegenteil als ein unvermeidliches
Stadium der Revolution gesehen, das es theoretisch zu bewältigen gilt.
Die Bedeutung des Beitrages Mao Tse-tungs zur zeitgenössischen revolutionären
Theorie besteht u. a. in der durch den chinesischen Volkskrieg überprüften
und bestätigten These, daß die revolutionäre Organisation
des Proletariats die Revolution nur dann zum Siege führen kann, wenn
sie zugleich eine militärische ist, wenn die kommunistische Partei
auch eine Rote Armee der revolutionären Klassen aufbaut.
Mao hat erkannt, daß
unter den Bedingungen des weltweit organisierten Imperialismus der Widerspruch
der militärischen Organisation der antagonistischen Klassen der Hauptwiderspruch
während einer langen Periode des sich allmählich entwickelnden
revolutionären Volkskrieges ist, dessen Bewegung den Gang der Revolution
bestimmt. Folgerichtig hat er stets der militärischen Frage seine
besondere Aufmerksamkeit zugewandt und durch seine Handlungsanleitungen
den Primat der Politik durchgesetzt.
Bei der Erarbeitung der militärischen
Theorie der proletarischen Revolution hat er in ständiger Auseinandersetzung
mit der Fraktion der Dogmatiker in der eigenen Partei, die unkritisch sowjetrussische
Vorbilder übernehmen wollten, die Prinzipien der dialektisch-materialistischen
Erkenntnistheorie korrekt angewandt, indem er die Übertragung der
von den Klassikern aufgrund anderer gesellschaftlicher Umstände gezogenen
Schlußfolgerungen, deren Überstülpung auf die chinesischen
Verhältnisse, konsequent bekämpfte und die Partei dazu erzog,
die gesellschaftlichen Zusammenhänge im revolutionären China
mit den Methoden des dialektischen Materialismus selbständig zu analysieren
und so die chinesische Gesellschaft erst zu erkennen, um dann die aus den
chinesischen Verhältnissen notwendigen und richtigen Schlüsse
zu ziehen. Nur auf diesem Wege konnte die revolutionäre Theorie entstehen,
die die revolutionären Klassen Chinas zum Siege führte.
In der Methode hat Mao den
Weg gewiesen, den künftig alle revolutionären Bewegungen zu gehen
haben. Dieser Weg besteht darin: die militärischen Konsequenzen des
Klassenkampfes als ein zentrales Problem in die revolutionäre Theorie
und Praxis einbeziehen, die Besonderheiten in den Beziehungen der einzelnen
Klassen zum revolutionären Kampf des Proletariats und des Kräfteverhältnisses
zwischen den antagonistischen Klassen sorgfältig studieren; keine
Schemata übernehmen, sondern durch selbständige analytische Untersuchungen
die angesichts des Kräfteverhältnisses möglichen und aussichtsreichen
Formen des militärischen Kampfes zur Entmachtung des Kapitals entdecken
und praktisch anwenden; durch praktische Erfahrungen das politisch-militärische
Konzept überprüfen und erforderlichenfalls korrigieren; durch
den praktischen Kampf das Kräfteverhältnis zugunsten der revolutionären
Klassen verändern, darauf aufbauend unter den veränderten Umständen
den militärischen und politischen Kampf auf die nächste, höhere
Stufe heben usw., bis zum endgültigen Sieg des Proletariats.
2.
Bewaffneter Kampf und Generalstreik
Gegenwärtig erleben
wir in der Bundesrepublik und in Westberlin die Bemühungen zahlreicher
Genossen, revolutionäre proletarische Parteien aufzubauen, nach bolschewistischen
Prinzipien die Industriearbeiterin ihren Betrieben zu organisieren, in
der Arbeiterschaft die sozialistische Revolution zu propagieren. Aber wie
stellen sie sich diese Revolution vor? Welche revolutionäre Theorie
liegt ihren organisatorischen Bemühungen zugrunde? Was sagen sieden
Arbeitern über den voraussichtlichen Verlauf der Revolution,über
die Gefahr der Verfälschung strategischer und taktischer Prinzipien?
Welches ist die Richtung, in die die Arbeiterschaft gehen soll, um den
revolutionären Prozeß bewußt zu formen und in der Revolution
zu führen?
Sie sagen den Arbeitern,
daß die Herrschaft des Kapitals beseitigt, die Diktatur des Proletariats
errichtet und die Produktionsmittel in gesellschaftliche Verfügung
genommen werden müssen. Sie propagieren Massenaktionen, eine zentralistisch-demokratische
Organisation der Avantgarde des Proletariats, die revolutionäre kommunistische
Partei, die Solidarität aller Unterdrückten. Was sagen sie, wenn
die
Arbeiterfragen, wie die Unterdrückungsapparatur des imperialistischen
Staates bezwungen und schließlich zerschlagen werden kann? Wollen
sie antworten,daß die Macht des Kapitals allein durch die "machtvollen
Manifestationen des Volkswillens", durch den Generalstreik und die Besetzung
der Fabriken durch die Arbeiter gebrochen wird?
Auch eine im nationalen Maßstab
organisierte, in den Massen verankerte,nach bolschewistischen Prinzipien
geschulte und erfahrene Arbeiterpartei wird nicht verhindern können,
daß die Herrschenden gegen die Demonstrationen und Streiks die Polizei
und die Armee einsetzen und ein Blutbad anrichten. Sie wird nicht verhindern
können, daß die aktivsten revolutionären Kader zu Tausenden
in die faschistischen Konzentrationslager verschleppt oder gleich an Ort
und Stelle umgebracht werden. Sie wird nicht verhindern können, daß
der Generalstreik am Hunger und der Erschöpfung der Massen zugrunde
geht. Diese werden zum soundsovielten Male geschlagen und von ihrer Führung,
die sie wehrlos in diese Auseinandersetzung geführt hat, enttäuscht
sein.
Die bürgerliche Staatsmacht
wird wohl durch den Aufschwung der revolutionären Massenbewegung geschwächt,
aber nicht vernichtend geschlagen. Bricht der Ansturm der Massen erst einmal
im Feuer der Konterrevolution zusammen, wird das Kapital zunächst
gestärkt aus der Auseinandersetzung hervorgehen, eine faschistische
Diktatur errichten und den " Arbeitsfrieden" nach dem Diktat der Eigentümer
wiederherstellen. Der Generalstreik lähmt zwar die Wirtschaft eines
Industrielandes, er löst aber nicht automatisch die Machtfrage. Mit
der Desorganisation entzieht er auch dem Proletariat, und diesem in Ermangelung
von Reserven sehr viel schneller, die materielle Existenzgrundlage.
Während der Mairevolution
in Frankreich hätte wohl eine in nationalem Maßstab organisierte
revolutionäre Partei ein weiteres Durchhalten des Streiks für
einige Wochen organisieren können (bestenfalls). Na und? Selbst wenn
Überall Arbeiterkomitees "die Macht" in den Städten übernommen
hätten, wenn die Fabrikkomitees die Produktion für die Bedürfnisse
des Proletariats organisiert hätten, wäre damit den Herrschenden
die Unterdrückungsapparatur der Polizei und der Armee nicht entwunden
worden. Die Theorie von dem in den allgemeinen Aufstand überzuleitenden
Generalstreik spukt als Gespenst immer noch in den Köpfen der Revolutionäre
- sie bleibt ein Gespenst, wenn der allgemeine Aufstand nicht begriffen
wird als das Endstadium eines langwierigen bewaffneten Kampfes gegen den
staatlichen Unterdrückungsapparat, der nur durch diesen Kampf allmählich
zermürbt, demoralisiert und schließlich zerschlagen werden kann.
Im Gegensatz zu den streikenden
Arbeitern verfügt eine intakte Armee über eine durchgebildete,
die ganze Nation umfassende Befehlsstruktur. Die Vorrate dieser Armee an
Versorgungsgütern, Waffen, Munition und Ausrüstung sind nicht
nur für den äußeren Konflikt,sondern auch für einen
Bürgerkrieg ausreichend kalkuliert. Das militärische Transport-
und Nachrichtenwesen ist von den öffentlichen Verkehrs- und Kommunikationsmitteln
unabhängig. Ein Streik der Eisenbahner und Postbediensteten könnte
den militärischen Apparat nicht entscheidend treffen. Eine Armee hat
es darüber hinaus noch immer verstanden, durch geeignete militärische
Operationen die für ihre Versorgung notwendigen Güter zu requirieren
und eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Produktion in Gang zu
bringen. Der Soldat verhungert immer zuletzt.
Diese für die Massenkämpfe
ungünstige strategische Ausgangslage ist nicht neu. Sie hat auch in
der Vergangenheit die Frage nach einer angepaßten Perspektive des
militärischen aufgeworfen. Engels hat sich seit seiner aktiven Teilnahme
an militärischen Gefechten während der Verfassungskampagne 1849
intensiv mit den Problemen des Krieges im allgemeinen und des revolutionären
Bürgerkrieges im besonderen befaßt. In seinem von der deutschen
Sozialdemokratie weidlich mißbrauchten"politischen Testament" - im
Vorwort zu " Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850" - legte
er dar, daß angesichts des Fortschritts der Kriegstechnik die Rebellion
alten Stils, "der Straßenkampf mit Barrikaden, der bis 1848 überall
die letzte Entscheidung gab" überholt sei. Die neue Perspektive glaubte
Engels in der allgemeinen Wehrpflicht gefunden zu haben.
"Je mehr Arbeiter in den
Waffen geübt werden, desto besser. Die allgemeine Wehrpflicht ist
die notwendige und natürliche Ergänzung des allgemeinen Stimmrechts;
sie setzt die Stimmenden in den Stand, ihre Beschlüsse gegen alle
Staatsstreichversuche mit den Waffen in der Hand durchzusetzen. Die mehr
und mehr konsequente Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht ist
der einzige Punkt, der die Arbeiterklasse Deutschlands in der preußischen
Armeeorganisation interessiert ...", schrieb Engels 1865 (" Die preußische
Militärlage und die deutsche Arbeiterpartei").
Daß Engels in diesem
Punkt irrte, bedarf nach der mehr als hundertjährigen Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung keine weiteren Darlegung. Liegt auch die größere
Unzuverlässigkeit einer Wehrpflichtigen- Armee auf der Hand - was
sich gegenwärtig auch wieder beider U S- Armee in Vietnam zeige -
so ist die Spekulation auf die massenhafte revolutionäre Gehorsamsverweigerung
und die Fraternisierung der proletarischen Soldaten nur in seltenen Ausnahmefällen
nach militärischen Katastrophen in Völkerkriegen aufgegangen.
Dem Frontwechsel der Armee in einem Bürgerkrieg wirken zahlreiche
Tendenzen entgegen, u. a. auch die von Engels erkannte Tatsache, daß
in der proletarischen Revolution das Volk weniger geschlossen in den Kampf
zieht,als es bei der bürgerlich-demokratischen Revolution noch der
Fall war. In dem bereits erwähnten Vorwort schrieb Engels 1895: "Ein
Aufstand, mit dem alle Volksschichten sympathisieren,kommt schwerlich wieder;
im Klassenkampf werden sich wohl nie alle Mittelschichten so ausschließlich
ums Proletariat gruppieren, daß die um die Bourgeoisie sich scharende
Reaktionspartei dagegen fast verschwindet. Das 'Volk' wird also immer geteilt
erscheinen."
Nach der russischen Revolution
von 1905 äußerte sich Lenin unter dem Eindruck der Erhebung
im gleichen Sinne: "Es ist ganz natürlich und unvermeidlich, daß
der Aufstand die höheren und komplizierteren Formen eines langwierigen
Bürgerkrieges, d. h. des bewaffneten Kampfes des einen Teiles des
Volkes gegen den anderen, annimmt." (Lenin: Der Partisanenkrieg; Werke
11/202 ff)
Erst jüngst sind diese
Erkenntnisse durch die Maiereignisse in Frankreich bestätigt worden.
Die Zerrissenheit des Volkes in der proletarischen Revolution ist die Bedingung
eines weiteren Machtgewinns für die Konterrevolution. Schon während
der russischen Revolution von 1905 organisierten sich faschistische Terrorbanden,
die sogenannten Schwarzhunderter. Durch Lenin ist uns das von dem zaristischen
Polizeidirektor Lopuchin formulierte Programm der faschistischen Repression
überliefert:
"Als es keine wirkliche revolutionäre
Volksbewegung gab,als der politische Kampf noch nicht mit dem Klassenkampf
zu einem Ganzen verbunden war, da genügten, weil es nur um einzelne
Personen und Zirkel ging, bloße Polizeimaßnahmen. Gegen Klassen
erwiesen sich diese Maßnahmen als bis zur Lächerlichkeit wirkungslos,
und die Unzahl der Maßnahmen begann zu einem Hemmnis für die
Arbeit der Polizei zu werden ... Gegen die Volksrevolution, gegen den Klassenkampf
kann man sich nicht auf die Polizei stützen, man muß sich ebenfalls
auf das Volk, ebenfalls auf Klassen stützen ... Man muß die
nationale Zwietracht, die Rassenzwietracht schüren, man muß
aus den Reihen der am wenigsten aufgeklärten Schichten der städtischen
(und später selbstverständlich auch der ländlichen Kleinbourgeoisie'
Schwarzhundertschaften' rekrutieren, man muß versuchen, alle reaktionären
Elemente in der Bevölkerung selbst zur Verteidigung des Throns zusammenzuschließen,
man muß den Kampf der Polizei gegen Zirkel in einen Kampf des einen
Teils des Volkes gegen den deren Teil des Volkes verwandeln. So verfährt
jetzt auch die Regierung ..." Soweit die Ausführungen Lenins zur Denkschrift
eines zaristischen Polizisten (Werke 8/193).
