RAF: Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa
Mai
1971
Bewaffneter
Kampf - ein zentrales Problem der revolutionären Theorie
Bewaffneter
Kampf und Generalstreik
Proletarisches
Bewußtsein, revolutionäre Theorie...
Revolutionäre
Avantgarde und proletarische Klasse
Stadtguerilla
als revolutionäre Interventionsmethode in den Metropolen
Terror gegen
den Herrschaftsapparat...
Die Kraft der
Volksmassen konkret entdecken...
Revolution
und jugendliche Gesellschaft
Die revolutionäre
Organisation des Proletariats...
Die Angst
vor dem Faschismus überwinden...
"Die Geschichte lehrt uns,
daß richtige politische und militärische Linien nicht spontan
und friedlich, sondern im Kampf entstehen und sich entwickeln. Der Kampf
für diese Linien muß einerseits gegen den 'linken' Opportunismus,
andererseits gegen den Rechtsopportunismus geführt werden." (Mao Tse-tung,
Ausgewählte Werke I, S. 227)
1.
Bewaffneter Kampf - ein zentrales Problem der revolutionären Theorie
Immer mehr junge Menschen
erwachen heute zu einem revolutionären Bewußtsein. Die Bereitschaft,
konsequent und diszipliniert für die proletarische. Revolution zu
arbeiten, wächst. Die Einsicht, daß diese Revolution ohne eine
wissenschaftliche revolutionäre Theorie nicht siegen kann, setzt sich
durch; doch werden kaum Konsequenzen daraus gezogen. Die revolutionäre
Theorie ist keine akademische Betrachtung, nicht nur eine Erklärung
gesellschaftlicher Zusammenhänge, sondern in erster Linie eine Anleitung
zum revolutionären Handeln. Sie muß auf die Frage nach den Kräften,
den Zielen, den Mitteln und Wegen der sozialistischen Revolution eine konkrete
und praktische Antwort geben. Sie muß die Frage der Macht im Staate
richtig lösen; Auskunft geben, ob ein "friedlicher Übergang zum
Sozialismus", ein gewaltloser Übergang der Macht aus den Händen
des Kapitals auf die Organisationen des Proletariats unter den konkreten
gesellschaftlichen Umständen möglich ist. Schwärmereien
und Beschwörungen zählen nicht. Die widerstreitenden Klasseninteressen,
die Mittel und Methoden der Herrschenden, ihre Macht zu bewahren, müssen
untersucht werden. Die notwendigen und möglichen Schritte zur Diktatur
des Proletariats müssen entwickelt werden - sonst ist die revolutionäre
Theorie lückenhaft, keine Anleitung zu richtigem Handeln.
Eine große Gefahr besteht
darin, daß tatsächlich vorhandene Lücken nicht rechtzeitig
erkannt werden, weil die Revolutionäre glauben, gegenwärtige
Fragen des revolutionären Prozesses mit vergangenen Lösungen
beantworten zu können. Geschichtliche Erfahrungen - niemand bestreitet
das - sind die Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus. Er ist Inbegriff
der aus diesen Erfahrungen abgeleiteten Erkenntnisse ober die allgemeinen
Bewegungsgesetze der Gesellschaft. Allein die schöpferische Anwendung
dieser Erkenntnisse auf die jeweilige konkrete Situation kann - die Revolution
voran bringen. Erfolgreiche Klassenkämpfe der Vergangenheit sind nicht
Vorbilder,die man kopieren sollte, sondern Lehrstücke. Die Pariser
Kommune 1871,der Sieg der russischen Oktoberrevolution und der Erfolg des
Volkskrieges in China sind aus gänzlich verschiedenen, mit unserer
Situation heute nicht vergleichbaren gesellschaftlichen Bedingungen hervorgegangen.
Gleichwohl werden wir keine zureichende revolutionäre Theorie entwickeln
können, wenn wir aus diesen Erfahrungen nicht die auch für unser
Handeln gültigen Lehren ziehen.
Das Studium der geschichtlichen
Lehrstücke wird nur dann erfolgreich sein, wenn wir das Verhältnis
des Besondern zum Allgemeinen in den Erscheinungen richtig verstehen. Das
Allgemeine existiert im Besondern, wie das Besondere in das Allgemeine
eingeht. Entwicklung und Verlauf des Pariser März- Aufstandes von
1871, der russischen Oktoberrevolution, des Volkskrieges in China und des
Sturzes des Batista- Regimes in Kuba zeigen,daß sich der Klassenkampf
zwischen Bourgeoisie und Proletariat um die Gestaltung der gesellschaftlichen
Produktionsverhältnisse zum bewaffneten Konflikt, zum Bürgerkrieg
zuspitzt.
Der bewaffnete Kampf als
höchste Form des Klassenkampfes folgt aus der Tatsache, daß
es den besitzenden Klassen gelungen ist, sich den bestimmenden Einfluß
auf die staatlichen Machthebel zu sichern und das staatliche Monopol über
die letztlich entscheidenden Gewaltinstrumente - Polizei und Armee - durchzusetzen.
Diese Feststellung gilt sowohl für die offene als auch für die
parlamentarische Form der Diktatur der Bourgeoisie. Das gesellschaftliche
Gewaltpotential ist weitgehend zu einem Herrschaftsinstrument in den Händen
der besitzenden Klassen, eine Waffe zur Verteidigung ihrer Vorrechte gegen
die Ansprüche der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft, der
ausgebeuteten Produzenten,geworden. Noch nie hat eine besitzende Klasse
in gesellschaftlichem Maßstab auf ihr Eigentum an den Produktionsmitteln,
auf ihre Privilegien verzichtet.
Nichts spricht dafür,
daß sich das geändert haben könnte. Die Namen von Auschwitz,
Sétif, Vietnam, Indonesien, Amman stehen für die Erfahrung,
daß Massaker nicht der Vergangenheit überwundener Herrschaftssysteme
angehören, sondern nach wie vor zum Instrumentarium der Herrschenden
gehören, Sie identifizieren ihre physische und gesellschaftliche Existenz
mit ihrer Machtstellung als ausbeutende Klasse. Sie können sich eine
andere Existenzweise für sich nicht vorstellen. Mit der Energie ihres
Selbsterhaltungstriebes kämpfen sie bis zur letzten Konsequenz um
die Erhaltung ihrer Herrschaft. Wo immer der Kapitalismus noch über
reale Macht verfügt, wird er sie zur Verlängerung seiner Existenz
einsetzen. Die Erwartung eines friedlichen Übergangs vom Kapitalismus
zum Sozialismus hat für die Metropolen keine materielle Grundlage.
Die aus den sozialen Erhebungen der Vergangenheit und Gegenwart zu ziehenden
Lehren begründen hinreichend die Einsicht, daß der revolutionäre
Klassenkampf des Proletariats gegen die Herrschaft des Kapitals in seinem
entscheidenden, höchsten Stadium zum bewaffneten Bürgerkrieg
führt, daß der bewaffnete Kampf das höchste Stadium des
Klassenkampfes ist. Mao Tse-tung hat diese Einsicht 1938 wie folgt formuliert:
"Die zentrale Aufgabe der
Revolution und ihre höchste Form ist die bewaffnete Machtergreifung,
ist die Lösung der Frage durch den Krieg. Dieses revolutionäre
Prinzip des Marxismus- Leninismus hat allgemeine Gültigkeit, es gilt
überall, in China wie im Ausland." (Ausgewählte Werke I I, S.
285)
Ist unter den gegebenen gesellschaftlichen
Bedingungen die bewaffnete Phase des Klassenkampfes unvermeidlich, so muß
eine revolutionäre Theorie den militärischen Aspekt des Klassenkampfes
adäquat widerspiegeln und eine konkrete Anleitung zum militärischen
Handeln geben. Der Primat der Politik in der sozialistischen Revolution
kann und darf nicht bedeuten,daß man die politische Mitte des Klassenkampfes
isoliert betrachtet und andere wesentliche Aspekte vernachlässigt;
denn das hieße, nur einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit
bedenken, das Ganze also falsch widerspiegeln. Der Primat der Politik gilt
uneingeschränkt. Er kann jedoch nur heißen, daß die militärischen
Formen des Kampfes den politischer Zielen der Revolution untergeordnet
sind. Lenin hat eine richtige militärische Theorie des bewaffneten
Aufstandes unter den Bedingungen eines imperialistischen Weltkrieges entwickelt.
Marx und Engels haben aus den Erfahrungen der Revolutionen von 1848 bis
1850 und der Pariser Kommune wichtige Prinzipien für die militärische
Phase des Klassenkampfes abgeleitet, die auch heute noch ihre Bedeutung
haben.
Insgesamt haben die Klassiker
der revolutionären Theorie die Annahme einer militärischen Phase
des Klassenkampfes nicht verworfen, sondern im Gegenteil als ein unvermeidliches
Stadium der Revolution gesehen, das es theoretisch zu bewältigen gilt.
Die Bedeutung des Beitrages Mao Tse-tungs zur zeitgenössischen revolutionären
Theorie besteht u. a. in der durch den chinesischen Volkskrieg überprüften
und bestätigten These, daß die revolutionäre Organisation
des Proletariats die Revolution nur dann zum Siege führen kann, wenn
sie zugleich eine militärische ist, wenn die kommunistische Partei
auch eine Rote Armee der revolutionären Klassen aufbaut.
Mao hat erkannt, daß
unter den Bedingungen des weltweit organisierten Imperialismus der Widerspruch
der militärischen Organisation der antagonistischen Klassen der Hauptwiderspruch
während einer langen Periode des sich allmählich entwickelnden
revolutionären Volkskrieges ist, dessen Bewegung den Gang der Revolution
bestimmt. Folgerichtig hat er stets der militärischen Frage seine
besondere Aufmerksamkeit zugewandt und durch seine Handlungsanleitungen
den Primat der Politik durchgesetzt.
Bei der Erarbeitung der militärischen
Theorie der proletarischen Revolution hat er in ständiger Auseinandersetzung
mit der Fraktion der Dogmatiker in der eigenen Partei, die unkritisch sowjetrussische
Vorbilder übernehmen wollten, die Prinzipien der dialektisch-materialistischen
Erkenntnistheorie korrekt angewandt, indem er die Übertragung der
von den Klassikern aufgrund anderer gesellschaftlicher Umstände gezogenen
Schlußfolgerungen, deren Überstülpung auf die chinesischen
Verhältnisse, konsequent bekämpfte und die Partei dazu erzog,
die gesellschaftlichen Zusammenhänge im revolutionären China
mit den Methoden des dialektischen Materialismus selbständig zu analysieren
und so die chinesische Gesellschaft erst zu erkennen, um dann die aus den
chinesischen Verhältnissen notwendigen und richtigen Schlüsse
zu ziehen. Nur auf diesem Wege konnte die revolutionäre Theorie entstehen,
die die revolutionären Klassen Chinas zum Siege führte.
In der Methode hat Mao den
Weg gewiesen, den künftig alle revolutionären Bewegungen zu gehen
haben. Dieser Weg besteht darin: die militärischen Konsequenzen des
Klassenkampfes als ein zentrales Problem in die revolutionäre Theorie
und Praxis einbeziehen, die Besonderheiten in den Beziehungen der einzelnen
Klassen zum revolutionären Kampf des Proletariats und des Kräfteverhältnisses
zwischen den antagonistischen Klassen sorgfältig studieren; keine
Schemata übernehmen, sondern durch selbständige analytische Untersuchungen
die angesichts des Kräfteverhältnisses möglichen und aussichtsreichen
Formen des militärischen Kampfes zur Entmachtung des Kapitals entdecken
und praktisch anwenden; durch praktische Erfahrungen das politisch-militärische
Konzept überprüfen und erforderlichenfalls korrigieren; durch
den praktischen Kampf das Kräfteverhältnis zugunsten der revolutionären
Klassen verändern, darauf aufbauend unter den veränderten Umständen
den militärischen und politischen Kampf auf die nächste, höhere
Stufe heben usw., bis zum endgültigen Sieg des Proletariats.
2.
Bewaffneter Kampf und Generalstreik
Gegenwärtig erleben
wir in der Bundesrepublik und in Westberlin die Bemühungen zahlreicher
Genossen, revolutionäre proletarische Parteien aufzubauen, nach bolschewistischen
Prinzipien die Industriearbeiterin ihren Betrieben zu organisieren, in
der Arbeiterschaft die sozialistische Revolution zu propagieren. Aber wie
stellen sie sich diese Revolution vor? Welche revolutionäre Theorie
liegt ihren organisatorischen Bemühungen zugrunde? Was sagen sieden
Arbeitern über den voraussichtlichen Verlauf der Revolution,über
die Gefahr der Verfälschung strategischer und taktischer Prinzipien?
Welches ist die Richtung, in die die Arbeiterschaft gehen soll, um den
revolutionären Prozeß bewußt zu formen und in der Revolution
zu führen?
Sie sagen den Arbeitern,
daß die Herrschaft des Kapitals beseitigt, die Diktatur des Proletariats
errichtet und die Produktionsmittel in gesellschaftliche Verfügung
genommen werden müssen. Sie propagieren Massenaktionen, eine zentralistisch-demokratische
Organisation der Avantgarde des Proletariats, die revolutionäre kommunistische
Partei, die Solidarität aller Unterdrückten. Was sagen sie, wenn
die
Arbeiterfragen, wie die Unterdrückungsapparatur des imperialistischen
Staates bezwungen und schließlich zerschlagen werden kann? Wollen
sie antworten,daß die Macht des Kapitals allein durch die "machtvollen
Manifestationen des Volkswillens", durch den Generalstreik und die Besetzung
der Fabriken durch die Arbeiter gebrochen wird?
Auch eine im nationalen Maßstab
organisierte, in den Massen verankerte,nach bolschewistischen Prinzipien
geschulte und erfahrene Arbeiterpartei wird nicht verhindern können,
daß die Herrschenden gegen die Demonstrationen und Streiks die Polizei
und die Armee einsetzen und ein Blutbad anrichten. Sie wird nicht verhindern
können, daß die aktivsten revolutionären Kader zu Tausenden
in die faschistischen Konzentrationslager verschleppt oder gleich an Ort
und Stelle umgebracht werden. Sie wird nicht verhindern können, daß
der Generalstreik am Hunger und der Erschöpfung der Massen zugrunde
geht. Diese werden zum soundsovielten Male geschlagen und von ihrer Führung,
die sie wehrlos in diese Auseinandersetzung geführt hat, enttäuscht
sein.
Die bürgerliche Staatsmacht
wird wohl durch den Aufschwung der revolutionären Massenbewegung geschwächt,
aber nicht vernichtend geschlagen. Bricht der Ansturm der Massen erst einmal
im Feuer der Konterrevolution zusammen, wird das Kapital zunächst
gestärkt aus der Auseinandersetzung hervorgehen, eine faschistische
Diktatur errichten und den " Arbeitsfrieden" nach dem Diktat der Eigentümer
wiederherstellen. Der Generalstreik lähmt zwar die Wirtschaft eines
Industrielandes, er löst aber nicht automatisch die Machtfrage. Mit
der Desorganisation entzieht er auch dem Proletariat, und diesem in Ermangelung
von Reserven sehr viel schneller, die materielle Existenzgrundlage.
Während der Mairevolution
in Frankreich hätte wohl eine in nationalem Maßstab organisierte
revolutionäre Partei ein weiteres Durchhalten des Streiks für
einige Wochen organisieren können (bestenfalls). Na und? Selbst wenn
Überall Arbeiterkomitees "die Macht" in den Städten übernommen
hätten, wenn die Fabrikkomitees die Produktion für die Bedürfnisse
des Proletariats organisiert hätten, wäre damit den Herrschenden
die Unterdrückungsapparatur der Polizei und der Armee nicht entwunden
worden. Die Theorie von dem in den allgemeinen Aufstand überzuleitenden
Generalstreik spukt als Gespenst immer noch in den Köpfen der Revolutionäre
- sie bleibt ein Gespenst, wenn der allgemeine Aufstand nicht begriffen
wird als das Endstadium eines langwierigen bewaffneten Kampfes gegen den
staatlichen Unterdrückungsapparat, der nur durch diesen Kampf allmählich
zermürbt, demoralisiert und schließlich zerschlagen werden kann.
Im Gegensatz zu den streikenden
Arbeitern verfügt eine intakte Armee über eine durchgebildete,
die ganze Nation umfassende Befehlsstruktur. Die Vorrate dieser Armee an
Versorgungsgütern, Waffen, Munition und Ausrüstung sind nicht
nur für den äußeren Konflikt,sondern auch für einen
Bürgerkrieg ausreichend kalkuliert. Das militärische Transport-
und Nachrichtenwesen ist von den öffentlichen Verkehrs- und Kommunikationsmitteln
unabhängig. Ein Streik der Eisenbahner und Postbediensteten könnte
den militärischen Apparat nicht entscheidend treffen. Eine Armee hat
es darüber hinaus noch immer verstanden, durch geeignete militärische
Operationen die für ihre Versorgung notwendigen Güter zu requirieren
und eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Produktion in Gang zu
bringen. Der Soldat verhungert immer zuletzt.
Diese für die Massenkämpfe
ungünstige strategische Ausgangslage ist nicht neu. Sie hat auch in
der Vergangenheit die Frage nach einer angepaßten Perspektive des
militärischen aufgeworfen. Engels hat sich seit seiner aktiven Teilnahme
an militärischen Gefechten während der Verfassungskampagne 1849
intensiv mit den Problemen des Krieges im allgemeinen und des revolutionären
Bürgerkrieges im besonderen befaßt. In seinem von der deutschen
Sozialdemokratie weidlich mißbrauchten"politischen Testament" - im
Vorwort zu " Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850" - legte
er dar, daß angesichts des Fortschritts der Kriegstechnik die Rebellion
alten Stils, "der Straßenkampf mit Barrikaden, der bis 1848 überall
die letzte Entscheidung gab" überholt sei. Die neue Perspektive glaubte
Engels in der allgemeinen Wehrpflicht gefunden zu haben.