Diese unmittelbar aus der
Entfaltung des Klassenkampfes folgende geschichtliche Tendenz hat sich
bis in die Gegenwart fortgesetzt und in den italienischen Schwarzhemden,
den "Sturmabteilungen" (SA) und den" Schutzstaffeln" (SS) der Nazis ihre
vorläufige Vollendung gefunden. "Vollendung" des faschistischen Terrors
ist aber nicht gleichbedeutend mit seiner "Beendigung". Die Herrschenden
haben die Lektion nicht verlernt. In Frankreich folgte auf die Demonstration
von 1 Million Arbeitern und Studenten vom 13. Mai die "Manifestation" von
800 000 Bourgeois und kleinbürgerlichen Elementen, die ihre Entschlossenheit
zur Verteidigung des kapitalistischen Systems bekundeten und unverzüglich
darangingen, im ganzen Land "Komitees zur Verteidigung der Republik" (CDR)
zu organisieren.
Wer wollte nach den geschichtlichen
Erfahrungen leugnen, daß die im Rücken der proletarischen Organisationen
operierenden faschistischen Verbände durch allgemeinen Terror, Spitzeldienste
und Provokationen die Armee- und Polizeieinheiten bei der Niederwerfung
des Aufstandes sehr wirksam unterstützen können?
Den Herrschenden ist auch
die Unzuverlässigkeit eines aus dem Volke rekrutierten Wehrpflichtigen-
Heeres nicht verborgen geblieben. Angesichts der steigenden revolutionären
Flut ist in allen westlichen Industrieländern die Tendenz feststellbar,
die Wehrpflicht zu kassieren und Elite- Einheiten für die Bekämpfung
von Aufständen und Guerilla- Aktionen aufzustellen, den proletarischen
Soldaten zu ersetzen durch den technisch perfektionierten Berufskiller.
Derartige Kampfeinheiten sind gegen Desertationstendenzen weitgehend immun.
Eine Fraternisierung des Berufsheere mit den revolutionären Massen
wird zur blanken Utopie. Es ist gegenwärtig nicht schwer vorstellbar,
daß die proletarischen Massen in Frankreich und Italien mit Generalstreiks
und Aufständen nach der Macht greifen. Ebenso leicht ist aber auch
das Vorgehen und die Politik der Militärkaste abzusehen. General Massu
war während der Maiereignisse in Frankreich im Begriff, die militärische
Phase des Klassenkampfes einzuleiten. Seine Panzereinheiten marschierten
unter dem Beifall der bürgerlichen Presse auf Paris.
Man sollte, wenn man an Revolution
denkt, sich konkret vorstellen, was die seinem Befehl unterstellten Eliteeinheiten
unter der französischen Proletariat angerichtet hätten. Man mag
einwenden,daß ein Durchgreifen der Armee nur um den Preis schwerer
Zusammenstöße mit vielen Toten möglich gewesen wäre,daß
sich Teile der Wehrpflichtigen- Armee geweigert hätten, auf Arbeiter
zu schießen. Wären die Herrschenden vor einem Blutbad zurückgeschreckt?
Moralische Skrupel wird ihnen niemand unterstellen wollen. Sicher, sie
weichen zuweilen zurück, machen Zugeständnisse, lassen Kabinette
fallen, gehen Koalitionen mit traditionell-kommunistischen Parteien ein,
wenn diese sich auf den Boden der Bürgerlichen Verfassung stellen,
schrecken scheinbar vor dem "Äußersten" zurück.
Die Gründe für
diese Nachgiebigkeit zeigen zugleich ihre Grenzen: Sie ist ein Selbsterhaltungsreflex.
Das Kapital geht einen Schritt zurück, um den Schlag des Proletariats
abzufangen und die Kraft für den Gegenschlag zu erhalten. Es wird
aber nicht abdanken. Trotz Fabrikbesetzungen, Selbstversorgung und proletarischer
Verwaltung wäre durch das Eingreifen der Armee der Revolutionären
die Initiative verlorengegangen. Die Militärpolitik in solchen Fällen
ist erprobt und im wesentlichen überall die gleiche: Zuverlässige
Verbände der Armee führen an strategisch wichtigen Punkten die
Überlegenheit des Unterdrückungsapparates exemplarisch vor. Dadurch
werden schwankende und inaktive Einheiten der Polizei und Armee stabilisiert
und gleichzeitig wichtige Stellungen des Proletariats liquidiert, insbesondere
die in jeder Revolution vorhandenen Orientierungspunkte - im Mai 1968 waren
es die Autowerke von Renault und Citroen -, die wie eine Fahne in der Schlacht
Sieg oder Niederlage signalisieren.
Die aktiven Kader, die Mitglieder
der proletarischen Verwaltungsorgane, die unmöglich konspirativ arbeiten
können, die Führer des Streiks bzw. Aufstandes werden zu Tausenden
verhaftet, in Konzentrationslager verschleppt oder unter dem Kriegsrecht
erschossen. Versorgungsaktionen des Proletariats werden von der Armee unterbunden
und als Plünderung nach Kriegsrecht bestraft. Sie übernimmt statt
dessen unter dem Vorwand einer gerechteren Bedarfsdeckung selbst die Verteilung
der notwendigen Lebensmittel an die Bevölkerung. Durch Hilfsprogramme
des internationalen Kapitals ist die Armee häufig auch in der Lage,
mehr und bessere Versorgungsgüter heranzuschaffen.
Auf der anderen Seite werden
die Herrschenden ihre Bereitschaft beteuern, nach Wiederherstellung der
Ordnung auf die "berechtigten Forderungen der Arbeiter" einzugehen. Je
länger die Auseinandersetzungen andauern,desto größer wird
die Gefahr, daß Fraktionen der Arbeiterschaft in Verhandlungen mit
den bürgerlichen Parteien eintreten,"um zu retten, was zu retten ist".
Die Schlacht ist verloren.
Wer könnte die Armee-
Einheiten an der Bewegung im Lande hindern? Wer wolle in einer solchen
Lage die Panzer, die Hubschrauber, die mobilen Kolonnen, die Säuberungskommandos
der "Paras","Marines", "Rangers" oder wie sie immer heißen mögen,
aufhalten? Die aus dem Boden gestampften, schlecht ausgebildeten und unerfahrenen
Kampfeinheiten der Arbeiter, die sich bestenfalls durch Aktionen gegen
Polizeistationen und Armeeaußenposten nur mit leichten Waffen ausrüsten
könnten? Sollten sich reguläre Armee- Abteilungen auf die Seite
der Revolution schlagen, ihr Potential wäre schnell aufgerieben.
Das alles liegt auf der Hand.
Es scheint jedoch, als wachse die Neigung, vor den militärischen Bedingungen
der Revolution die Augen zu verschließen, in gleichem Maße
wie der Unterdrückungsapparat auf die Niederschlagung von Unruhen
und Aufständen spezialisiert wird. Anders ist es wohl kaum zu erklären,
daß Mandel, ein bedeutender revolutionärer Theoretiker der Gegenwart,
nach den Erfahrungen der Revolution von 1968 eine "Typologie der Revolution
in imperialistischen Ländern" entwirft, deren strategische Elemente
sind: "Generalstreik ..., Fabrikbesetzungen, immer massivere und härtere
Streikposten (?), die unmittelbare Entgegnung auf jede Art von gewaltsamer
Unterdrückung (?), Demonstrationen auf der Straße, die sich
in gefechtsartige Zustände und beständige Fühlungnahme mit
den Kräften der Unterdrückung (?) bis zum Wiedererscheinen von
Barrikaden verwandeln ..." In einer Fußnote (!) unternimmt er es,
das militärische Programm zu konkretisieren. Das hört sich so
an:
"Seit dem Beginn der Fabrikbesetzungen
suchten die Unterdrückungskräfte, einige von den Streikenden
besetzte strategische Punkte zurückzugewinnen, so zum Beispiel das
Fernmeldeamt. Eine Arbeiterbewegung, die von den Ereignissen nicht unvorbereitet
überrascht worden wäre, hätte es verstanden diese ohne Widerstand
eroberten Schlüsselpositionen zu verteidigen und diese Provokationen
der Macht (!) zum Anlaß zu nehmen, den Massen Schritt für Schritt
die Vorstellung einer der Verteidigung dienenden Bewaffnung der Streikposten
beizubringen. Auf diese Weise hätte 'die Angst vordem Bürgerkrieg'
durch den Willen zur Selbstverteidigung ersetzt werden können."
Solche Konzepte mögen
taugen für ein Land, wo die Armee mit Mottenkugeln schmeißt.
Indessen würde jeder französische Unteroffizier aus dem Stegreif
einen tauglichen Kriegsplan für die Liquidierung eines so gearteten
"militärischen Widerstandes"entwickeln können. Es ist zum Weinen!
Was kommt dann nach solchen Abenteuern?
Nach der militärischen
Niederlage folgt für die dezimierten Kader die Zeit des "Widerstandes"
in der Illegalität, das Bündnis mit allen "antifaschistischen"
Kräften, mögen diese auch Fraktionen des Bürgertums sein.
Die Kraft der faschistischen Diktatur wird allmählich nachlassen.
Die "Einheitsfront" der demokratischen Kräfte erscheint auf der Bühne,
die politische Erhebung rückt in den Bereich des Möglichen. Ihr
Ergebnis kann aber wiederum nur die Herstellung der "bürgerlichen
Demokratie" - also der präfaschistischen Formation der verschleierten
Diktatur der Bourgeoisie - sein.
Denn nur um diesen Preis
ist die Einheitsfront und ein Ende des faschistischen Regimes möglich.
Nur wenn die "bürgerliche Demokratie"gewährleistet ist, zeigt
sich das Kapital nachgiebig und bereit, seine faschistischen Statthalter
abzuberufen. Es entsteht so ein Kreislauf der verschiedenen Herrschaftsformen
des Kapitals. Auf die parlamentarische Scheindemokratie folgt die offene,
faschistische Diktatur der Bourgeoisie,dieser wiederum die parlamentarische
Herrschaftsform usw., bis das Proletariat endlich begriffen hat, daß
die militärische Niederringung des Klassenfeindes durch keine andere
Kampfform, durch kein Bündnis mit anderen politischen Kräften,
durch keine Volks- und Einheitsfrontpolitik ersetzt werden kann, sondern
daß alle anderen Formen des Klassenkampfes und politische Bündnisse
nur eine unterstützende Bedeutung für den bewaffneten Kampf haben
können. Das ist die Perspektive der endlosen Irrtümer und blutigen
Niederlagen. Sie wird die Arbeiter kaum davon überzeugen können,daß
es notwendig und sinnvoll ist, sich zu engagieren und am revolutionären
Kampf teilzunehmen. Eines sollten die Genossen begriffen haben: nicht die
sichere Erwartung der Niederlage, sondern nur die Aussicht auf den Sieg
begeistert die Massen zu revolutionären Taten. Ohne diese Begeisterung
hat in der Geschichte der Klassenkämpfe noch keine Revolution gesiegt.
Deshalb "müssen (wir)
den Volksmassen die Perspektive unseres Sieges im Krieg vor Augen führen
und ihnen begreiflich machen, daß die Niederlagen und Schwierigkeiten
vorübergehenden Charakter haben und daß der endgültige
Sieg zweifellos unser sein wird, wenn wir trotz aller möglichen Rückschläge
unbeugsam kämpfen". (Mao) Daraus folgt aber zugleich, daß auch
die bestorganisierte und ausgebildete Kaderpartei die Massen nicht wird
mobilisieren können, wenn sie nicht in der Lage ist, den Massen überzeugend
die Möglichkeiten eine Sieges aufzuzeigen. Da helfen keine Tricks.
Die vielfach belogenen,enttäuschten und geschlagenen Massen sind in
dieser Hinsicht sehr kritisch.
3.
Proletarisches Bewußtsein, revolutionäre Theorie und die Rolle
der revolutionären Intelligenz
Die oben entwickelte hypothetische
Diskussion zwischen revolutionären Kadern und Arbeitern ist ein erster
entscheidender Prüfstein für die Tauglichkeit einer revolutionären
Theorie. Jede Propaganda, die revolutionäre Ziele proklamiert, wird
wirkungslos bleiben, wenn sie nicht die konkreten Wege bezeichnet, auf
denen diese Ziele erreicht werden können. Hier liegt ein entscheidender
Unterschied zur bürgerlichen "Bauernfängerei". Die bürgerliche
Propaganda will die Massen gerade von selbständigem politischen Handeln
fernhalten und lediglich die Akklamation zu einem "stellvertretenden" Handeln
durch politische Parteien und Parlamentarier erreichen.
Dafür sind nebulose,
schönklingende, im Grunde nichtssagende, jedoch alles-verheißende
Parolen vorzüglich geeignet. Die revolutionäre Propaganda dagegen
zielt auf die eigene,selbstbewußte Aktion der Massen. Sie hat für
diese Aktion Handlungsanleitungen zu empfehlen, die notwendig konkret und
realistisch sein müssen. Die ersten praktischen Schritte bringen Klarheit
darüber, ob die Propaganda nur Phrase oder wirklichkeitstüchtiger
Wegweiser ist.
Wer mit uns darin übereinstimmt,
daß die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft nur möglich
ist, wenn die Macht des Kapitals gebrochen wird, kann nicht mehr der Frage
ausweichen, wie diese Macht konkret zerstört werden kann. Das ist
die entscheidende Frage. bleibt sie ohne Antwort, sind alle Anstrengungen
vergeblich und eigentlich nur Betriebsamkeit zur Beruhigung des eigenen
Gewissens.