"Je mehr Arbeiter in den
Waffen geübt werden, desto besser. Die allgemeine Wehrpflicht ist
die notwendige und natürliche Ergänzung des allgemeinen Stimmrechts;
sie setzt die Stimmenden in den Stand, ihre Beschlüsse gegen alle
Staatsstreichversuche mit den Waffen in der Hand durchzusetzen. Die mehr
und mehr konsequente Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht ist
der einzige Punkt, der die Arbeiterklasse Deutschlands in der preußischen
Armeeorganisation interessiert ...", schrieb Engels 1865 (" Die preußische
Militärlage und die deutsche Arbeiterpartei").
Daß Engels in diesem
Punkt irrte, bedarf nach der mehr als hundertjährigen Geschichte der
deutschen Arbeiterbewegung keine weiteren Darlegung. Liegt auch die größere
Unzuverlässigkeit einer Wehrpflichtigen- Armee auf der Hand - was
sich gegenwärtig auch wieder beider U S- Armee in Vietnam zeige -
so ist die Spekulation auf die massenhafte revolutionäre Gehorsamsverweigerung
und die Fraternisierung der proletarischen Soldaten nur in seltenen Ausnahmefällen
nach militärischen Katastrophen in Völkerkriegen aufgegangen.
Dem Frontwechsel der Armee in einem Bürgerkrieg wirken zahlreiche
Tendenzen entgegen, u. a. auch die von Engels erkannte Tatsache, daß
in der proletarischen Revolution das Volk weniger geschlossen in den Kampf
zieht,als es bei der bürgerlich-demokratischen Revolution noch der
Fall war. In dem bereits erwähnten Vorwort schrieb Engels 1895: "Ein
Aufstand, mit dem alle Volksschichten sympathisieren,kommt schwerlich wieder;
im Klassenkampf werden sich wohl nie alle Mittelschichten so ausschließlich
ums Proletariat gruppieren, daß die um die Bourgeoisie sich scharende
Reaktionspartei dagegen fast verschwindet. Das 'Volk' wird also immer geteilt
erscheinen."
Nach der russischen Revolution
von 1905 äußerte sich Lenin unter dem Eindruck der Erhebung
im gleichen Sinne: "Es ist ganz natürlich und unvermeidlich, daß
der Aufstand die höheren und komplizierteren Formen eines langwierigen
Bürgerkrieges, d. h. des bewaffneten Kampfes des einen Teiles des
Volkes gegen den anderen, annimmt." (Lenin: Der Partisanenkrieg; Werke
11/202 ff)
Erst jüngst sind diese
Erkenntnisse durch die Maiereignisse in Frankreich bestätigt worden.
Die Zerrissenheit des Volkes in der proletarischen Revolution ist die Bedingung
eines weiteren Machtgewinns für die Konterrevolution. Schon während
der russischen Revolution von 1905 organisierten sich faschistische Terrorbanden,
die sogenannten Schwarzhunderter. Durch Lenin ist uns das von dem zaristischen
Polizeidirektor Lopuchin formulierte Programm der faschistischen Repression
überliefert:
"Als es keine wirkliche revolutionäre
Volksbewegung gab,als der politische Kampf noch nicht mit dem Klassenkampf
zu einem Ganzen verbunden war, da genügten, weil es nur um einzelne
Personen und Zirkel ging, bloße Polizeimaßnahmen. Gegen Klassen
erwiesen sich diese Maßnahmen als bis zur Lächerlichkeit wirkungslos,
und die Unzahl der Maßnahmen begann zu einem Hemmnis für die
Arbeit der Polizei zu werden ... Gegen die Volksrevolution, gegen den Klassenkampf
kann man sich nicht auf die Polizei stützen, man muß sich ebenfalls
auf das Volk, ebenfalls auf Klassen stützen ... Man muß die
nationale Zwietracht, die Rassenzwietracht schüren, man muß
aus den Reihen der am wenigsten aufgeklärten Schichten der städtischen
(und später selbstverständlich auch der ländlichen Kleinbourgeoisie'
Schwarzhundertschaften' rekrutieren, man muß versuchen, alle reaktionären
Elemente in der Bevölkerung selbst zur Verteidigung des Throns zusammenzuschließen,
man muß den Kampf der Polizei gegen Zirkel in einen Kampf des einen
Teils des Volkes gegen den deren Teil des Volkes verwandeln. So verfährt
jetzt auch die Regierung ..." Soweit die Ausführungen Lenins zur Denkschrift
eines zaristischen Polizisten (Werke 8/193).
Diese unmittelbar aus der
Entfaltung des Klassenkampfes folgende geschichtliche Tendenz hat sich
bis in die Gegenwart fortgesetzt und in den italienischen Schwarzhemden,
den "Sturmabteilungen" (SA) und den" Schutzstaffeln" (SS) der Nazis ihre
vorläufige Vollendung gefunden. "Vollendung" des faschistischen Terrors
ist aber nicht gleichbedeutend mit seiner "Beendigung". Die Herrschenden
haben die Lektion nicht verlernt. In Frankreich folgte auf die Demonstration
von 1 Million Arbeitern und Studenten vom 13. Mai die "Manifestation" von
800 000 Bourgeois und kleinbürgerlichen Elementen, die ihre Entschlossenheit
zur Verteidigung des kapitalistischen Systems bekundeten und unverzüglich
darangingen, im ganzen Land "Komitees zur Verteidigung der Republik" (CDR)
zu organisieren.
Wer wollte nach den geschichtlichen
Erfahrungen leugnen, daß die im Rücken der proletarischen Organisationen
operierenden faschistischen Verbände durch allgemeinen Terror, Spitzeldienste
und Provokationen die Armee- und Polizeieinheiten bei der Niederwerfung
des Aufstandes sehr wirksam unterstützen können?
Den Herrschenden ist auch
die Unzuverlässigkeit eines aus dem Volke rekrutierten Wehrpflichtigen-
Heeres nicht verborgen geblieben. Angesichts der steigenden revolutionären
Flut ist in allen westlichen Industrieländern die Tendenz feststellbar,
die Wehrpflicht zu kassieren und Elite- Einheiten für die Bekämpfung
von Aufständen und Guerilla- Aktionen aufzustellen, den proletarischen
Soldaten zu ersetzen durch den technisch perfektionierten Berufskiller.
Derartige Kampfeinheiten sind gegen Desertationstendenzen weitgehend immun.
Eine Fraternisierung des Berufsheere mit den revolutionären Massen
wird zur blanken Utopie. Es ist gegenwärtig nicht schwer vorstellbar,
daß die proletarischen Massen in Frankreich und Italien mit Generalstreiks
und Aufständen nach der Macht greifen. Ebenso leicht ist aber auch
das Vorgehen und die Politik der Militärkaste abzusehen. General Massu
war während der Maiereignisse in Frankreich im Begriff, die militärische
Phase des Klassenkampfes einzuleiten. Seine Panzereinheiten marschierten
unter dem Beifall der bürgerlichen Presse auf Paris.
Man sollte, wenn man an Revolution
denkt, sich konkret vorstellen, was die seinem Befehl unterstellten Eliteeinheiten
unter der französischen Proletariat angerichtet hätten. Man mag
einwenden,daß ein Durchgreifen der Armee nur um den Preis schwerer
Zusammenstöße mit vielen Toten möglich gewesen wäre,daß
sich Teile der Wehrpflichtigen- Armee geweigert hätten, auf Arbeiter
zu schießen. Wären die Herrschenden vor einem Blutbad zurückgeschreckt?
Moralische Skrupel wird ihnen niemand unterstellen wollen. Sicher, sie
weichen zuweilen zurück, machen Zugeständnisse, lassen Kabinette
fallen, gehen Koalitionen mit traditionell-kommunistischen Parteien ein,
wenn diese sich auf den Boden der Bürgerlichen Verfassung stellen,
schrecken scheinbar vor dem "Äußersten" zurück.
Die Gründe für
diese Nachgiebigkeit zeigen zugleich ihre Grenzen: Sie ist ein Selbsterhaltungsreflex.
Das Kapital geht einen Schritt zurück, um den Schlag des Proletariats
abzufangen und die Kraft für den Gegenschlag zu erhalten. Es wird
aber nicht abdanken. Trotz Fabrikbesetzungen, Selbstversorgung und proletarischer
Verwaltung wäre durch das Eingreifen der Armee der Revolutionären
die Initiative verlorengegangen. Die Militärpolitik in solchen Fällen
ist erprobt und im wesentlichen überall die gleiche: Zuverlässige
Verbände der Armee führen an strategisch wichtigen Punkten die
Überlegenheit des Unterdrückungsapparates exemplarisch vor. Dadurch
werden schwankende und inaktive Einheiten der Polizei und Armee stabilisiert
und gleichzeitig wichtige Stellungen des Proletariats liquidiert, insbesondere
die in jeder Revolution vorhandenen Orientierungspunkte - im Mai 1968 waren
es die Autowerke von Renault und Citroen -, die wie eine Fahne in der Schlacht
Sieg oder Niederlage signalisieren.