Die politische Organisation
des Proletariats, die kommunistische Partei, ist kein Selbstzweck. Die
Revolution ist nicht vollbracht, wenn die Parteiorganisation steht. Niemand
behauptet das. Und doch ist entgegen allen theoretischen Beteuerungen in
der Vergangenheit die Organisation wiederholt zum Selbstzweck geworden,
hat der Wunsch nach Schonung und Erhaltung der Partei, nach Wahrung ihrer
Legalität in wichtigen Entscheidungssituationen zum Rückzug aus
den vordersten Linien des Klassenkampfes geführt. Geschichtliche Erfahrung
macht es notwendig, die Warnung Maos vor der Verfälschung der marxistischen
Theorie zum Selbstzweck auch auf die Partei zu beziehen.
Ebenso wie die revolutionäre
Theorie ist auch deren organisatorischer Ausdruck, die kommunistische Partei,
in den Händen des Proletariats ein Pfeil. Der Pfeil ist aber nutzlos,
wenn man ihn in den Fingern dreht und ein über das andere Mal verzückt
ausruft: "Ein schöner Pfeil! Oh, welch ein schöner Pfeil!" und
dabei versäumt, ihn auf den Feind, die Bourgeoisie, zu richten und
ab zuschießen. Dieser Pfeil ist ein Werkzeug zur Veränderung
der Gesellschaft. Eine Waffe zur Entmachtung des Kapitals. Das Werkzeugmuß
seinem Zweck entsprechen. Die Waffe muß der Ausrüstung des Feindes
gewachsen und überlegen sein. Bevor ein Werkzeugmacher darangeht,
das rohe Eisen zu einem Instrument zu formen, muß er wissen,für
welche Operationen es taugen soll. Nicht anders verhält es sich beim
Aufbau einer revolutionären Partei. Wie können wir sie schaffen,
wenn wir nicht wissen - jedenfalls in Umrissen und in einer ersten Näherung
-, wie der konkrete revolutionäre Prozeß aussehen wird und wie
er beeinflußt werden muß. Für einen nur-gewerkschaftlichen
Kampf wird die Organisation eine andere sein müssen als für eine
Partei, die durch legalen politischen Kampf die Parlamentsmehrheit erobern
will. Liegt der Schwerpunkt des Kampfes bei illegalen Methoden, muß
die Partei konspirativ, also gänzlich anders als eine offen auftretende
organisiert werden. Besteht über den Inhalt und die Formen des revolutionären
Kampfes keine Klarheit, geraten wir in die Gefahr, eine Parteiorganisation
zu schaffen, die bestenfalls untauglich ist für die Führung der
revolutionären Massen, die - was viel schlimmer wäre - aber auch
zu einem Hindernis für die Bewegung werden kann.
Entsteht die Partei ohne
theoretisches Bewußtsein ihrer Zwecke im revolutionären Prozeß,
wird sich die so wachsende Organisation später eine "Theorie" auf
den Leib schneidern, die allein ihren Möglichkeiten und Grenzen entspricht,
die Bedürfnisse der revolutionären Bewegung aber unberücksichtigt
läßt. Die Klassenkämpfe der Vergangenheit haben die Entwicklung
des wissenschaftlichen Sozialismus vorangetrieben. Er ist zu einem festen
Fundament der sozialistischen Weltrevolution geworden. Diese Theorie -
soll sie ihre praktische Funktion erfüllen - muß jedoch in jeder
neuen Phase des revolutionären Gesamtprozesses aufgrund der Erfahrungen
und der veränderten Umstände weiterentwickelt werden. Sie würde
lückenhaft und unbrauchbar, wenn veränderte zusammenhänge
und die Resultate vergangener Kämpfe in die Analyse nicht einbezogen
würden.
In der westdeutschen Gesellschaft
haben sie gegenüber 1918, 1923 und 1933 Veränderungen ergeben;
die Siege der Arbeiterklasse im internationalen Maßstab sowie die
Niederlagen des deutschen Proletariats im nationalen Rahmen haben neue
Einsichten in die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze eröffnet. Das
imperialistische Weltsystem hat sich an die durch den Sieg der russischen
Oktoberrevolution grundlegend veränderte Situation angepaßt.
Demgegenüber ist die revolutionäre Theorie, sind die Ansichten
der westdeutschen Kommunisten über die konkreten Wege zur Errichtung
der Diktatur des Proletariats zurückgeblieben.
Die deutschen Sozialdemokraten
der II. Internationale haben wenigstens versucht, sich konkret vorzustellen,
wie der Weg zur Arbeitermacht aussehen müßte; wenngleich ihre
Überlegungen heute auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem deutschen
Faschismus unglaublich naiv erscheinen. Anton Pannekoek hielt allen Ernstes
die "Lahmlegung der Presse, Verbot von Versammlungen, Verhaftung der Kampfleitung
..., Belagerungszustand und falsche Nachrichten" für die "äußersten
Maßnahmen" der Bourgeoisie gegen den revolutionären Kampf des
Proletariats. Auch die Vorstellungen Kautskys und Rosa Luxemburgs über
die Möglichkeiten der Konterrevolution gingen über die Erfahrungen
des Sozialistengesetzes nicht hinaus. Die Massenaktionen des russischen
Proletariats von 1905 haben im übrigen dazu beigetragen, Illusionen
über die Wirksamkeit von Massenstreiks in den Reihen der deutschen
Sozialisten wild wuchern zu lassen; Illusionen, gegen die Lenin mehr als
ein Jahrzehnt erbittert gekämpft hat.
Die russischen Revolutionäre
- allen voran Lenin - haben schon 1901 -also 16 Jahre vor dem Sieg der
proletarischen Revolution und noch vordem Aufbau der bolschewistischen
Partei die Notwendigkeit dargelegt, den bewaffneten Aufstand systematisch
und geduldig vorzubereiten und zu organisieren, insbesondere die Organisationsprinzipien
der kommunistischen Partei dieser Aufgabe anzupassen. Lenin kam zu dem
Schluß, daß das russische Proletariat "eine militärische
Organisation von Agenten" brauche. Er meinte damit die Partei. Seine organisatorischen
Vorstellungen faßte Lenin in der Broschüre "Was tun?" wie folgt
zusammen:
"... der Aufstand ist doch
im Grunde genommen die energischste und zweckmäßigste ' Antwort'
des gesamten Volkes an die Regierung. Gerade eine solche Arbeit (die Schaffung
und Verbreitung einer gesamtrussischen sozialistischen Zeitung) würde
endlich alle revolutionären Organisationen an allen Ekken und Enden
Rußlands dazu anhalten, ständige und gleichzeitig streng konspirative
Verbindungen zu unterhalten (hervorgehoben vom Verf.), die die faktische
Einheit (hervorgehoben von Lenin) der Partei schaffen - ohne diese Verbindungen
aber ist es unmöglich, den Plan des Aufstandes kollektiv zu beraten
und am Vorabend des Aufstandes die notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen
zu treffen, über die das strengste Geheimnis gewährt werden muß.
Mit einem Wort, der 'Plan einer gesamtrussischen politischen Zeitung' ist
nicht nur keine Frucht der Studierstubenarbeit von Personen, die von Doktrinarismus
und Literatentum angesteckt sind ..., sondern ist im Gegenteil der praktische
Plan, um von allen Seiten und unverzüglich mit der Vorbereitung des
Aufstandes zu beginnen, ohne dabei auch nur für einen Augenblick die
dringende Klassenarbeit zu vergessen."
Was hört man heute von
westdeutschen Kommunisten über die konkreten Wege und Methoden der
revolutionären Bewegung? Über die praktischen Zwecke der revolutionären
Organisation? Bestenfalls nichts! - Manchmal faselt man aber auch von der"
Iskra- Funktion" irgendeines der heute recht zahlreich entstehenden Blättchen
und offenbare damit ein an Verstocktheit grenzendes Unverständnis
für die leninschen Gedanken. Der heute allenthalben zu vernehmende
Aufruf an das Proletariat, sich zu organisieren, ist so alt wie das Kommunistische
Manifest. Er kann aber die Lücke der revolutionären Theorie nicht
hinweg täuschen. Diesem Aufruf einen zeitgemäßen, theoretisch
ausgerichteten Inhalt zugeben, ist eine Aufgabe, die noch gelöst werden
muß.
Es ist nicht wahr und ein
verhängnisvoller Irrtum vieler Genossen, daß die revolutionäre
Theorie für die gegenwärtigen Kämpfe in der westdeutschen
Gesellschaft nur von einer nach bolschewistischen Prinzipien aufgebauten
Kaderorganisation des Industrieproletariats entwickelt werden könnte.
Als Thema mit Variationen hören wir immer wieder, daß das Proletariat
nicht bevormundet werden dürfe. Das ist richtig. Aber was heißt
das? Wir hören,daß die Studenten aufgrund ihrer anderen Klassenlage,
insbesondere wegen der (klein)bürgerlichen Einflüsse, denen sie
ausgesetzt seien, die revolutionäre Avantgarde nicht seien. Man sagt,
daß es gegenwärtig darauf ankomme, das Proletariat in den Betrieben
für die ersten Schritte zu organisieren und zu mobilisieren, um es
so zu befähigen, innerbetriebliche Konflikte organisiert aufzugreifen
und auszutragen. Dadurch sollen Lernprozesse vermittelt werden, deren Resultate
es den Arbeitern angeblich ermöglichen, weitergehende Handlungsanleitungen
für die Lösung der Machtfrage im gesamtgesellschaftlichen Maßstab
zu erarbeiten. Die Vergötzung der Spontaneität feiert ihre Wiederauferstehung.
Ideengeschichtlich handelt es sich um eine Neuauflage der Theorie von der
"Taktik als Prozeß" (vgl. Lenin, Werke, Bd. 5, S. 228).
Wer die Lehren der Geschichte
ignoriert, ist dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen. In den vergangenen
Jahrzehnten hat das Industrieproletariat in Deutschland "organisiert und
massenhaft" derartige Konflikte aufgegriffen, politisiert und kämpferisch
ausgetragen. Das Ergebnis war aber keineswegs eine brauchbare, eindeutige
und einheitliche revolutionäre Theorie, sondern eine Vielfalt sich
durchkreuzender politischer Tendenzen in der Arbeiterschaft.
Ein weiteres Ergebnis dieses
Erfahrungsprozesses ist die dem Geschichtsbild des westdeutschen Proletariats
tief eingeprägte Resignation, deren aggressive Variante der in den
Köpfen der Arbeiter spukende Antikommunismus ist. Ist aus Resignation
auch nur ein einziges Mal ein revolutionärer Gedanke gekrochen? In
den Zeitungen finden wir täglich Meldungen über mehr revolutionäre
Kampfe in mehr Ländern dieser Erde, in mehr Städten und mehr
Dörfern, mehr Schüsse, mehr Bomben. Diese Meldungen signalisieren
die steigende revolutionäre Flut. Wir finden aber kaum Meldungen darüber,
daß irgendwo in der Welt das Industrieproletariat in vorderster Linie
an diesen Kämpfen teilnimmt oder gar neue Theorien oder Organisationsformen
hervorgebracht hat.
Der Kampf der spanischen
Arbeiterkommission ist heldenhaft. Seine Perspektive ist aber lediglich
die Wiederherstellung der bürgerlichen Republik. Die" Oppositionspolitiker"
stehen schon bereit. In den USA verschärfen sich die Auseinandersetzungen.
Die Aktionen der revolutionären Kräfte nehmen zu. Aber werden
sie vom Industrieproletariat oder auch nur von Teilen desselben unterstützt
oder gar angeführt? Bei fast 5 Millionen Arbeitslosen könnte
man das vermuten. Fehlanzeige! Ist es Zufall, daß an allen Fronten
junge Angehörige der Intelligenzschicht insbesondere Studenten eine
wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle spielen? Diese Tatsachen wollen
analysiert sein. Mit einer Mystifizierung der Industriearbeiterschaft ist
Proletariat am wenigsten geholfen. Das haben Engels und Lenin mit der Feststellung
sagen wollen,daß Träger des revolutionären Bewußtseins
zwar das Industrieproletariat sei, dieses aber aus sich heraus und auf
sich allein gestellt nur ein "tradeunionistisches", ein nur-gewerkschaftliches
Bewußtsein entwickeln könne? Wie haben wir den Hinweis im Kommuniquè
des 11. Plenums des VIII. Zentralkomitees der KP Chinas vom 12. 8. 1966
zu verstehen, daß die arbeitenden Massen erstmals nach der Massenkampagne
zum Studium der Werke Mao Tse-tungs den Marxismus- Leninismus unmittelbar
beherrschen und anwenden, also erst nach der Revolution?
Die Antwort auf diese Frage
ergibt sich aus den Gesetzmäßigkeiten des Erkenntnis- und Theoriebildungsprozesses
in der Klassengesellschaft. Wie entsteht richtige Erkenntnis, wie bildet
sie eine wissenschaftliche Theorie? Wie wirkt sich die Klassenlage des
Proletariats in diesem Prozeß aus? In seiner praktischen Tätigkeit
erfährt der Mensch sinnliche Eindrücke der gegenständlichen
und sozialen Umwelt (sinnliche Erfahrung). Die ständige Wiederholung
gewisser Eindrücke und deren Verknüpfung vermitteln - ebenfalls
noch auf sinnlicher Ebene - das Erlebnis von Ursache und Wirkung. Auf der
Grundlage dieser sinnlichen Erfahrung entstehen im Laufe der Zeit gedankliche
Kategorien, die die in der Natur und Gesellschaft vorhandenen, aber den
Sinnesorganen nicht unmittelbar zugänglichen Beziehungen der objektiven
Umwelt widerspiegeln. Im menschlichen Denken entwickelt sich die Fähigkeit
zur Abstraktion und zu rationalen, von unmittelbar-sinnlichen Vorstellungsinhalten
abgelösten Schlußfolgerungen, deren Endglieder (Ergebnisse)
in der praktischen Tätigkeit überprüft und erforderlichenfalls
verworfen oder korrigiert werden.