Die aktiven Kader, die Mitglieder
der proletarischen Verwaltungsorgane, die unmöglich konspirativ arbeiten
können, die Führer des Streiks bzw. Aufstandes werden zu Tausenden
verhaftet, in Konzentrationslager verschleppt oder unter dem Kriegsrecht
erschossen. Versorgungsaktionen des Proletariats werden von der Armee unterbunden
und als Plünderung nach Kriegsrecht bestraft. Sie übernimmt statt
dessen unter dem Vorwand einer gerechteren Bedarfsdeckung selbst die Verteilung
der notwendigen Lebensmittel an die Bevölkerung. Durch Hilfsprogramme
des internationalen Kapitals ist die Armee häufig auch in der Lage,
mehr und bessere Versorgungsgüter heranzuschaffen.
Auf der anderen Seite werden
die Herrschenden ihre Bereitschaft beteuern, nach Wiederherstellung der
Ordnung auf die "berechtigten Forderungen der Arbeiter" einzugehen. Je
länger die Auseinandersetzungen andauern,desto größer wird
die Gefahr, daß Fraktionen der Arbeiterschaft in Verhandlungen mit
den bürgerlichen Parteien eintreten,"um zu retten, was zu retten ist".
Die Schlacht ist verloren.
Wer könnte die Armee-
Einheiten an der Bewegung im Lande hindern? Wer wolle in einer solchen
Lage die Panzer, die Hubschrauber, die mobilen Kolonnen, die Säuberungskommandos
der "Paras","Marines", "Rangers" oder wie sie immer heißen mögen,
aufhalten? Die aus dem Boden gestampften, schlecht ausgebildeten und unerfahrenen
Kampfeinheiten der Arbeiter, die sich bestenfalls durch Aktionen gegen
Polizeistationen und Armeeaußenposten nur mit leichten Waffen ausrüsten
könnten? Sollten sich reguläre Armee- Abteilungen auf die Seite
der Revolution schlagen, ihr Potential wäre schnell aufgerieben.
Das alles liegt auf der Hand.
Es scheint jedoch, als wachse die Neigung, vor den militärischen Bedingungen
der Revolution die Augen zu verschließen, in gleichem Maße
wie der Unterdrückungsapparat auf die Niederschlagung von Unruhen
und Aufständen spezialisiert wird. Anders ist es wohl kaum zu erklären,
daß Mandel, ein bedeutender revolutionärer Theoretiker der Gegenwart,
nach den Erfahrungen der Revolution von 1968 eine "Typologie der Revolution
in imperialistischen Ländern" entwirft, deren strategische Elemente
sind: "Generalstreik ..., Fabrikbesetzungen, immer massivere und härtere
Streikposten (?), die unmittelbare Entgegnung auf jede Art von gewaltsamer
Unterdrückung (?), Demonstrationen auf der Straße, die sich
in gefechtsartige Zustände und beständige Fühlungnahme mit
den Kräften der Unterdrückung (?) bis zum Wiedererscheinen von
Barrikaden verwandeln ..." In einer Fußnote (!) unternimmt er es,
das militärische Programm zu konkretisieren. Das hört sich so
an:
"Seit dem Beginn der Fabrikbesetzungen
suchten die Unterdrückungskräfte, einige von den Streikenden
besetzte strategische Punkte zurückzugewinnen, so zum Beispiel das
Fernmeldeamt. Eine Arbeiterbewegung, die von den Ereignissen nicht unvorbereitet
überrascht worden wäre, hätte es verstanden diese ohne Widerstand
eroberten Schlüsselpositionen zu verteidigen und diese Provokationen
der Macht (!) zum Anlaß zu nehmen, den Massen Schritt für Schritt
die Vorstellung einer der Verteidigung dienenden Bewaffnung der Streikposten
beizubringen. Auf diese Weise hätte 'die Angst vordem Bürgerkrieg'
durch den Willen zur Selbstverteidigung ersetzt werden können."
Solche Konzepte mögen
taugen für ein Land, wo die Armee mit Mottenkugeln schmeißt.
Indessen würde jeder französische Unteroffizier aus dem Stegreif
einen tauglichen Kriegsplan für die Liquidierung eines so gearteten
"militärischen Widerstandes"entwickeln können. Es ist zum Weinen!
Was kommt dann nach solchen Abenteuern?
Nach der militärischen
Niederlage folgt für die dezimierten Kader die Zeit des "Widerstandes"
in der Illegalität, das Bündnis mit allen "antifaschistischen"
Kräften, mögen diese auch Fraktionen des Bürgertums sein.
Die Kraft der faschistischen Diktatur wird allmählich nachlassen.
Die "Einheitsfront" der demokratischen Kräfte erscheint auf der Bühne,
die politische Erhebung rückt in den Bereich des Möglichen. Ihr
Ergebnis kann aber wiederum nur die Herstellung der "bürgerlichen
Demokratie" - also der präfaschistischen Formation der verschleierten
Diktatur der Bourgeoisie - sein.
Denn nur um diesen Preis
ist die Einheitsfront und ein Ende des faschistischen Regimes möglich.
Nur wenn die "bürgerliche Demokratie"gewährleistet ist, zeigt
sich das Kapital nachgiebig und bereit, seine faschistischen Statthalter
abzuberufen. Es entsteht so ein Kreislauf der verschiedenen Herrschaftsformen
des Kapitals. Auf die parlamentarische Scheindemokratie folgt die offene,
faschistische Diktatur der Bourgeoisie,dieser wiederum die parlamentarische
Herrschaftsform usw., bis das Proletariat endlich begriffen hat, daß
die militärische Niederringung des Klassenfeindes durch keine andere
Kampfform, durch kein Bündnis mit anderen politischen Kräften,
durch keine Volks- und Einheitsfrontpolitik ersetzt werden kann, sondern
daß alle anderen Formen des Klassenkampfes und politische Bündnisse
nur eine unterstützende Bedeutung für den bewaffneten Kampf haben
können. Das ist die Perspektive der endlosen Irrtümer und blutigen
Niederlagen. Sie wird die Arbeiter kaum davon überzeugen können,daß
es notwendig und sinnvoll ist, sich zu engagieren und am revolutionären
Kampf teilzunehmen. Eines sollten die Genossen begriffen haben: nicht die
sichere Erwartung der Niederlage, sondern nur die Aussicht auf den Sieg
begeistert die Massen zu revolutionären Taten. Ohne diese Begeisterung
hat in der Geschichte der Klassenkämpfe noch keine Revolution gesiegt.
Deshalb "müssen (wir)
den Volksmassen die Perspektive unseres Sieges im Krieg vor Augen führen
und ihnen begreiflich machen, daß die Niederlagen und Schwierigkeiten
vorübergehenden Charakter haben und daß der endgültige
Sieg zweifellos unser sein wird, wenn wir trotz aller möglichen Rückschläge
unbeugsam kämpfen". (Mao) Daraus folgt aber zugleich, daß auch
die bestorganisierte und ausgebildete Kaderpartei die Massen nicht wird
mobilisieren können, wenn sie nicht in der Lage ist, den Massen überzeugend
die Möglichkeiten eine Sieges aufzuzeigen. Da helfen keine Tricks.
Die vielfach belogenen,enttäuschten und geschlagenen Massen sind in
dieser Hinsicht sehr kritisch.
3.
Proletarisches Bewußtsein, revolutionäre Theorie und die Rolle
der revolutionären Intelligenz
Die oben entwickelte hypothetische
Diskussion zwischen revolutionären Kadern und Arbeitern ist ein erster
entscheidender Prüfstein für die Tauglichkeit einer revolutionären
Theorie. Jede Propaganda, die revolutionäre Ziele proklamiert, wird
wirkungslos bleiben, wenn sie nicht die konkreten Wege bezeichnet, auf
denen diese Ziele erreicht werden können. Hier liegt ein entscheidender
Unterschied zur bürgerlichen "Bauernfängerei". Die bürgerliche
Propaganda will die Massen gerade von selbständigem politischen Handeln
fernhalten und lediglich die Akklamation zu einem "stellvertretenden" Handeln
durch politische Parteien und Parlamentarier erreichen.
Dafür sind nebulose,
schönklingende, im Grunde nichtssagende, jedoch alles-verheißende
Parolen vorzüglich geeignet. Die revolutionäre Propaganda dagegen
zielt auf die eigene,selbstbewußte Aktion der Massen. Sie hat für
diese Aktion Handlungsanleitungen zu empfehlen, die notwendig konkret und
realistisch sein müssen. Die ersten praktischen Schritte bringen Klarheit
darüber, ob die Propaganda nur Phrase oder wirklichkeitstüchtiger
Wegweiser ist.