In diesem Prozeß nimmt
jede Generation den Erkenntnis- und Erfahrungsschatz der vorangegangenen
in ihr Weltbild auf und entwickelt es auf dieser Grundlage weiter. Um zu
neuen, gültigen Ergebnissen zu kommen,muß jede folgende Generation
mehr Erfahrungen und Resultate vorläufiger Abstraktionen in ihren
Erkenntnisprozeß einbeziehen. Für die Klassenlage des Proletariats
im Kapitalismus ist es aber kennzeichnend, daß es im Laufe seiner
Anpassung an seine ökonomische Funktion im Produktionsbereich auch
nicht annähernd das Erfahrungswissen und den Grad von Abstraktionsfähigkeit
vermittelt bekommt, die notwendig sind, um aus den im gesellschaftlichen
Bereich gesammelten sinnlichen Erfahrungen richtige Schlußfolgerungen
ziehen zu können, die auf der Höhe ihrer Zeit sind und nicht
mehr oder weniger modifizierte, längst überholte Vorstellungsinhalte
vergangener Perioden wiederholen. Dieser in der Klassenlage begründete
Widerspruch kann erst mit der Lösung des Klassenwiderspruchs zwischen
Kapital und Arbeit aufgehoben werden.
Eine zeitgemäße
revolutionäre Theorie kann daher nur von denen entwickelt werden,
die aufgrund ihrer objektiven Klassenlage die Möglichkeit haben, die
Erfahrungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse der Vergangenheit verstehend
in ihre Überlegungen einzubeziehen und die über das Abstraktionsvermögen
verfügen, das es ihnen ermöglicht, die in den Klassenkämpfen
der Gegenwart gesammelten Erfahrungen auf dem historischen Hintergrund
unseres Erkenntnisstandes zu analysieren, zu interpretieren und zu verallgemeinern.
Es ist also kein Zufall,
daß die entscheidenden Stationen der Entwicklung des wissenschaftlichen
Sozialismus von Denkern und Revolutionären markiert werden, die nach
ihrer Herkunft nicht dem Proletariat zuzurechnen sind, die aber gerade
deshalb die Voraussetzungen für weiterführende theoretische Arbeiten
mitbrachten: Marx und Engels in der Periode der ersten industriellen Revolution
und der Entstehung der organisierter Industriearbeiterbewegung; Lenin in
der Periode des ersten imperialistischen Weltkrieges und der Entstehung
einer revolutionären Situation in Rußland durch den Verschleiß
des absolutistischen Machtpotentials des Zarismus in kolonialen Raubkriegen
und schließlich in einem Weltkrieg; Mao Tse-tung in der Periode,
die durch den Sieg der Oktoberrevolution und den zweiten imperialistischen
Weltkrieg gekennzeichnet ist.
Eine wesentliche Bedingung
für die Verallgemeinerung der revolutionären Theorie bestand
in ihrer Übereinstimmung mit den Erfahrungen der revolutionären
Klassen, die, gestützt auf diese Theorie, in ihren Kämpfen gegen
Feudalismus, Absolutismus und Kapitalismus eine Reihe von Erfolgen erringen
konnten.
Lediglich um die Übereinstimmung
geschichtlicher Erfahrungen zu dokumentieren, seien die Ausführungen
Lenins zu dieser Frage auszugsweise wiedergegeben: "Die Geschichte aller
Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse ausschließlich
aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorzubringen
vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden
zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen,der
Regierung diese oder Jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen
uam. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen
und ökonomischen Theorien hervorgegangen,die von den gebildeten Vertretern
der besitzenden Klassen, der Intelligenz,ausgearbeitet wurden. Auch die
Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels,
gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz
an. Ebenso entstand auch in Rußland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie
unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand
als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung
der revolutionären sozialistischen Intelligenz ..."
Es spricht nichts für
die Annahme, daß sich in diesem Verhältnis zwischen proletarischem
Bewußtsein und revolutionärer Theorienbildung eine qualitative
Veränderung vollzogen hat. Ein Unterschied besteht allerdings darin,
daß sich die Klassenlage eines erheblichen Teiles der Intelligenz,
insbesondere der Studentenschaft fortschreitend wandelt. War es zur Zeit
Marxens und Lenins so,daß sich die Intelligenz sowohl aufgrund ihrer
Herkunft als auch aufgrund ihrer Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozeß,
also durch ihre objektive Klassenlage als Schicht mit den Interessen der
Ausbeuterklassen identifizierte und lediglich einzelne Individuen dieser
Schicht sich auf die Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten schlugen,so
nehmen Teile der Intelligenz heute weniger aufgrund ihrer Herkunft, als
vielmehr durch ihre Funktion im Produktionsprozeß eine Zwischenstellung
ein, die das Bewußtsein der jungen Intelligenz ebenso prägt
wie die Tatsache, daß ihre Herkunftsschicht in weitaus stärkerem
Maße von Deklassierung bedroht oder bereits betroffen ist als früher.
Diese Faktoren bewirken eine
gesteigerte Sensibilität für Herrschaftsstrukturen allgemein
und im bürgerlichen Ausbildungs- und Qualifikationsprozeß im
besonderen. Diese Änderung der Klassenlage begünstigt die Aufnahme
des wissenschaftlichen Sozialismus in breiten Schichten der Studentenschaft,
die sich dieser Theorie bedienen, um ihr eigenes Klasseninteresse, das
ein antikapitalistisches ist, zu ergründen und gegen die Herrschenden
durchzufechten.
Die rebellischen Studenten
werden in diesem Prozeß Teil der antikapitalistischen sozialrevolutionären
Bewegung der Gegenwart. Durch verschiedene Faktoren ist den sozialistischen
Kadern der Studentenbewegung eine Avantgarde- Funktion im gesamtgesellschaftlichen
Maßstab zugefallen. In der Studentenbewegung sind heute die Ziele
und Methoden der revolutionären Bewegung theoretisch am klarsten formuliert
und wissenschaftlich begründet. Nicht die Organisationen der Industriearbeiterschaft
sondern die revolutionären Ziele der Studentenschaft sind heute Träger
des zeitgenössischen revolutionären Bewußtseins.
Die Studenten haben vor Jahren
den Kampf aufgenommen und durch ihre Aktionen jedenfalls in Westdeutschland
und in den USA die revolutionär-sozialistische Bewegung erst wiederbelebt.
Im Verlaufe ihres Kampfes haben sie Erfahrungen gesammelt, theoretisch
untersucht und verallgemeinert. Die revolutionäre Theorie ist in diesem
Prozeß umwichtige Aspekte bereichert worden, die praktisch-theoretische
Auseinandersetzung mit dem Revisionismus der traditionellen kommunistischen
Parteien und mit dem Sozialdemokratismus ist ein wichtiger Beitrag. Die
revolutionären Studenten sind Teil der Massen, auf die sich eine revolutionäre
Partei stützen muß.
Das Gebot, in allem der Massenlinie
zu folgen, heißt also auch, in die Massen der revolutionären
Studenten gehen, deren Auffassungen kennenlernen, sorgfältig analysieren,
zusammenfassen, verallgemeinern falsche Ansichten kritisieren, richtige
hervorheben und in verallgemeinerter Form in die Massen zurücktragen.
Die Kader müssen die Auffassungen studieren, die sich aus den Erfahrungen
der vergangenen drei Jahre bei den revolutionären Studenten über
den Charakter der Staatsgewalt,über die Rolle der revolutionären
Gegengewalt, über die Bedingtheit der Gewalttätigkeit der unterdrückten
Massen, über das Kräfteverhältnis zwischen Revolution und
Konterrevolution und die Bedingungen seiner Veränderung entwickelt
haben.
Dieses Studium und die daraus
zu gewinnende Verallgemeinerung ist ein wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung
der revolutionären Theorie. Der Massenlinie folgen, heißt aber
auch, die Auffassungen der werktätigen Bevölkerung kennenlernen,
studieren, kritisieren verallgemeinern und in die Massen zurücktragen.
Bei diesem Studium ist aber zu beachten, daß sich das proletarische
Klassenbewußtsein durch die Einflüsse der bürgerlichen
Ideologie und unter dem Eindruck der erlittenen Niederlagen in vielfältig
gebrochener, verdeckter und verzerrter Spiegelung der objektiven Klassenlage
vorfindet. Bevor eine kritische Verallgemeinerung möglich ist, sind
die durch die feindliche Ideologie verursachten Verzerrungen zu beseitigen;
denn revolutionäres Handeln entwickelt sich nur auf der Grundlage
einer richtigen Widerspiegelung der Klassenlage. Vertrauen in die Massen
setzen, heißt nicht, über die Deformationen des proletarischen
Klassenbewußtseins hinwegsehen, heißt nicht, alle politischen
Äußerungen der Massen - mögen diese auch oppositionell
sein - nachbeten, heißt nicht, von den Massen ein Bild zeichnen,
das der Wirklichkeit nicht entspricht. Vertrauen in die Massen setzen,
heißt, auch in der scheinbar gegen die revolutionären Elemente
gerichteten Einstellung der Massen, im deformierten Klassenbewußtsein
die nur verschütteten revolutionären Energien entdecken und freilegen.
Denn diese Energien der Massen können die Revolution zum Sieg treiben.
In der überall vorhandenen
offenen oder verdeckten Aggressivität entdecken wir so die vorhandene,
lediglich deformierte Abwehrreaktion der Massen gegen die Unterdrückung,
unter der die leiden. Die ständig wiederholte öffentliche und
versteckte Billigung der Gewaltanwendung gegen vermeintliche innere und
äußere Feinde, die Forderung nach solcher Gewaltanwendung gegen
die vermeintlichen Verursachen allgemein empfundener Bedrohung und Unsicherheit,
sind ein Ausdruck des im Kern richtigen Bewußtseins, daß in
der Klassenauseinandersetzung die Gewalt über die Durchsetzung der
Klasseninteressen entscheidet. Die Massen sind von der bürgerlichen
Morallehre keineswegs so angekränkelt, daß sie in der Gewalt
als Mittel sozialer Auseinandersetzungen ein ethisches Problem sehen. im
Gegenteil: sie sind viel eher als ein bürgerlich erzogenes Individuum
bereit, zur Durchsetzung ihrer Interessen selbst Gewalt anzuwenden. Wenn
sie sich gleichwohl zuweilen recht drastisch - gegen Gewaltakte revolutionärer
Gruppen wenden, so nicht deshalb, weil sie gegen Gewalt sind, sondern allein
deshalb, weil sie emotional gegen diese revolutionären Gruppen eingestimmt
sind.
Die dem Klasseninteresse
entsprechende richtige Richtung dieser positiven Einstellung zur Gewalt
kommt in den in Tagträumen und Stammtisch prahlereien den "Vorgesetzten"
als Symbolfiguren der Unterdrückung zugedachten Schicksalen zum Ausdruck.
Daß die Neigung, dem "Meister", "Abteilungsleiter" oder "Chef" einfach
"eine zu pellen" und ihn davon zu jagen nicht am eigentlichen Angriffsobjekt
realisiert wird, sondern auf - notorisch schwächere - Ersatzfiguren,
auf rassische Minderheiten oder politisch verketzerte Gruppen abgelenkt
wird, ist nur zum Teil auf die Einflüsse der feindlichen Ideologie,
zum anderen Teil auf die Erfahrung des Proletariats zurückzuführen,
daß es durch Gewaltanwendung inden traditionellen Formen des Klassenkampfes
den Feind mit überwinden konnte, dagegen stets seinen sozialen Besitzstand
aufs Spiel setzt und häufig verliert. Diese resignative, zur Verdrängung
führende Haltung großer Teile des Proletariats ist Bestandteil
des proletarischen Klassenbewußtseins. Sie muß im Zusammenhang
mit den Erfahrungen vergangener und gegenwärtiger Klassenauseinandersetzungen
begriffen werden. Es handelt sich dabei um den für die weitere revolutionäre
Entwicklung wichtigsten Widerspruch im Bewußtsein der Massen, den
die revolutionäre Partei durch eine von einer richtigen Theorie geleitete
revolutionäre Praxis lösen muß.
Die kritische Verallgemeinerung
dieser in den Massen anzutreffenden Auffassungen und Stimmungen besteht
darin, die Massen in ihrer positiven Einstellung zur Gewalt als Mittel
des Klassenkampfes zu bestärken, jede Abwiegelei streng zu verurteilen
und gleichzeitig die Mittel und Wege aufzuzeigen, die in der unvermeidlichen
gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Proletariat und Bourgeoisie ersterem
den Sieg über das Kapital ermöglichen. Ohne diese Perspektive
ist es nicht möglich, das im Proletariat vorhandene Gewaltpotential
für die Revolution zu mobilisieren.
4.
Revolutionäre Avantgarde und proletarische Klasse
Das Abwarten, bis die Industriearbeiter
organisiert in den revolutionären Kampf eingreifen, ist sicher das
untauglichste Mittel zur Einbeziehung heute noch passiver Schichten in
den revolutionären Prozeß. Angesichts der aktiven und gegenwärtig
noch bestimmenden Teilnahme der Studenten an der antikapitalistischen Bewegung
ist es absurd und Ausdruck eines mystifizierten Klassenbegriffs, wenn Genossen
den studentischen Kadern die "Zuständigkeit" für die Weiterentwicklung
der sozialistischen Theorie streitig machen.
Die Losung, das Proletariat
solle in allem die Führung innehaben, wird in der Praxis zu einer
Karikatur, wenn man sie als Gebot an beliebige gesellschaftliche Gruppen
versteht, sich der Führung und der Initiative des Proletariats unterzuordnen,
statt in ihr allein einen Appell an das Proletariat zu sehen, seiner historischen
Rolle als Totengräber des Kapitalismus gerecht zu werden, seine eigene
revolutionäre Praxis auf das Niveau zu heben, das ihm die führende
Stellung in der Revolution sichert. Die totale Verkehrung des Aufforderungscharakters
erfährt diese Losung, wenn der Begriff des Proletariats auch noch
auf die industrielle Arbeiterschicht eingeschränkt wird.
Die Notwendigkeit der proletarischen
Führung beruht darauf, daß allein das Proletariat aufgrund seiner
objektiven Klassenlage ein konsequentes Interesse an der Beseitigung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln, an der Überwindung des
kapitalistischen Systems schlechthin in die Geschichte einbringt. Das Proletariat
in diesem Sinne umfaßt aber alle Schichten, die nicht nur vorübergehend
von jeglichem Kapitaleigentum getrennt sind und deren Reproduktion durch
den Verkauf ihrer Arbeitskraft vermittelt ist. Das Industrieproletariat
ist nur ein Teil dieser Klasse. Wo und wann immer Elemente derselben in
den revolutionären Kampf eintreten, werden sie Teil der revolutionären
Bewegung des Proletariats.
Die Geschäfte des Klassenfeindes
besorgt derjenige, der im Namen eines abstrakten Klassenschematismus die
bereits mobilisierten und kämpfenden Teile des antikapitalistischen
Lagers behindert, zurück zerrt, diffamiert oder auch nur schlicht
ignoriert mit der Begründung, es könne sich nur um Anarchisten,
blanquistische Abenteurer und wild gewordene Kleinbürger handeln,
weil das industrielle Proletariat noch nicht mobilisiert und die aus diesem
zu bildende Avantgarde noch nicht vorhanden sei.
In dieser Position drückt
sich eine falsche Auffassung in der Führungsfrage aus. Sie schließt
wichtige revolutionäre Kräfte aus, statt sie zu umfassen. Führung
wird zum Privileg einer bestimmten Schicht, zur Funktion einer Elite. Proletarische
Führung kann aber nur in der Avantgarde- Funktion realisiert werden.
Die Avantgarde hemmt nicht die Initiative der Massen, sondern entwickelt
sie. Die Führung besteht in der beispielhaften Aktion, die durch ihre
Verallgemeinerung nie Avantgarde ständig aufhebt. Diese Verallgemeinerung
kann weder positiv noch negativ dekretiert werden. Sie ist das Resultat
ständiger Überprüfung in den Massenkämpfen.
Avantgarde ist danach nicht
die Gruppe, die sich so nennt oder sich selbst so interpretiert, sondern
diejenige, an deren Verhalten und Aktionen sich die revolutionären
Massen orientieren. Die Führung im revolutionären Prozeß
durch eine Avantgarde ist ein wesentliches revolutionäres Moment.
Die Zuordnung dieser Funktion ist aber nicht statisch, nicht erblich und
keine Frage vergangener Verdienste oder des proletarischen Stammbaums.
Sie kann sich ständig ändern. Eine Gruppierung, die heute die
Funktion einen Avantgarde erfüllt, kann morgen schon Nachtrab der
Bewegung sein. Daraus folgt auch, daß die Bestimmung der Avantgarde
nicht danach vorgenommen werden kann, ob ein bestimmtes Organisations-
und Aktionsschema von einer traditionell proletarischen Schicht entwickelt
und in die Bewegung eingebracht wird. Die Fragestellung kann nur lauten:
Ist das Handeln einer politischen Gruppierung revolutionär-sozialistisch,
hat dieses Handeln beispielhafte Wirkung für die revolutionären
Massen, bringt es die Bewegung voran oder nicht?
Wenn wir die Rolle der studentischen
Kader als Avantgarde in den Kämpfender vergangenen Jahre anerkennen,
so bedeutet das keine moralische Überhöhung der Studenten. Es
bleibt eine Tatsache, daß in der Studentenschaft (klein)bürgerliche
Einflüsse in schädlicher Weise wirksam sind. Aber auch das darf
kein moralisches Urteil über die Studenten sein. Kleinbürgerliche
Einflüsse sind für die revolutionäre Bewegung eine Gefahr,
die man stets beachten muß. Wo kleinbürgerliche Haltungen sichtbar
werden, sind sie Gegenstand von Kritik und Selbstkritik. Aber hier gilt
der Satz von Mao: " Die Krankheit heilen, um den Patienten zu retten."
Genau in diesem Sinne haben
Lenin und Mao Tse-tung ihr Mißtrauen gegen die Intellektuellen gehandhabt.
Beiden ging es nicht um eine moralische Verdammung der Intelligenz. Sie
wußten stets zwischen der revolutionären und der kleinbürgerlichen-radikalen
Intelligenz zu unterscheiden. Beide hatten erkannt, daß die revolutionäre
Intelligenz für die Bewegung unentbehrlich ist. Es ist keineswegs
zufällig und für die gegenwärtigen Auseinandersetzungen
gleichgültig, daß sich die Bolschewiki gegen den Vorwurf des
"Intelligenzlertums" verteidigen und durchsetzen mußten. Lenin hat
die reformistischen Wurzeln der Theorie von der "reinen Arbeiterbewegung"
aufgedeckt:
"(Wir) können bei der
ersten literarischen Äußerung des Ökonomismus die höchst
eigentümliche und für das Verständnis aller Meinungsverschiedenheiten
unter den heutigen Sozialdemokraten äußerst charakteristische
Erscheinung beobachten, daß die Anhänger der 'reinen Arbeiterbewegung',die
Anbeter der engsten und [. . .] 'organischsten' Verbindung mit dem proletarischen
Kampf, die Gegner jeder nicht proletarischen Intelligenz(selbst wenn es
sich um die sozialistische Intelligenz handelt) gezwungen sind, bei der
Verteidigung ihrer Position zu den Argumenten der bürgerlichen 'Nur-Gewerkschaftler'
Zuflucht zunehmen."
Gegenwärtig sind die
organisatorischen Ansätze noch zu wenig entwickelt, die Praxis noch
zu uneinheitlich und literarische Äußerungen noch zu spärlich,
um eindeutig eine"neo-ökonomistische" Tendenz diagnostizieren zu können.
Die Gefahr sollte Jedoch rechtzeitig erkannt werden. (Der Reformismus hat
sich in seiner jeweiligen Entstehungsphase stets hinter einem Nebelvorhang
radikaler Phrasen entwickelt!) Sozialistische Intellektuelle, die kleinbürgerlichen
Verhältnissen entstammen, haben an ihrer ideologischen Nachgeburt
sicher schwer zu tragen,aber viele sind mit diesem Erbe - wie es scheint
- besser fertig geworden, als mancher Proletarier von Geburt mit den Einflüssen
der feindlichen Ideologie. Daraus darf kein Vorwurf gegen das Proletariat
hergeleitet werden. Doch müssen nicht wenige romantische Vorstellungen
über den" Proletarier" korrigiert werden.
Die Revolutionäre, deren
Pflicht es ist, die Revolution zu machen, werden nicht "lupenrein" in der
Retorte erzeugt; auch die proletarische Kinderstube ist diese Retorte nicht.
Sie rekrutieren sich aus einer Generation, die notwendig durch den Anpassungsprozeß
an die bürgerliche Gesellschaft mannigfaltig deformiert und den Einflüssen
der bürgerlichen Ideologie ausgesetzt ist. Wer die Klassenanalyse
bemüht, um nachzuweisen, daß die Studentenbewegung gar nicht
revolutionär sei, statt endlich zu begreifen,aus welchen Gründen
die junge Intelligenz die von den Arbeitern fallengelassene rote Fahne
aufgenommen hat und sie heute allen voranträgt; wer die Klassenanalyse
bemüht, um seine Untätigkeit oder seinen Kleinmut zu rechtfertigen
und angesichts einer voranschreitenden Revolution zu behaupten, es gäbe
keine revolutionäre Bewegung und keine Revolutionäre, der treibt
mit dem Marxismus Schindluder.
Die Klassenanalyse ist ein
parteiliches Instrument in der Hand von Revolutionären, die durch
eine konkrete Untersuchung der Klassenlage herauszufinden haben, welche
Schichten gegenwärtig oder voraussichtlich demnächst für
den revolutionären Kampf gewonnen werden können und durch ihren
Beitrag das Kräfteverhältnis zugunsten der Revolution verändern
werden, beziehungsweise welche Schichten mit welcher Politik neutralisiert
werden können. Sie ist ein wesentlicher Teil der revolutionären
Theorie. In der Epoche der sich entfaltenden sozialistischen Weltrevolution
ist Gegenstand dieser Theorie nicht das"ob", sondern nur das "wie" der
Revolution.
In den USA hat die Revolution
in den Ghettos der rassischen und nationalen Minderheiten begonnen. Sie
ist nicht aus der Analyse sozialistischer Theoretiker entstanden, sondern
in der revolutionären Gewalttat der Massen in den Ghettos geboren
worden. Die Afro- Amerikaner und ihre Verbündeten haben vorher nicht
das Kräfteverhältnis der Klassen gewogen und die Divisionen der
Konterrevolution gezählt. Sie haben ihre Chancen nicht kalkuliert.
Sie haben nur einen Augenblick von sich selbst abgelassen und ihre Gewalttätigkeit
gegen ihre Unterdrücker gekehrt. In den Straßen von Watts haben
sie das Feuer der Revolution entzündet, das bis zu ihrem endgültigen
Sieg nicht ausgehen wird. Erst Jetzt ist der Weg frei für die Konkretisierung
der revolutionären Theorie, die nichts gemein hat mit dem Soziologengewäsch
von der Aussichtslosigkeit einer "Minderheitenrevolte" usw.
Die revolutionäre Situation
entsteht nicht erst, wenn sie auch die Soziologen erkennen. Sie kündigt
sich an in der Richtungsänderung der Gewalttätigkeit. Sie ist
vorhanden, wenn die durch die Unterdrückung in den Unterdrückten
erzeugte Gewalttätigkeit,der gewaltsame Widerstand gegen das Ausbeutungssystem,
gegen die Gewalt der Herrschenden die Fesseln einer individuellen Abreaktion
abschüttelt und kollektive Züge annimmt. Der kollektive Widerstand
ist der Keim der Revolution. Die richtige revolutionäre Theorie hat
ihn zu entwickeln und zu formen. Die Pflicht jedes Revolutionärs ist
es, jeden Ansatz zum kollektiven Widerstand in den Massen aufzugreifen,
weiter zu entwickeln, zu organisieren und zu führen,auch ohne Aussicht
auf den Sieg.
Das Gegenteil von revolutionärem
Verhalten ist die Befriedung, die feige Abwiegelei, die Vertagung des Widerstandes
auf die Zeit "nach dem Aufbau der Massenorganisation und der Schulung".
Aus dem kleinsten Funken kann ein Brand entstehen. Mao Tse-tung hat die
Revolution nicht"vertagt", bis er durch seine Untersuchungen im chinesischen
Dorf erforscht hatte, welche Perspektiven der Bauernaufstand eröffne,
und bis er die chinesische KP auf der Grundlage dieses Befundes organisiert
hatte. Seine Linie hätte sich so wohl nie durchgesetzt.
Gegen alle bisherigen theoretischen
Konzepte hat er sich auf die Seite der revolutionären Bauern gestellt,
die Führung von Banditenhaufen übernommen und den kollektiven
Widerstand gegen die Staatsgewalt und die Grundherren organisiert. Als
Teilnehmer an diesem Kampf hat er durch seine Untersuchungen die Wege der
Revolution erkannt und eine wissenschaftliche Handlungsanleitung erarbeitet,
ohne auch nur einen Augenblick die Revolution, ihre Machbarkeit, in Zweifel
zu ziehen. In einer scheinbar aussichtslosen Lage hat er sich gegen die
Parteiführung gestellt und schließlich allein Recht behalten.
Zuallererst ist es der Wille
an die Revolution, der Revolutionäre macht. Wo dieser Wille fehlt,
wo keine Vision vom Sieg der Unterdrückten über ihre Feinde vorhanden
ist, hat die Beschäftigung mit dem Marxismus- Leninismus noch immer
zum Revisionismus und Opportunismus geführt und ist im "methodischen
Zweifel", also im Zweifel an den Massen geendet. "Der Marxismus enthält
zwei wesentliche Elemente: das Element der Analyse, der Kritik, und das
Element des tätigen Willens der Arbeiterklasse als den revolutionären
Faktor. Und wer nur die Analyse, die Kritik in die Tat umsetzt, vertritt
nicht den Marxismus, sondern eine erbärmliche, verfaulende Parodie
dieser Lehre."
Wir müssen uns in erster
Linie auf diejenigen Massen stützen,die die Fahne der Revolution bereits
aufgenommen haben. Ihr Kampf wird, wenn er richtig geführt wird, die
heute noch abseits stehenden Schichten des Proletariats mobilisieren und
mitreißen. Im Verlaufe dieses Prozesses wird die Industriearbeiterschaft,
die konsequenteste und zuverlässigste revolutionäre Kraft, die
Führung übernehmen und die sozialistische Revolution bis zum
Ende garantieren. Einen anderen Weg gibt es nicht. Wir lassen uns von den
"weisen Alten", den Soziologen, gern die "närrischen Greise"nennen.