Wer mit uns darin übereinstimmt,
daß die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft nur möglich
ist, wenn die Macht des Kapitals gebrochen wird, kann nicht mehr der Frage
ausweichen, wie diese Macht konkret zerstört werden kann. Das ist
die entscheidende Frage. bleibt sie ohne Antwort, sind alle Anstrengungen
vergeblich und eigentlich nur Betriebsamkeit zur Beruhigung des eigenen
Gewissens.
Die politische Organisation
des Proletariats, die kommunistische Partei, ist kein Selbstzweck. Die
Revolution ist nicht vollbracht, wenn die Parteiorganisation steht. Niemand
behauptet das. Und doch ist entgegen allen theoretischen Beteuerungen in
der Vergangenheit die Organisation wiederholt zum Selbstzweck geworden,
hat der Wunsch nach Schonung und Erhaltung der Partei, nach Wahrung ihrer
Legalität in wichtigen Entscheidungssituationen zum Rückzug aus
den vordersten Linien des Klassenkampfes geführt. Geschichtliche Erfahrung
macht es notwendig, die Warnung Maos vor der Verfälschung der marxistischen
Theorie zum Selbstzweck auch auf die Partei zu beziehen.
Ebenso wie die revolutionäre
Theorie ist auch deren organisatorischer Ausdruck, die kommunistische Partei,
in den Händen des Proletariats ein Pfeil. Der Pfeil ist aber nutzlos,
wenn man ihn in den Fingern dreht und ein über das andere Mal verzückt
ausruft: "Ein schöner Pfeil! Oh, welch ein schöner Pfeil!" und
dabei versäumt, ihn auf den Feind, die Bourgeoisie, zu richten und
ab zuschießen. Dieser Pfeil ist ein Werkzeug zur Veränderung
der Gesellschaft. Eine Waffe zur Entmachtung des Kapitals. Das Werkzeugmuß
seinem Zweck entsprechen. Die Waffe muß der Ausrüstung des Feindes
gewachsen und überlegen sein. Bevor ein Werkzeugmacher darangeht,
das rohe Eisen zu einem Instrument zu formen, muß er wissen,für
welche Operationen es taugen soll. Nicht anders verhält es sich beim
Aufbau einer revolutionären Partei. Wie können wir sie schaffen,
wenn wir nicht wissen - jedenfalls in Umrissen und in einer ersten Näherung
-, wie der konkrete revolutionäre Prozeß aussehen wird und wie
er beeinflußt werden muß. Für einen nur-gewerkschaftlichen
Kampf wird die Organisation eine andere sein müssen als für eine
Partei, die durch legalen politischen Kampf die Parlamentsmehrheit erobern
will. Liegt der Schwerpunkt des Kampfes bei illegalen Methoden, muß
die Partei konspirativ, also gänzlich anders als eine offen auftretende
organisiert werden. Besteht über den Inhalt und die Formen des revolutionären
Kampfes keine Klarheit, geraten wir in die Gefahr, eine Parteiorganisation
zu schaffen, die bestenfalls untauglich ist für die Führung der
revolutionären Massen, die - was viel schlimmer wäre - aber auch
zu einem Hindernis für die Bewegung werden kann.
Entsteht die Partei ohne
theoretisches Bewußtsein ihrer Zwecke im revolutionären Prozeß,
wird sich die so wachsende Organisation später eine "Theorie" auf
den Leib schneidern, die allein ihren Möglichkeiten und Grenzen entspricht,
die Bedürfnisse der revolutionären Bewegung aber unberücksichtigt
läßt. Die Klassenkämpfe der Vergangenheit haben die Entwicklung
des wissenschaftlichen Sozialismus vorangetrieben. Er ist zu einem festen
Fundament der sozialistischen Weltrevolution geworden. Diese Theorie -
soll sie ihre praktische Funktion erfüllen - muß jedoch in jeder
neuen Phase des revolutionären Gesamtprozesses aufgrund der Erfahrungen
und der veränderten Umstände weiterentwickelt werden. Sie würde
lückenhaft und unbrauchbar, wenn veränderte zusammenhänge
und die Resultate vergangener Kämpfe in die Analyse nicht einbezogen
würden.
In der westdeutschen Gesellschaft
haben sie gegenüber 1918, 1923 und 1933 Veränderungen ergeben;
die Siege der Arbeiterklasse im internationalen Maßstab sowie die
Niederlagen des deutschen Proletariats im nationalen Rahmen haben neue
Einsichten in die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze eröffnet. Das
imperialistische Weltsystem hat sich an die durch den Sieg der russischen
Oktoberrevolution grundlegend veränderte Situation angepaßt.
Demgegenüber ist die revolutionäre Theorie, sind die Ansichten
der westdeutschen Kommunisten über die konkreten Wege zur Errichtung
der Diktatur des Proletariats zurückgeblieben.
Die deutschen Sozialdemokraten
der II. Internationale haben wenigstens versucht, sich konkret vorzustellen,
wie der Weg zur Arbeitermacht aussehen müßte; wenngleich ihre
Überlegungen heute auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem deutschen
Faschismus unglaublich naiv erscheinen. Anton Pannekoek hielt allen Ernstes
die "Lahmlegung der Presse, Verbot von Versammlungen, Verhaftung der Kampfleitung
..., Belagerungszustand und falsche Nachrichten" für die "äußersten
Maßnahmen" der Bourgeoisie gegen den revolutionären Kampf des
Proletariats. Auch die Vorstellungen Kautskys und Rosa Luxemburgs über
die Möglichkeiten der Konterrevolution gingen über die Erfahrungen
des Sozialistengesetzes nicht hinaus. Die Massenaktionen des russischen
Proletariats von 1905 haben im übrigen dazu beigetragen, Illusionen
über die Wirksamkeit von Massenstreiks in den Reihen der deutschen
Sozialisten wild wuchern zu lassen; Illusionen, gegen die Lenin mehr als
ein Jahrzehnt erbittert gekämpft hat.
Die russischen Revolutionäre
- allen voran Lenin - haben schon 1901 -also 16 Jahre vor dem Sieg der
proletarischen Revolution und noch vordem Aufbau der bolschewistischen
Partei die Notwendigkeit dargelegt, den bewaffneten Aufstand systematisch
und geduldig vorzubereiten und zu organisieren, insbesondere die Organisationsprinzipien
der kommunistischen Partei dieser Aufgabe anzupassen. Lenin kam zu dem
Schluß, daß das russische Proletariat "eine militärische
Organisation von Agenten" brauche. Er meinte damit die Partei. Seine organisatorischen
Vorstellungen faßte Lenin in der Broschüre "Was tun?" wie folgt
zusammen:
"... der Aufstand ist doch
im Grunde genommen die energischste und zweckmäßigste ' Antwort'
des gesamten Volkes an die Regierung. Gerade eine solche Arbeit (die Schaffung
und Verbreitung einer gesamtrussischen sozialistischen Zeitung) würde
endlich alle revolutionären Organisationen an allen Ekken und Enden
Rußlands dazu anhalten, ständige und gleichzeitig streng konspirative
Verbindungen zu unterhalten (hervorgehoben vom Verf.), die die faktische
Einheit (hervorgehoben von Lenin) der Partei schaffen - ohne diese Verbindungen
aber ist es unmöglich, den Plan des Aufstandes kollektiv zu beraten
und am Vorabend des Aufstandes die notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen
zu treffen, über die das strengste Geheimnis gewährt werden muß.
Mit einem Wort, der 'Plan einer gesamtrussischen politischen Zeitung' ist
nicht nur keine Frucht der Studierstubenarbeit von Personen, die von Doktrinarismus
und Literatentum angesteckt sind ..., sondern ist im Gegenteil der praktische
Plan, um von allen Seiten und unverzüglich mit der Vorbereitung des
Aufstandes zu beginnen, ohne dabei auch nur für einen Augenblick die
dringende Klassenarbeit zu vergessen."
Was hört man heute von
westdeutschen Kommunisten über die konkreten Wege und Methoden der
revolutionären Bewegung? Über die praktischen Zwecke der revolutionären
Organisation? Bestenfalls nichts! - Manchmal faselt man aber auch von der"
Iskra- Funktion" irgendeines der heute recht zahlreich entstehenden Blättchen
und offenbare damit ein an Verstocktheit grenzendes Unverständnis
für die leninschen Gedanken. Der heute allenthalben zu vernehmende
Aufruf an das Proletariat, sich zu organisieren, ist so alt wie das Kommunistische
Manifest. Er kann aber die Lücke der revolutionären Theorie nicht
hinweg täuschen. Diesem Aufruf einen zeitgemäßen, theoretisch
ausgerichteten Inhalt zugeben, ist eine Aufgabe, die noch gelöst werden
muß.