Am Ende werden nicht sie, sondern wir gemeinsam mit den Massen die Berge
versetzt haben. "Diese Berge sind zwar hoch, sie können aber nicht
mehr höher werden; um das, was wir abtragen, werden sie niedriger."
(Mao)
5.
Stadtguerilla als revolutionäre Interventionsmethode in den Metropolen
Abzutragen ist der Berg der
militärischen Potenz des bürgerlichen Staates. Wir können
nicht erwarten, daß sich diese Potenz in einem internationalen Krieg,
der ein Weltkrieg wäre, verschleißt. Ein solcher Krieg würde
in Mitteleuropa nicht nur die Armeen des Klassenfeindes, sondern auch die
proletarische Bevölkerung vernichten. Eine Revolution stünde
nicht mehr zur Debatte. Ein solcher Krieg muß mit allen Mitteln verhindert
werden. Er ist nur durch eine Revolution zu verhindern.
Ist die Ausschaltung des
bürgerlichen Militärapparates durch einen internationalen Krieg
nicht zu erwarten und durch einen allgemeinen Aufstand der herkömmlichen
Art nicht zu erreichen, so müssen sich die Überlegungen auf jene
Kampfformen und Taktiken richten, die eine allmähliche Auszehrung
der Kräfte des Feindes im Sinne eines moralischen Verschleißes
und gleichzeitig die Entwicklung der eigenen militärischen Potenzen
des Proletariats möglich erscheinen lassen: auf die Kampfform des
Guerilla-Krieges. Die ländliche Guerilla scheidet für die Betrachtung
aus. Zu untersuchen sind die Probleme der Großstadtguerilla. Wichtigstes
Prinzip des Guerilla-Krieges ist, daß die kämpfenden Einheiten
vom Volke unterstützt werden, "im Volke untertauchen und in ihm schwimmen
können wie der Fisch im Wasser". Die politische und militärische
Kraft der Guerilla entsteht aus den revolutionären Energien der Volksmassen.
Diese von Mao Tse-tung zuerst
formulierten Einsichten werden hierzulande allgemein in der Weise interpretiert,
daß man auf die offenkundige ablehnende Haltung der ganz überwiegenden
Mehrheit des Proletariats gegenüber dem Partisanenkrieg hinweist und
daraus schließt,daß die wichtigste Voraussetzung für die
Entfaltung des bewaffneten Kampfes noch nicht gegeben sei. Statt die Bedeutung
des Prinzips konkret zu untersuchen, wird es absolut gesetzt und das Ergebnis
vor die Untersuchung gestellt.
Die Lehre Mao Tse-tungs vom
bewaffneten Kampf ist nicht eine Theorie, die uns aus der Verpflichtung,
diesen Kampf vorzubereiten und zu beginnen,entläßt, sondern
eine Anleitung, die so konkret ist,daß sie bei der gegebenen Reife
der kapitalistischen Gesellschaftsformation überall und unter allen
Umständen, unter denen sich die Klassenkämpfe zuspitzen, den
Weg des bewaffneten Kampfes sichtbar werden läßt. Die Verankerung
der Guerilla im Volke hat einen politischen und einen militärischen
Aspekt, die zwar nur zwei verschiedene Seiten einer Einheit sind, die jedoch
zunächst eine differenzierende Untersuchung notwendig machen. Der
militärische Gegner der Partisaneneinheit sind Polizei und Armee.
Die Partisaneneinheit ist dagegen eine verschwindende Größe.
Sie kann nur überleben,wenn sie für den Feind unsichtbar bleibt.
Ist sie eine ländliche
Guerilla, muß sie sich in entlegenen, schwer zugänglichen Gegenden
verstecken oder nach einem Schlag gegen den Feind sofort untertauchen und
als Teil der ländlichen Bevölkerung erscheinen. In beiden Fällen
ist ihre Versorgung nur durch die Bevölkerung zu sichern, Teile derselben
müssen in Kenntnis der Umstände zu Hilfsdiensten bereit sein.
Eine noch weitergehende Unterstützung ist für das Untertauchen
in der ländlichen Bevölkerung notwendig.
Anders ist es in der Großstadt.
Sie bietet alle erforderlichen Versorgungsgüter in einer Weise an,
die es nicht erforderlich macht,daß die Partisaneneinheiten aus ihrer
Anonymität hervortreten. Sie können auch nach ihren Aktionen
in vorbereiteten Quartieren untertauchen,ohne auf Hilfe aus der Bevölkerung
angewiesen zu sein. Ihre Bewegung in den Straßen der Großstadt
ist bei geeigneten Vorkehrungen unauffällig und von dem Verkehrsstrom
der übrigen Bevölkerung nicht zu unterscheiden. Die großstädtische
Anonymität ist ein bestimmendes Element für die Stadtguerilla.
Konspirative Kontakte zu Informanten, Sympathisanten und Partisanen mit
besonderen Aufgaben in den Institutionen des Feindes lassen sich in einer
Großstadt leichter knüpfen und aufrechterhalten als in anderen
Gebieten. Sie sind von der Haltung der nicht unmittelbar beteiligten Bevölkerung
weitgehend unabhängig.
Ein entscheidender Vorteil
der Großstadt besteht auch darin, daß Operations- und Stützpunktgebiet
eine Einheit bilden. Informationen sind leichter und ungefährlicher
zu beschaffen. Die Großstadt ist zugleich eine Massierung von Angriffszielen.
Kann eine ländliche Guerilla immer nur einzelne Punkte bedrohen, liegt
in der Großstadt die ganze Flanke des Feindes offen. Dieser weiß
nie, welches Objekt angegriffen wird. Da innerhalb der Stadt alle Objekte
für die Partisanen erreichbar sind, muß der Feind alle schützen.
Sein Bestreben, gleichzeitig überall zu sein, führt dazu, daß
er nirgends stark genug ist. Wenige Kämpfer können starke Kräfte
des Feindes binden.
Durch geeignete Aktionen
muß die Guerilla klarstellen, daß sich ihre Angriffe grundsätzlich
gegen alle Institutionen des Klassenfeindes, alle Verwaltungsdienststellen
und Polizeiposten, gegen die Direktionszentren der Konzerne, aber auch
gegen alle Funktionsträger dieser Institutionen, gegen leitende Beamte,
Richter, Direktoren usw. richten,daß der Krieg in die Wohnviertel
der Herrschenden getragen wird. Der Feind wird so gezwungen, seine Kräfte
entlang dieser unsichtbaren Front im wahrsten Sinne des Wortes zu zersplittern,
während die Guerilla taktisch stets nur an einzelnen, speziell ausgesuchten
Punkten dieser langen Kampflinie angreift, dort ihre Kräfte konzentriert
und dem Feind überlegen sein kann. Sie nutzt das Überraschungsmoment
und bestimmt Ort und Zeit der Operationen.
Die operativen Möglichkeiten
des Feindes dagegen sind in einer Großstadt seines eigenen Gebietes
stark eingeschränkt. Die Bürgerkriegsgenerale werden einen Elefanten
durch die Straßen treiben, um eine Mücke zu jagen. Die technischen
Apparaturen, die die Macht der Konterrevolution so furchtbar erscheinen
lassen, werden teilweise gar nicht einsetzbar sein, ja sie werden die Beweglichkeit
des Feindes, seine Schnelligkeit und Einsatzfähigkeit behindern. In
einer entlegenen ländlichen Zone sind im Operationsgebiet nur wenige
Menschen. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar, Razzien
sind gezielter durchführbar. Im Zweifel zögern die Repressionstruppen
nicht, verdächtige Dörfer durch Bombardements und Aussiedlungsaktionen
auszuschalten.
In der Großstadt ist
die Kampfeinheit nur schwer auszumachen. Razzien sind nur selten erfolgreich
und haben wohl mehr den Zweck, der Bevölkerung die Präsenz der
Staatsgewalt zu demonstrieren. Bombardements sind kaum denkbar, für
den Gegner völlig nutzlos. Können von Partisanen durchsetzte
ländliche Zonen von der Konterrevolution praktisch zum feindlichen
Territorium erklärt und entsprechend behandelt werden, so ist das
in der Großstädten, in denen auch die Charaktermasken des Kapitals
und seines Herrschaftsapparates leben, nicht möglich. Er folge der
Polizei und des Militärs sind nur durch Zufall, Verrat, taktische
Fehler oder durch Überwältigung einzelner Kommandos während
einer Operation selbst möglich.
Es ist schon keine Spekulation
mehr, daß die Bildung von bewaffneten Kommandos in Großstädten
jederzeit möglich ist. Deren Entstehung ist jedoch nur der Anfang
eines Prozesses, für dessen weitere Entwicklung noch zahlreiche andere
Bedingungen gegeben sein müssen, die primär politischen Charakter
haben. Die wichtigste ist die Verbindung der Guerilla mit den politischen
und ökonomischen Kämpfen der Massen. Nur wenn diese Verbindung
zum wesentlichen Kern der Strategie des Partisanenkrieges gemacht wird,
kann die Guerilla überleben und sich entwickeln.
"Da die Partisaneneinheiten
im Widerstandskrieg gewöhnlich aus dem Nichts entstehen und sich aus
etwas Kleinem zu etwas Großem entwickeln, so gilt für sie neben
dem Prinzip, sich selbst zu erhalten, noch das Prinzip, sich zu vergrößern."
Die Bedingungen für
die Realisierung dieses Prinzips lassen sich nur untersuchen, wenn der
Prozeß der Überwindung der Macht des Kapitals umrißhaft
vorstellbar ist. Gegenwärtig zeichnen sich in der internationalen
revolutionären Szene die Konturen schon mehr oder weniger deutlich
ab. Die revolutionäre Entwicklung geht nicht mehr aus vom Generalstreik
und von diesem zum militärischen Aufstand, sondern von Kommandoaktionen
über den Aufbau von Widerstandszentren, zur Bildung von Milizen, zur
Desorganisation und Demoralisierung der Unterdrückungsstreitkräfte
durch einen lang dauernden, zermürbenden Kleinkrieg.
Erst in der Endphase können
Massenaktionen - Demonstrationen, Streiks, Barrikaden, die zunächst
nur eine - wenn auch sehr wichtige - Unterstützungsfunktion haben,
die Entscheidung bringen und zur völligen Entwaffnung der Unterdrückungsorgane
führen. Das ist eine Entwicklung, die schon Engels vorausgesehen hat:
"Er (der allgemeine Aufstand) wird daher (wegen der Entwicklung der Kriegstechnik
und der veränderten Klassenfronten)seltener im Anfang einer großen
Revolution vorkommen als im weiteren Verlauf einer solchen, und wird mit
größeren Kräften unternommen werden müssen."
In der Anfangsphase bilden
sich dezentralisiert und unabhängig voneinander einzelne Partisanengruppen,
die Kommandoaktionen unternehmen. Es ist notwendig, derartige Gruppen in
allen Ballungszentren zahlreich zu entwickeln, um schon in der Entstehungsphase
der Feind zu zwingen, seine Kräfte zu zerstreuen und seinen Ermittlungsapparat
zu überlasten. Gleichzeitig müssen diese Gruppen Verbindungen
zueinander herstellen und ihre Aktionen koordinieren, um so die Kräfte
effektiver und gezielter einsetzen zu können. Diese Verbindungen sind
die Voraussetzung für die Bildung örtlicher Widerstandszentren.
Ist durch diese Taktik eine genügende Verdünnung der feindlichen
Kräfte erreicht,können unter günstigen Bedingungen geheime
örtliche Milizgruppen aufgestellt werden. Wie ist das vorstellbar?
Wenn die Kommandos taktisch
richtig vorgehen, werden sie erreichen, daß die Unterdrückungskräfte,
insbesondere die Polizei das System der Einzelstreifen in den Wohngebieten
( Revieren) aufgeben müssen und sich nur noch in kampfstarken Gruppen
bewegen können, d. h. der Feindmuß teilweise die Verzettelung
seiner Kräfte rückgängig machen. Das bedeutet aber, daß
er nicht mehr alle Gebiete zu allen Zeiten wirksam schützen und kontrollieren
kann. Er muß sich aus bestimmten Bezirken - zumindest zeitweilig
und immer wieder - zurückziehen. Um den Kontrollverlust klein zu halten,
wird er jeweils für seine Patrouillen die Minimalgröße
anstreben, um ihre Zahl steigern zu können. Die Guerilla wird in der
Lage sein, nach ihrer eigenen taktischen Wahl ausreichende Kräfte
- ausgerüstet mit automatischen Waffen - zu konzentrieren, die derartige
Patrouillen erfolgreich angreifen können. So wird der Feind gezwungen,
die Gruppenstärke zu erhöhen und gleichzeitig das Patrouillengebiet
einzuschränken, ungünstiges Gelände zu meiden, Schwerpunkte
zu bilden und dafür andere Objekte zu vernachlässigen usw.
Unter diesen Bedingungen
kann die Guerilla eindrucksvoll und exemplarisch demonstrieren, daß
der staatliche Unterdrückungsapparat in bestimmten Bereichen nicht
mehr in der Lage ist, die Interessen der Besitzenden wirksam und dauerhaft
zu schützen. In diesen Bereichen kann die politische Organisation
des Proletariats dazu übergehen, die Herrschaft der Besitzenden zurückzudrängen.
Sowenig der Staat in der Lage ist, hinter jeden Arbeiter einen Gendarmen
zu stellen, sowenig ist er in der Lage, jeden einzelnen Kapitalisten, Regierungsbeamten,
Richter, Offizier usw. mit einem bewaffneten Posten zu schützen.