Es ist nicht wahr und ein
verhängnisvoller Irrtum vieler Genossen, daß die revolutionäre
Theorie für die gegenwärtigen Kämpfe in der westdeutschen
Gesellschaft nur von einer nach bolschewistischen Prinzipien aufgebauten
Kaderorganisation des Industrieproletariats entwickelt werden könnte.
Als Thema mit Variationen hören wir immer wieder, daß das Proletariat
nicht bevormundet werden dürfe. Das ist richtig. Aber was heißt
das? Wir hören,daß die Studenten aufgrund ihrer anderen Klassenlage,
insbesondere wegen der (klein)bürgerlichen Einflüsse, denen sie
ausgesetzt seien, die revolutionäre Avantgarde nicht seien. Man sagt,
daß es gegenwärtig darauf ankomme, das Proletariat in den Betrieben
für die ersten Schritte zu organisieren und zu mobilisieren, um es
so zu befähigen, innerbetriebliche Konflikte organisiert aufzugreifen
und auszutragen. Dadurch sollen Lernprozesse vermittelt werden, deren Resultate
es den Arbeitern angeblich ermöglichen, weitergehende Handlungsanleitungen
für die Lösung der Machtfrage im gesamtgesellschaftlichen Maßstab
zu erarbeiten. Die Vergötzung der Spontaneität feiert ihre Wiederauferstehung.
Ideengeschichtlich handelt es sich um eine Neuauflage der Theorie von der
"Taktik als Prozeß" (vgl. Lenin, Werke, Bd. 5, S. 228).
Wer die Lehren der Geschichte
ignoriert, ist dazu verdammt, ihre Fehler zu wiederholen. In den vergangenen
Jahrzehnten hat das Industrieproletariat in Deutschland "organisiert und
massenhaft" derartige Konflikte aufgegriffen, politisiert und kämpferisch
ausgetragen. Das Ergebnis war aber keineswegs eine brauchbare, eindeutige
und einheitliche revolutionäre Theorie, sondern eine Vielfalt sich
durchkreuzender politischer Tendenzen in der Arbeiterschaft.
Ein weiteres Ergebnis dieses
Erfahrungsprozesses ist die dem Geschichtsbild des westdeutschen Proletariats
tief eingeprägte Resignation, deren aggressive Variante der in den
Köpfen der Arbeiter spukende Antikommunismus ist. Ist aus Resignation
auch nur ein einziges Mal ein revolutionärer Gedanke gekrochen? In
den Zeitungen finden wir täglich Meldungen über mehr revolutionäre
Kampfe in mehr Ländern dieser Erde, in mehr Städten und mehr
Dörfern, mehr Schüsse, mehr Bomben. Diese Meldungen signalisieren
die steigende revolutionäre Flut. Wir finden aber kaum Meldungen darüber,
daß irgendwo in der Welt das Industrieproletariat in vorderster Linie
an diesen Kämpfen teilnimmt oder gar neue Theorien oder Organisationsformen
hervorgebracht hat.
Der Kampf der spanischen
Arbeiterkommission ist heldenhaft. Seine Perspektive ist aber lediglich
die Wiederherstellung der bürgerlichen Republik. Die" Oppositionspolitiker"
stehen schon bereit. In den USA verschärfen sich die Auseinandersetzungen.
Die Aktionen der revolutionären Kräfte nehmen zu. Aber werden
sie vom Industrieproletariat oder auch nur von Teilen desselben unterstützt
oder gar angeführt? Bei fast 5 Millionen Arbeitslosen könnte
man das vermuten. Fehlanzeige! Ist es Zufall, daß an allen Fronten
junge Angehörige der Intelligenzschicht insbesondere Studenten eine
wichtige, wenn nicht die entscheidende Rolle spielen? Diese Tatsachen wollen
analysiert sein. Mit einer Mystifizierung der Industriearbeiterschaft ist
Proletariat am wenigsten geholfen. Das haben Engels und Lenin mit der Feststellung
sagen wollen,daß Träger des revolutionären Bewußtseins
zwar das Industrieproletariat sei, dieses aber aus sich heraus und auf
sich allein gestellt nur ein "tradeunionistisches", ein nur-gewerkschaftliches
Bewußtsein entwickeln könne? Wie haben wir den Hinweis im Kommuniquè
des 11. Plenums des VIII. Zentralkomitees der KP Chinas vom 12. 8. 1966
zu verstehen, daß die arbeitenden Massen erstmals nach der Massenkampagne
zum Studium der Werke Mao Tse-tungs den Marxismus- Leninismus unmittelbar
beherrschen und anwenden, also erst nach der Revolution?
Die Antwort auf diese Frage
ergibt sich aus den Gesetzmäßigkeiten des Erkenntnis- und Theoriebildungsprozesses
in der Klassengesellschaft. Wie entsteht richtige Erkenntnis, wie bildet
sie eine wissenschaftliche Theorie? Wie wirkt sich die Klassenlage des
Proletariats in diesem Prozeß aus? In seiner praktischen Tätigkeit
erfährt der Mensch sinnliche Eindrücke der gegenständlichen
und sozialen Umwelt (sinnliche Erfahrung). Die ständige Wiederholung
gewisser Eindrücke und deren Verknüpfung vermitteln - ebenfalls
noch auf sinnlicher Ebene - das Erlebnis von Ursache und Wirkung. Auf der
Grundlage dieser sinnlichen Erfahrung entstehen im Laufe der Zeit gedankliche
Kategorien, die die in der Natur und Gesellschaft vorhandenen, aber den
Sinnesorganen nicht unmittelbar zugänglichen Beziehungen der objektiven
Umwelt widerspiegeln. Im menschlichen Denken entwickelt sich die Fähigkeit
zur Abstraktion und zu rationalen, von unmittelbar-sinnlichen Vorstellungsinhalten
abgelösten Schlußfolgerungen, deren Endglieder (Ergebnisse)
in der praktischen Tätigkeit überprüft und erforderlichenfalls
verworfen oder korrigiert werden.
In diesem Prozeß nimmt
jede Generation den Erkenntnis- und Erfahrungsschatz der vorangegangenen
in ihr Weltbild auf und entwickelt es auf dieser Grundlage weiter. Um zu
neuen, gültigen Ergebnissen zu kommen,muß jede folgende Generation
mehr Erfahrungen und Resultate vorläufiger Abstraktionen in ihren
Erkenntnisprozeß einbeziehen. Für die Klassenlage des Proletariats
im Kapitalismus ist es aber kennzeichnend, daß es im Laufe seiner
Anpassung an seine ökonomische Funktion im Produktionsbereich auch
nicht annähernd das Erfahrungswissen und den Grad von Abstraktionsfähigkeit
vermittelt bekommt, die notwendig sind, um aus den im gesellschaftlichen
Bereich gesammelten sinnlichen Erfahrungen richtige Schlußfolgerungen
ziehen zu können, die auf der Höhe ihrer Zeit sind und nicht
mehr oder weniger modifizierte, längst überholte Vorstellungsinhalte
vergangener Perioden wiederholen. Dieser in der Klassenlage begründete
Widerspruch kann erst mit der Lösung des Klassenwiderspruchs zwischen
Kapital und Arbeit aufgehoben werden.
Eine zeitgemäße
revolutionäre Theorie kann daher nur von denen entwickelt werden,
die aufgrund ihrer objektiven Klassenlage die Möglichkeit haben, die
Erfahrungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse der Vergangenheit verstehend
in ihre Überlegungen einzubeziehen und die über das Abstraktionsvermögen
verfügen, das es ihnen ermöglicht, die in den Klassenkämpfen
der Gegenwart gesammelten Erfahrungen auf dem historischen Hintergrund
unseres Erkenntnisstandes zu analysieren, zu interpretieren und zu verallgemeinern.
Es ist also kein Zufall,
daß die entscheidenden Stationen der Entwicklung des wissenschaftlichen
Sozialismus von Denkern und Revolutionären markiert werden, die nach
ihrer Herkunft nicht dem Proletariat zuzurechnen sind, die aber gerade
deshalb die Voraussetzungen für weiterführende theoretische Arbeiten
mitbrachten: Marx und Engels in der Periode der ersten industriellen Revolution
und der Entstehung der organisierter Industriearbeiterbewegung; Lenin in
der Periode des ersten imperialistischen Weltkrieges und der Entstehung
einer revolutionären Situation in Rußland durch den Verschleiß
des absolutistischen Machtpotentials des Zarismus in kolonialen Raubkriegen
und schließlich in einem Weltkrieg; Mao Tse-tung in der Periode,
die durch den Sieg der Oktoberrevolution und den zweiten imperialistischen
Weltkrieg gekennzeichnet ist.
Eine wesentliche Bedingung
für die Verallgemeinerung der revolutionären Theorie bestand
in ihrer Übereinstimmung mit den Erfahrungen der revolutionären
Klassen, die, gestützt auf diese Theorie, in ihren Kämpfen gegen
Feudalismus, Absolutismus und Kapitalismus eine Reihe von Erfolgen erringen
konnten.