Begreift der einzelne Ausbeuter,
daß der Staat seine Sicherheit nicht mehr garantieren kann, so kann
ihm durch eine richtige Politik gleichzeitig beigebracht werden, daß
die Lohnabhängigen unter bestimmten Bedingungen bereit sind, durch
ihre politischen Organisationen seine persönliche Sicherheit allgemein
und seine wissenschaftliche Betätigung mit Einschränkungen für
die Übergangszeit bis zur sozialistischen Umgestaltung des Produktions-
und Verteilungsprozesses zu garantieren.
Es liegt auf der Hand, daß
die ausschließlich im Untergrund und in allen Bereichen tätigen
Kommandogruppen der Guerilla lediglich die allgemeinen Voraussetzungen
für diese Entwicklung schaffen können,daß die Möglichkeiten
zu wirklichen Machtentfaltung nur durch "bodenständige" Gruppen, deren
Mitglieder im jeweiligen Produktionsbetrieb bzw. Wohngebiet verwurzelt
sind, die in den politischen Organisationen der Massen auch offen arbeiten
können, wahrgenommen werden können. Sie haben das Verhalten der
Ausbeuter in ihrem "Bezirk" zu überwachen und durch teils offene,
teils verdeckte Aktionen das Bewußtsein von der Gegenwart der bewaffneten
Macht des Volkes wachzuhalten. Sie müssen in der Lage sein, auf Zuwiderhandlungen
einzelner Ausbeuter gegen die von den Massen beschlossenen Richtlinien
sofort und abgestuft zu reagieren, angefangen mit Propagandaaktionen (Flugblätter,
Wandparolen usw.) bis zu Sabotageakten, so daß die eigentlichen Guerillakommandos
schließlich nur in Ausnahmefällen für Strafaktionen im
lokalen Bereich herangezogen werden müssen.
Den Besitzenden können
von den proletarischen Organisationen Abgabeverpflichtungen für Gemeinschaftseinrichtungen
(Kinderläden, ärztliche Betreuungsstellen, Jugendheime usw.)
auferlegt werden. Die Aufgabe der Milizgruppen ist es, die Erfüllung
dieser Verpflichtungen durchzusetzen und zusammen mit den Kommandos die
geeigneten "Überzeugungsmittel" zu entwickeln und gegen widerstrebende
Ausbeuter einzusetzen. Eine schrittweise Entmachtung des städtischen
Grundbesitzes, eine Herabsetzung der Mieten, die kollektive Verwaltung
der Mietshäuser durch die Mieter, ein wirksamer Kündigungsschutz
für Arbeiter, insbesondere gegen Maßregelungen wegen politischer
Tätigkeit im Betrieb u.v.a. können auf diese Weise erreicht werden.
Sollten die Betroffenen versuchen, staatlichen Schutz anzufordern, muß
ihnen schnell klargemacht werden, daß der Staat nicht mehr in der
Lage ist, diesen Schutz wirksam zu gewähren. Schließlich werden
die Besitzenden einsehen,daß sie ruhiger und sicherer leben, wenn
sie die Interessen der Massen respektieren und auf den ihnen angebotenen
Kompromiß eingehen.
In ähnlicher Weise sind
durch ein Zusammenwirken der Guerilla mit der Miliz in der Produktionssphäre
die Aktionen der Lohnabhängigen gegen das Kapital abzusichern. Es
ist zu demonstrieren, daß jede Inanspruchnahme des staatlichen Unterdrückungsapparates
gegen Aktionen der Arbeiter in den Betrieben unausweichlich Sanktionen
gegen das Eigentum und die Person derjenigen nach sich zieht, die dafür
die Verantwortung tragen. Gleichzeitig muß durch geeignete Aktionen
der Guerilla das Privileg der Straflosigkeit für die Funktionsträger
des staatlichen Unterdrückungsapparates beseitigt werden. Es entstehen
auf diese Weise nicht "befreite Gebiete" im engeren Sinne des Wortes, wohl
aber die reale Macht der Massen, die zwar jeweils für Stunden durch
einen massierten Aufmarsch der Konterrevolution verdrängt werden kann,
die aber sofort nach dem unvermeidlichen Abzug der Unterdrückungsstreitkräfte
ihren Platz wieder einnimmt.
6.
Terror gegen den Herrschaftsapparat - ein notwendiges Element der Massenkämpfe
Verfolgen die in der ersten
Phase entstehenden Kommandoeinheiten eine richtige Politik, dann begreifen
die Massen schnell die bewaffnete Aktion als ein erfolgreiches Mittel zur
Sicherung ihrer Interessen. Dieses Bewußtsein entwickelt sich allein
während des Kampfes und durch ihn. In dem Maße, wie sich die
Einsicht in die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes verallgemeinert,
bilden sich zahlreiche militärische Zellen, die zusammen allmählich
ein für den Feind undurchdringliches Gewebe bilden, operative und
taktische Erfahrungen bei der Bekämpfung der Unterdrückungskräfte
sammeln und in zunehmender Größenordnung anwenden.
Die in diesem Prozeß
notwendige Solidarisierung der arbeitenden Massen ist der mächtigste
Hebel zur allmählichen Demoralisierung der feindlichen Söldner.
Immer weniger werden sich für die staatliche Repression mobilisieren
lassen. Diejenigen, die im Polizei- und Soldatenberuf einen bequemen Job
sehen, werden in steigendem Maße die Risiken begreifen, die dieser
Beruf unter den veränderten Bedingungen mit sich bringt. Im Verlaufe
dieses Prozesses isolieren sich die Unterdückungsstreitkräfte
zunehmend.
Noch schneller wird die Auflösung
der Moral in den Institutionen der "vorgeschalteten Repression", in den
Verwaltungsbehörden, vor sich gehen, wenn allenthalben die anonymen,
feigen, blutleeren und einfallslosen Routiniers der administrativen Repression
für ihre volksfeindlichen Handlungen zur Verantwortung gezogen werden.
Die Guerilla wird dabei nach dem Grundsatz verfahren: "Bestraft Einen und
erzieht Hunderte". Die Herrschaft der Besitzenden, die staatliche Unterdrückungsgewalt
gründet sich auf die Willfährigkeit der Unterdrückten in
den Schaltstellen des Unterdrückungsapparates. Diese Willfährigkeit
wiederum wurzelt in der Angst derjenigen, die sich für eine berufliche
Laufbahn in diesem Apparat entschieden haben. Die Herrschaft des Kapitals
ist undenkbar ohne dieses Heer der Hosenscheißer, die ihre eigene
Inferiorität durch Sadismus im Umgang mit den "kleinen Leuten" kompensieren.
Für sie proklamieren die revolutionären Kräfte die persönliche
Verantwortung für Jede volksfeindliche Handlungsweise, für jeden
Verrat in den Interessen der werktätigen Bevölkerung. Sie sind
für ihre Verbrechen gezielt und abgestuft zur Rechenschaft zu ziehen.
Ihre Feigheit kehrt sich so in einen Hebel zur Beschleunigung des Verfalls
der feindlichen Macht. Die Guerilla wird die Fürsorger, die die proletarische
Jugend mit der "Heimerziehung" terrorisieren, nicht ungeschoren lassen;
die Lehrer nicht, die den autoritären und volksfeindlichen Bildungsbetrieb
der Schulen aufrechterhalten; die Richter nicht, die Hauseigentümern
Wuchermieten und Räumungstitel zusprechen und Kündigungen gegen
Arbeiter betätigen; die Staatsanwälte nicht, die Proletarier
anklagen, weil sie sich einen Teil dessen wieder genommen haben, was ihnen
das Kapital vorher genommen hatte.
Aber ist das nicht "individueller
Terror", das Verderben aller revolutionären Bewegungen? Zieht diese
Konzeption nicht den Bannfluch der revolutionären Ahnen an? Haben
wir die Polemiken Lenins gegen die Narodniki vergessen oder nicht verstanden?
Wer hier "Terror" schreit, wer auf die Partisanen mit dem Finger zeigt
und sie als "Anarchisten, Blanquisten, Desperados", als "Ausgeflippte"
und "Romantiker" denunziert, zeigt nur, wie fürchterlich er vor der
revolutionären Aufgabe erschrickt. Zahlreich sind die Mißverständnisse
über die Auffassungen Lenins zu Fragen des Terrors. Das einzige, was
in dieser Hinsicht Verbreitung gefunden hat, ist die Unkenntnis dessen,
was Lenin zum revolutionären Terror tatsächlich gesagt hat. Wird
heute irgendwo die Frage der Bestrafung militärischer oder ziviler
Führer der Konterrevolution aufgeworfen, schwingen die Schriftgelehrten
der Bewegung die große Klatsche. Jede Diskussion wird mit dem Hinweis
erschlagen, derartige Strafaktionen seien unter der Rubrik"individueller
Terror" einzureihen, den bekanntlich Lenin in der Auseinandersetzung mit
den Narodniki und den Anhängern Bakunins einer vernichtenden Kritik
unterzogen und als Todsünde für jeden sozialistischen Revolutionär
gekennzeichnet habe. Leninzitate werden als Denksurrogate gehandelt. Wer
will schon dem "großen Meister" widersprechen.
So hält sich durch Jahrzehnte
das kolossale Mißverständnis,daß sich der leninsche Begriff
vom "individuellen Terror" auf Strafaktionen gegen einzelne Funktionäre
des Unterdrückungsapparates beziehe, daß das Adjektiv "individuell"
auf das Objekt eines Angriffs, das Individuum, welches sich als Polizeipräsident
oder Staatsanwalt für die Konterrevolution verdient macht, ziele.
Oft zitiert wird in diesem Zusammenhang die marxistische Theorie von der
Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, um nachzuweisen, daß
die Unterdrückung ja nicht von dem Polizeipräsidenten X und dem
Landgerichtsdirektor Y herrühre, sondern allein vom ausbeuterischen
System des Kapitalismus, dieses aber werde nicht mit XY beseitigt, weil
anderen Stelle andere Individuen treten werden. Wird diese Diskussion mit
revolutionären Sozialisten geführt, werden sie sich beeilen,
die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des revolutionären Terrors
allgemein anzuerkennen. Die Logik ihrer Argumente läuft aber darauf
hinaus,daß man gefälligst nicht Einzelne, Individuen, sondern
Massen zuterrorisieren habe.
Lenin wäre entsetzt.
Die ganze Diskussion geht tatsächlich von einem sprachlichen Mißverständnis
aus, welches manchem freilich sehr willkommen scheint. Statt vor den Reflexen
unseres Über-Ichs zurückzuweichen, sollte man über das Problem
des Terrors alsrevolutionärem Moment sachlich nachdenken und dann
prüfen, ob die Ansichten Lenins dem Resultat entgegenstehen. Wenn
Lenin mit überzeugenden Argumenten den "individuellen Terror" kritisierte,
so bezog sich das Adjektiv "individuell" nicht auf das Objekt, des Angriffs,
sondern auf sein Subjekt. Die Kritik zielte auf den von den Massen und
den revolutionären Organisationen des Proletariats isolierten und
dadurch vereinzelten Kämpfer, der jedenfalls objektiv lediglich seinem
individuellen Haß gegen das volksfeindliche Regime Ausdruck gab,
aber nicht den revolutionären Kampf der proletarischen Massen führte.
Lenin mußte die Schlacht damals gegen jene Strömung in Rußland
führen und gewinnen, die glaubte, die revolutionäre Mobilisierung
der Volksmassen, deren Organisierung in einer revolutionären Partei
vermeiden und die Selbstherrschaft des Zaren durch die Verschwörung
kleinbürgerlich- radikaler Individuen beseitigen zu können. Im
russischen Bürgertum war diese Tendenz gegen Ende des 19. Jahrhunderts
unvermeidlich. Von Karl Marx noch als Vorbote der aufziehenden Revolution
begrüßt, stellte sie in dem Augenblick eine Gefahr für
die revolutionäre Entwicklung in Rußland dar, als mit der Entstehung
der großen Industrie in Rußland die Voraussetzungen für
eine selbständige Organisation des wachsenden Industrieproletariats
und für eine autonome revolutionäre Strategie der Arbeiterpartei
in dem bürgerlich-demokratischen Revolution heranreiften, die aktiven
Elemente der Arbeiterschaft jedoch von den kleinbürgerlich- radikalen
Verschwörer zirkeln absorbiert wurden, die damit den Fortgang des
revolutionären Prozesses behinderten. Die materielle Grundlage des
kleinbürgerlichen Terrorismus war in der widersprüchlichen Klassenlage
des russischen Bürgertums gegeben, das zwischen der Revolution gegen
die Selbstherrschaft und konterrevolutionärer Unterdrückung des
Proletariats, dem natürlichen Bundesgenossen gegen den Zarismus, hin
und her schwankte.
"Dieses widerspruchsvolle
Verhältnis findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser
formell bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen
Gesellschaft zum Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen
Gesellschaft beherrscht wird, daß sich der Kampf des Proletariats
mit gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die kapitalistische
Ausbeutung richtet ..."
Die Bourgeoisie mußte
einerseits die Mobilisierung und Organisierung des Proletariats fürchten,
andererseits war sie auf die Arbeitermassen als Kanonenfutter im Sturm
gegen den Zarismus angewiesen. Die Ideologen des kleinbürgerlichen
Terrorismus glaubten, durch "exeitierenden Terror" die Massen begeistern
und auf die Barrikaden treiben zukönnen, wobei sie sich vorbehielten,
die Barrikadenkämpfer nachgeschlagener Schlacht nach Hause zu schicken
und die Früchte der Revolution allein zu verzehren. Diese Zusammenhänge
waren den revolutionären Volkstümlern durchaus nicht bewußt;
denn dazu hätte es einer klaren marxistischen Analyse bedurft, die
ihrer Ideologie den Boden entzogen hätte.