Lediglich um die Übereinstimmung
geschichtlicher Erfahrungen zu dokumentieren, seien die Ausführungen
Lenins zu dieser Frage auszugsweise wiedergegeben: "Die Geschichte aller
Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse ausschließlich
aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorzubringen
vermag, d. h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden
zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen,der
Regierung diese oder Jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen
uam. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen
und ökonomischen Theorien hervorgegangen,die von den gebildeten Vertretern
der besitzenden Klassen, der Intelligenz,ausgearbeitet wurden. Auch die
Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels,
gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz
an. Ebenso entstand auch in Rußland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie
unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand
als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung
der revolutionären sozialistischen Intelligenz ..."
Es spricht nichts für
die Annahme, daß sich in diesem Verhältnis zwischen proletarischem
Bewußtsein und revolutionärer Theorienbildung eine qualitative
Veränderung vollzogen hat. Ein Unterschied besteht allerdings darin,
daß sich die Klassenlage eines erheblichen Teiles der Intelligenz,
insbesondere der Studentenschaft fortschreitend wandelt. War es zur Zeit
Marxens und Lenins so,daß sich die Intelligenz sowohl aufgrund ihrer
Herkunft als auch aufgrund ihrer Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozeß,
also durch ihre objektive Klassenlage als Schicht mit den Interessen der
Ausbeuterklassen identifizierte und lediglich einzelne Individuen dieser
Schicht sich auf die Seite der Ausgebeuteten und Unterdrückten schlugen,so
nehmen Teile der Intelligenz heute weniger aufgrund ihrer Herkunft, als
vielmehr durch ihre Funktion im Produktionsprozeß eine Zwischenstellung
ein, die das Bewußtsein der jungen Intelligenz ebenso prägt
wie die Tatsache, daß ihre Herkunftsschicht in weitaus stärkerem
Maße von Deklassierung bedroht oder bereits betroffen ist als früher.
Diese Faktoren bewirken eine
gesteigerte Sensibilität für Herrschaftsstrukturen allgemein
und im bürgerlichen Ausbildungs- und Qualifikationsprozeß im
besonderen. Diese Änderung der Klassenlage begünstigt die Aufnahme
des wissenschaftlichen Sozialismus in breiten Schichten der Studentenschaft,
die sich dieser Theorie bedienen, um ihr eigenes Klasseninteresse, das
ein antikapitalistisches ist, zu ergründen und gegen die Herrschenden
durchzufechten.
Die rebellischen Studenten
werden in diesem Prozeß Teil der antikapitalistischen sozialrevolutionären
Bewegung der Gegenwart. Durch verschiedene Faktoren ist den sozialistischen
Kadern der Studentenbewegung eine Avantgarde- Funktion im gesamtgesellschaftlichen
Maßstab zugefallen. In der Studentenbewegung sind heute die Ziele
und Methoden der revolutionären Bewegung theoretisch am klarsten formuliert
und wissenschaftlich begründet. Nicht die Organisationen der Industriearbeiterschaft
sondern die revolutionären Ziele der Studentenschaft sind heute Träger
des zeitgenössischen revolutionären Bewußtseins.
Die Studenten haben vor Jahren
den Kampf aufgenommen und durch ihre Aktionen jedenfalls in Westdeutschland
und in den USA die revolutionär-sozialistische Bewegung erst wiederbelebt.
Im Verlaufe ihres Kampfes haben sie Erfahrungen gesammelt, theoretisch
untersucht und verallgemeinert. Die revolutionäre Theorie ist in diesem
Prozeß umwichtige Aspekte bereichert worden, die praktisch-theoretische
Auseinandersetzung mit dem Revisionismus der traditionellen kommunistischen
Parteien und mit dem Sozialdemokratismus ist ein wichtiger Beitrag. Die
revolutionären Studenten sind Teil der Massen, auf die sich eine revolutionäre
Partei stützen muß.
Das Gebot, in allem der Massenlinie
zu folgen, heißt also auch, in die Massen der revolutionären
Studenten gehen, deren Auffassungen kennenlernen, sorgfältig analysieren,
zusammenfassen, verallgemeinern falsche Ansichten kritisieren, richtige
hervorheben und in verallgemeinerter Form in die Massen zurücktragen.
Die Kader müssen die Auffassungen studieren, die sich aus den Erfahrungen
der vergangenen drei Jahre bei den revolutionären Studenten über
den Charakter der Staatsgewalt,über die Rolle der revolutionären
Gegengewalt, über die Bedingtheit der Gewalttätigkeit der unterdrückten
Massen, über das Kräfteverhältnis zwischen Revolution und
Konterrevolution und die Bedingungen seiner Veränderung entwickelt
haben.
Dieses Studium und die daraus
zu gewinnende Verallgemeinerung ist ein wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung
der revolutionären Theorie. Der Massenlinie folgen, heißt aber
auch, die Auffassungen der werktätigen Bevölkerung kennenlernen,
studieren, kritisieren verallgemeinern und in die Massen zurücktragen.
Bei diesem Studium ist aber zu beachten, daß sich das proletarische
Klassenbewußtsein durch die Einflüsse der bürgerlichen
Ideologie und unter dem Eindruck der erlittenen Niederlagen in vielfältig
gebrochener, verdeckter und verzerrter Spiegelung der objektiven Klassenlage
vorfindet. Bevor eine kritische Verallgemeinerung möglich ist, sind
die durch die feindliche Ideologie verursachten Verzerrungen zu beseitigen;
denn revolutionäres Handeln entwickelt sich nur auf der Grundlage
einer richtigen Widerspiegelung der Klassenlage. Vertrauen in die Massen
setzen, heißt nicht, über die Deformationen des proletarischen
Klassenbewußtseins hinwegsehen, heißt nicht, alle politischen
Äußerungen der Massen - mögen diese auch oppositionell
sein - nachbeten, heißt nicht, von den Massen ein Bild zeichnen,
das der Wirklichkeit nicht entspricht. Vertrauen in die Massen setzen,
heißt, auch in der scheinbar gegen die revolutionären Elemente
gerichteten Einstellung der Massen, im deformierten Klassenbewußtsein
die nur verschütteten revolutionären Energien entdecken und freilegen.
Denn diese Energien der Massen können die Revolution zum Sieg treiben.
In der überall vorhandenen
offenen oder verdeckten Aggressivität entdecken wir so die vorhandene,
lediglich deformierte Abwehrreaktion der Massen gegen die Unterdrückung,
unter der die leiden. Die ständig wiederholte öffentliche und
versteckte Billigung der Gewaltanwendung gegen vermeintliche innere und
äußere Feinde, die Forderung nach solcher Gewaltanwendung gegen
die vermeintlichen Verursachen allgemein empfundener Bedrohung und Unsicherheit,
sind ein Ausdruck des im Kern richtigen Bewußtseins, daß in
der Klassenauseinandersetzung die Gewalt über die Durchsetzung der
Klasseninteressen entscheidet. Die Massen sind von der bürgerlichen
Morallehre keineswegs so angekränkelt, daß sie in der Gewalt
als Mittel sozialer Auseinandersetzungen ein ethisches Problem sehen. im
Gegenteil: sie sind viel eher als ein bürgerlich erzogenes Individuum
bereit, zur Durchsetzung ihrer Interessen selbst Gewalt anzuwenden. Wenn
sie sich gleichwohl zuweilen recht drastisch - gegen Gewaltakte revolutionärer
Gruppen wenden, so nicht deshalb, weil sie gegen Gewalt sind, sondern allein
deshalb, weil sie emotional gegen diese revolutionären Gruppen eingestimmt
sind.
Die dem Klasseninteresse
entsprechende richtige Richtung dieser positiven Einstellung zur Gewalt
kommt in den in Tagträumen und Stammtisch prahlereien den "Vorgesetzten"
als Symbolfiguren der Unterdrückung zugedachten Schicksalen zum Ausdruck.
Daß die Neigung, dem "Meister", "Abteilungsleiter" oder "Chef" einfach
"eine zu pellen" und ihn davon zu jagen nicht am eigentlichen Angriffsobjekt
realisiert wird, sondern auf - notorisch schwächere - Ersatzfiguren,
auf rassische Minderheiten oder politisch verketzerte Gruppen abgelenkt
wird, ist nur zum Teil auf die Einflüsse der feindlichen Ideologie,
zum anderen Teil auf die Erfahrung des Proletariats zurückzuführen,
daß es durch Gewaltanwendung inden traditionellen Formen des Klassenkampfes
den Feind mit überwinden konnte, dagegen stets seinen sozialen Besitzstand
aufs Spiel setzt und häufig verliert. Diese resignative, zur Verdrängung
führende Haltung großer Teile des Proletariats ist Bestandteil
des proletarischen Klassenbewußtseins. Sie muß im Zusammenhang
mit den Erfahrungen vergangener und gegenwärtiger Klassenauseinandersetzungen
begriffen werden. Es handelt sich dabei um den für die weitere revolutionäre
Entwicklung wichtigsten Widerspruch im Bewußtsein der Massen, den
die revolutionäre Partei durch eine von einer richtigen Theorie geleitete
revolutionäre Praxis lösen muß.