Nur in diesem Zusammenhang
ist die Absage Lenins an den "alten Terrorismus" - wie er sich später
ausdrückte - zu verstehen und auch berechtigt. Zielscheibe seiner
Kritik war die kleinbürgerliche Ideologie und Kampfesweise insgesamt,
für die nie spektakulären Terrorakte kennzeichnend geworden waren.
Fehlte damals noch die selbständige proletarische revolutionäre
Organisation, so konnte von einem organisierten, einer eigenen Klassenstrategie
folgenden "roten Terror" keine Rede sein.
Mit dieser Kampfesweise hatte
sich Lenin damals nicht auseinanderzusetzen. Das mag der Grund dafür
sein, daß er selbst durch manche Formulierung den späteren Mißdeutungen
Vorschub leistete. Die Haltung Lenins zum revolutionären Terrorismus
kann sicherlich nicht aus Arbeiten entnommen werden, in denen er sich mit
dieser Frage überhaupt nicht beschäftigt. Man muß da schon
diejenigen Aufsätze nachlesen, die dieses Thema behandeln.
In den Notizen Lenins zu
einem Programmentwurf für den II. Parteitag der SDAPR (1905) findet
sich die Vorbemerkung: "Der Terror muß mit der Massenbewegung faktisch
verschmelzen." Anfang 1905 schlugen die Sozialrevolutionäre, die revolutionären
Erben der Volkstümlerrichtung, den Bolschewiki ein Kampfbündnis
vor,mit dem sie ihre Kampfesweise - den Terrorismus - in die proletarische
Bewegung einbringen wollten. In diesem Angebot heißt es: "Möge
diese beginnende Verschmelzung des revolutionären Terrorismus und
der Massenbewegung wachsen und erstarken,möge die Masse möglichst
bald mit terroristischen Kampfmitteln gewappnet auf den Plan treten!"
In seiner Stellungnahme zu
diesem Schreiben gibt Lenin seiner Erwartung Ausdruck, "daß die Versuche,
eine solche Kampfgemeinschaft herbeizuführen, möglichst bald
Wirklichkeit werden". An anderer Stelle ist er entschieden der Verfälschung
seiner Polemik gegen die Volkstümler entgegengetreten, so u. a. in
einem Artikel über den Partisanenkrieg vom 30. 9. 1906. Es ist wichtig
zu wissen, an welche Erscheinungsformen des Kampfes Lenin dachte, wenn
er vom Partisanenkrieg spricht: "Die Erscheinung, die uns hier interessiert,
ist der bewaffnete Kampf. Er wird von einzelnen Personen und kleinen Gruppen
geführt. Teils gehören sie revolutionären Organisationen
an,teils (in manchen Gegenden Rußlands zum größten Teil)gehören
sie keiner revolutionären Organisation an. Der bewaffnete Kampf verfolgt
zwei verschiedene Ziele, die man streng auseinanderhalten muß: dieser
Kampf hat erstens die Tötung von einzelnen Personen (!), Vorgesetzten
und Subalternen im Polizei- und Heeresdienst, zweitens die Beschlagnahme
von Geldmitteln sowohl bei der Regierung als auch bei Privatpersonen zum
Ziel. Die beschlagnahmten Mittel fließen teils der Partei zu, teils
werden sie speziell zur Bewaffnung und Vorbereitung des Aufstandes, teils
für den Unterhalt der Personen verwandt, die den von uns geschilderten
Kampf führen..."
Lenin hat sich besonders
für das zuerst genannte Ziel des bewaffneten Kampfes, also für
die Liquidation von einzelnen Funktionären des Unterdrückungsapparates
ausgesprochen. Mehrfach bezog er sich auf die vom Vereinigungsparteitag
(1906) verabschiedeten Resolution zur Frage des Partisanenkrieges, die
Expropriationen von Privateigentum für unzulässig, Expropriationen
von Staatseigentum zwar nicht empfohlen, in bestimmten Fällen jedoch
für zulässig erklärt, "terroristische Partisanenaktionen
gegen Vertreter des Gewaltregimes und aktive Schwarzhunderter" aber ausdrücklich
empfiehlt.
Lenin schrieb zu dieser Resolution:
"Wir halten die Resolution für grundsätzlich richtig und verweisen
darauf, daß sie mit den Gedanken übereinstimmt, die wir im Artikel
'Der Partisanenkrieg' entwickelt haben..." Und noch klarer: "Die Partisanenresolution
anerkennt ... den 'Terror' anerkennt Partisanenaktionen zwecks Tötung
des Gegners ... Neben der Arbeit in den Massen wird der aktive Kampf gegen
die Gewalttäter, d. h. zweifellos ihre Tötung vermittels 'Partisanenaktionen'
anerkannt ... Wir raten all den zahlreichen Kampfgruppen unserer Partei,
mit ihrer Untätigkeit Schluß zu machen und eine Reihe von Partisanenaktionen
zu unternehmen ... bei möglichst geringer 'Verletzung der persönlichen
Sicherheit' friedlicher Bürger und bei größtmöglicher
Verletzung der persönlichen Sicherheit von Spionen, aktiven Schwarzhundertern,
höheren Offizieren der Polizei, des Heeres, der Flotte und so weiter
und dergleichen mehr. Waffen aber und Munition im Besitz der Regierung
sind zu konfiszieren, wo immer sich eine Möglichkeit bietet. Zum Beispiel.
Polizisten haben Waffen, die der Regierung gehören! Es bietet sich
eine Möglichkeit ..."
Als ob Lenin schon damals
die Ergüsse gewisser sich" Marxisten- Leninisten" nennender Gruppierungen
vorgelegen hätten, resümiert er: "Die Bewertung, die man dem
hier betrachteten Kampf gewöhnlich zuteil werden läßt,
läuft auf folgendes hinaus: das sei Anarchismus, Blanquismus, der
alte Terror, es handele sich um Aktionen von Einzelpersonen, die von den
Massen losgelöst sind, solche Aktionen demoralisierten die Arbeiter,
stießen weite Kreise der Bevölkerung von ihnen ab, desorganisierten
die Bewegung, schadeten der Revolution ..."
Unmißverständlich
qualifiziert er diese Bewertung als"unrichtig, unhistorisch und unwissenschaftlich",
weist darauf hin,daß das Fehlen eines Widerstandes mehr demoralisiert
als ein organisierter Partisanenkampf, der gerade in den mehr oder minder
großen Pausen zwischen den "großen Schlachten" eine unvermeidliche
Kampfform sei. "Desorganisiert wird die Bewegung nicht durch Partisanenaktionen,
sondern durch die Schwäche der Partei, die es nicht versteht, diese
Aktionen in die Hand zu nehmen ... Unsere Klagen über die Schwäche
unserer Partei hinsichtlich des Aufstandes ... Jede moralische Verurteilung
des Bürgerkrieges ist vom Standpunkt des Marxismus völlig unzulässig.
Inder Epoche des Bürgerkriegs ist das Ideal der Partei des Proletariats
eine kriegführende Partei. ... Im Namen der Grundsätze des Marxismus
verlangen wir unbedingt, daß man sich nicht mit abgenutzten und schablonenhaften
Phrasen von Anarchismus, Blanquismus und Terrorismus um eine Analyse der
Bedingungen des Bürgerkrieges drückt, daß man sinnlose
Methoden der Partisanenaktionen, wie sie von dieser oder jener Organisation
... in diesem oder jenem Augenblick angewandt worden sind, nicht zum Abschreckungsmittel
gegen die Beteiligung der Sozialdemokraten am Partisanenkrieg überhaupt
macht ..."
Dieser Partisanenkrieg ist
nach Lenin der "organisierte,planmäßige, von einer Idee getragene,
politisch erzieherische bewaffnete Kampf". Obwohl moralisierende Betrachtungen
in einer marxistischen Polemik keinen Platz haben sollten, muß man
noch wegen des allgemeineren Gesichtspunktes auch die folgende Äußerung
Lenins zitieren: "Wenn ich aber bei einem sozialdemokratischen Theoretiker
oder Publizisten nicht Betrübnis über diese mangelnde Vorbereitung(für
den Partisanenkrieg), sondern stolze Selbstzufriedenheit und selbstgefällig-begeisterte
Wiederholung in früher Jugend auswendig gelernter Phrasen über
Anarchismus, Blanquismus und Terrorismus sehe,dann kränkt mich diese
Erniedrigung der aller revolutionärsten Doktrin der Welt ..."
In dem Aufsatz: "Die Lehren
des Moskauer Aufstandes" wendet Lenin auf die beschriebenen Partisanenaktionen
den Begriff "Massenterror" an und führt aus: "Der Partisanenkrieg,
der Massenterror, der jetzt nach dem Dezember (also nach der militärischen
Niederlage des Aufstandes von 1905)überall in Rußland fast pausenlos
ausgeübt wird, wird zweifellos helfen, die Massen zu lehren, im Augenblick
des Aufstandes die richtige Taktik anzuwenden. Die Sozialdemokratie muß
diesen Massenterror billigen und zum Bestandteil ihrer Taktik machen ..."
Anders kann ein Marxist auch
nicht zur Frage des revolutionären Terrors Stellung nehmen. Dieser
richtet sich selbstverständlich nicht gegen das Volk, gegen die Massen,
auch nicht gegen solche Schichten, die nach ihren Lebensbedingungen und
ihrer Klassenlage dem Proletariat zwar nahestehen, sich aber nicht zur
Teilnahme an der revolutionären Bewegung entschließen können.
Der revolutionäre Terror richtet sich ausschließlich gegen Exponenten
des Ausbeutungssystems und gegen Funktionäre des Unterdrückungsapparates,
gegen die zivilen und militärischen Führer und Hauptleute der
Konterrevolution. Die Einsicht, daß die Unterdrückung nicht
den Launen der jeweiligen Charaktermasken des kapitalistischen Systems,
sondern den ökonomischen Zwangsgesetzen dieser Formation selbst entspringt,
ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Dieses System verleibt sich nie
Menschen ein, macht diese zu seinen Organen,wie diese sich auch persönlich
mit ihrer Funktion im Unterdrückungsapparat identifizieren und so
zu Feinden werden. Das System wirkt und handelt durch diese Feinde des
Proletariats. Will man es zerstören, muß man seine Organe ausschalten.
Einen anderen Weg gibt es nicht. Die Herrschenden bedienen sich der Angst,
die sie durch Terror erzeugen, um sich das Proletariat gefügig zu
halten. Was spricht dagegen,daß sich die Unterdrückten ebenfalls
der Angst bedienen, die sie durch Terror ihren Feinden einjagen, um sich
endlich zu befreien?
7.
Die Kraft der Volksmassen konkret entdecken und so die Resignation in den
Massen überwinden!
Im Unterschied zum Putschismus
"ist der Terrorismus kein Schnellverfahren für Revolutionäre,
das ihnen die Möglichkeit böte, sich die Anstrengungen der politischen
Arbeit zu ersparen: vielmehr schafft der Terrorismus allererst Bedürfnis
und Bedingungen dieser Arbeit und ist damit deren Ausgangspunkt. Die Aufständischen
müssen die Funktion einer politischen Avantgarde Organisation übernehmen,
wenn sie nicht isoliert und weggefegt werden wollen; die Guerilla muß
eine
Schule der politischen Praxis werden, revolutionäre Kader aufstellen,
an Ort und Stelle ein Übergangsprogramm erarbeiten, das dem Bewußtseinsstand
der Massen entspricht und permanent in dem Maße,wie der Grad der
Bewußtheit im Kampf und durch ihn wächst,überarbeitet wird."
Die wirksame Absicherung
der Interessen und Aktionen der Massen durch bewaffnete Gruppen hat entscheidende
Bedeutung für die Bildung und Festigung neuartiger politischer Organisationsformen
der Massen. Es gilt der Satz Maos allgemein: "Jeder Kommunist muß
die Wahrheit begreifen: die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.
Unser Prinzip lautet: die Partei kommandiert die Gewehre, und niemals darf
zugelassen werden, daß die Gewehre die Partei kommandieren. Hat man
aber Gewehre, dann kann man wirklich Parteiorganisationen schaffen ...
dann kann man auch noch Kader hervorbringen, Schulen errichten, eine Kultur
schaffen, Massenbewegungen ins Leben rufen."
Die so entstehende Organisation
des revolutionären Proletariats wird in der Lage sein, gestützt
auf die Gewehre, die Unterdrückungsstreitkräfte des Klassenfeindes
zu zersetzen und schließlich restlos zu schlagen. In den vergangenen
Jahrzehnten hat der Feind wiederholt mit seinen Gewehren den Kampfgeist
des Proletariats gebrochen, die revolutionären Kader dezimiert und
demoralisiert. Die Revolutionäre hatten den Mut zu kämpfen verloren,
weil sie den Gewehren des Feindes wehrlos ausgesetzt waren. In der letzten
Auseinandersetzung zwischen den Klassen zählen nur Gewehre.
Die Solcher des Kapitals
werden die Arbeiter nur respektieren und fürchten, wenn diese Gewehre
in ihren Händen halten. Die Macht des Feindes ist begrenzt. Sie hängt
ab von den Menschen, die die Hebel seines Unterdrückungsapparates
betätigen. Die perfektionierten und technisch komplizierten Tötungsmaschinen
des Kapitals sind harmlos, wenn die Menschen fehlen, die sie bedienen müssen.
Wenn sich in der Vergangenheit das Proletariat in Deutschland mit Waffen
gegen das Kapital erhob, dann hat es zwar heldenhaft, aber nach falschen
taktischen Prinzipien und ohne strategische Perspektive gekämpft.
Mut und Stolz schienen den revolutionären Kämpfern zu gebieten,
sich dem formierten Feind offen entgegenzustellen und bis zur letzten Patrone
standzuhalten. Das Ergebnis kann nicht &u