Die kritische Verallgemeinerung
dieser in den Massen anzutreffenden Auffassungen und Stimmungen besteht
darin, die Massen in ihrer positiven Einstellung zur Gewalt als Mittel
des Klassenkampfes zu bestärken, jede Abwiegelei streng zu verurteilen
und gleichzeitig die Mittel und Wege aufzuzeigen, die in der unvermeidlichen
gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Proletariat und Bourgeoisie ersterem
den Sieg über das Kapital ermöglichen. Ohne diese Perspektive
ist es nicht möglich, das im Proletariat vorhandene Gewaltpotential
für die Revolution zu mobilisieren.
4.
Revolutionäre Avantgarde und proletarische Klasse
Das Abwarten, bis die Industriearbeiter
organisiert in den revolutionären Kampf eingreifen, ist sicher das
untauglichste Mittel zur Einbeziehung heute noch passiver Schichten in
den revolutionären Prozeß. Angesichts der aktiven und gegenwärtig
noch bestimmenden Teilnahme der Studenten an der antikapitalistischen Bewegung
ist es absurd und Ausdruck eines mystifizierten Klassenbegriffs, wenn Genossen
den studentischen Kadern die "Zuständigkeit" für die Weiterentwicklung
der sozialistischen Theorie streitig machen.
Die Losung, das Proletariat
solle in allem die Führung innehaben, wird in der Praxis zu einer
Karikatur, wenn man sie als Gebot an beliebige gesellschaftliche Gruppen
versteht, sich der Führung und der Initiative des Proletariats unterzuordnen,
statt in ihr allein einen Appell an das Proletariat zu sehen, seiner historischen
Rolle als Totengräber des Kapitalismus gerecht zu werden, seine eigene
revolutionäre Praxis auf das Niveau zu heben, das ihm die führende
Stellung in der Revolution sichert. Die totale Verkehrung des Aufforderungscharakters
erfährt diese Losung, wenn der Begriff des Proletariats auch noch
auf die industrielle Arbeiterschicht eingeschränkt wird.
Die Notwendigkeit der proletarischen
Führung beruht darauf, daß allein das Proletariat aufgrund seiner
objektiven Klassenlage ein konsequentes Interesse an der Beseitigung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln, an der Überwindung des
kapitalistischen Systems schlechthin in die Geschichte einbringt. Das Proletariat
in diesem Sinne umfaßt aber alle Schichten, die nicht nur vorübergehend
von jeglichem Kapitaleigentum getrennt sind und deren Reproduktion durch
den Verkauf ihrer Arbeitskraft vermittelt ist. Das Industrieproletariat
ist nur ein Teil dieser Klasse. Wo und wann immer Elemente derselben in
den revolutionären Kampf eintreten, werden sie Teil der revolutionären
Bewegung des Proletariats.
Die Geschäfte des Klassenfeindes
besorgt derjenige, der im Namen eines abstrakten Klassenschematismus die
bereits mobilisierten und kämpfenden Teile des antikapitalistischen
Lagers behindert, zurück zerrt, diffamiert oder auch nur schlicht
ignoriert mit der Begründung, es könne sich nur um Anarchisten,
blanquistische Abenteurer und wild gewordene Kleinbürger handeln,
weil das industrielle Proletariat noch nicht mobilisiert und die aus diesem
zu bildende Avantgarde noch nicht vorhanden sei.
In dieser Position drückt
sich eine falsche Auffassung in der Führungsfrage aus. Sie schließt
wichtige revolutionäre Kräfte aus, statt sie zu umfassen. Führung
wird zum Privileg einer bestimmten Schicht, zur Funktion einer Elite. Proletarische
Führung kann aber nur in der Avantgarde- Funktion realisiert werden.
Die Avantgarde hemmt nicht die Initiative der Massen, sondern entwickelt
sie. Die Führung besteht in der beispielhaften Aktion, die durch ihre
Verallgemeinerung nie Avantgarde ständig aufhebt. Diese Verallgemeinerung
kann weder positiv noch negativ dekretiert werden. Sie ist das Resultat
ständiger Überprüfung in den Massenkämpfen.
Avantgarde ist danach nicht
die Gruppe, die sich so nennt oder sich selbst so interpretiert, sondern
diejenige, an deren Verhalten und Aktionen sich die revolutionären
Massen orientieren. Die Führung im revolutionären Prozeß
durch eine Avantgarde ist ein wesentliches revolutionäres Moment.
Die Zuordnung dieser Funktion ist aber nicht statisch, nicht erblich und
keine Frage vergangener Verdienste oder des proletarischen Stammbaums.
Sie kann sich ständig ändern. Eine Gruppierung, die heute die
Funktion einen Avantgarde erfüllt, kann morgen schon Nachtrab der
Bewegung sein. Daraus folgt auch, daß die Bestimmung der Avantgarde
nicht danach vorgenommen werden kann, ob ein bestimmtes Organisations-
und Aktionsschema von einer traditionell proletarischen Schicht entwickelt
und in die Bewegung eingebracht wird. Die Fragestellung kann nur lauten:
Ist das Handeln einer politischen Gruppierung revolutionär-sozialistisch,
hat dieses Handeln beispielhafte Wirkung für die revolutionären
Massen, bringt es die Bewegung voran oder nicht?
Wenn wir die Rolle der studentischen
Kader als Avantgarde in den Kämpfender vergangenen Jahre anerkennen,
so bedeutet das keine moralische Überhöhung der Studenten. Es
bleibt eine Tatsache, daß in der Studentenschaft (klein)bürgerliche
Einflüsse in schädlicher Weise wirksam sind. Aber auch das darf
kein moralisches Urteil über die Studenten sein. Kleinbürgerliche
Einflüsse sind für die revolutionäre Bewegung eine Gefahr,
die man stets beachten muß. Wo kleinbürgerliche Haltungen sichtbar
werden, sind sie Gegenstand von Kritik und Selbstkritik. Aber hier gilt
der Satz von Mao: " Die Krankheit heilen, um den Patienten zu retten."
Genau in diesem Sinne haben
Lenin und Mao Tse-tung ihr Mißtrauen gegen die Intellektuellen gehandhabt.
Beiden ging es nicht um eine moralische Verdammung der Intelligenz. Sie
wußten stets zwischen der revolutionären und der kleinbürgerlichen-radikalen
Intelligenz zu unterscheiden. Beide hatten erkannt, daß die revolutionäre
Intelligenz für die Bewegung unentbehrlich ist. Es ist keineswegs
zufällig und für die gegenwärtigen Auseinandersetzungen
gleichgültig, daß sich die Bolschewiki gegen den Vorwurf des
"Intelligenzlertums" verteidigen und durchsetzen mußten. Lenin hat
die reformistischen Wurzeln der Theorie von der "reinen Arbeiterbewegung"
aufgedeckt:
"(Wir) können bei der
ersten literarischen Äußerung des Ökonomismus die höchst
eigentümliche und für das Verständnis aller Meinungsverschiedenheiten
unter den heutigen Sozialdemokraten äußerst charakteristische
Erscheinung beobachten, daß die Anhänger der 'reinen Arbeiterbewegung',die
Anbeter der engsten und [. . .] 'organischsten' Verbindung mit dem proletarischen
Kampf, die Gegner jeder nicht proletarischen Intelligenz(selbst wenn es
sich um die sozialistische Intelligenz handelt) gezwungen sind, bei der
Verteidigung ihrer Position zu den Argumenten der bürgerlichen 'Nur-Gewerkschaftler'
Zuflucht zunehmen."
Gegenwärtig sind die
organisatorischen Ansätze noch zu wenig entwickelt, die Praxis noch
zu uneinheitlich und literarische Äußerungen noch zu spärlich,
um eindeutig eine"neo-ökonomistische" Tendenz diagnostizieren zu können.
Die Gefahr sollte Jedoch rechtzeitig erkannt werden. (Der Reformismus hat
sich in seiner jeweiligen Entstehungsphase stets hinter einem Nebelvorhang
radikaler Phrasen entwickelt!) Sozialistische Intellektuelle, die kleinbürgerlichen
Verhältnissen entstammen, haben an ihrer ideologischen Nachgeburt
sicher schwer zu tragen,aber viele sind mit diesem Erbe - wie es scheint
- besser fertig geworden, als mancher Proletarier von Geburt mit den Einflüssen
der feindlichen Ideologie. Daraus darf kein Vorwurf gegen das Proletariat
hergeleitet werden. Doch müssen nicht wenige romantische Vorstellungen
über den" Proletarier" korrigiert werden.
Die Revolutionäre, deren
Pflicht es ist, die Revolution zu machen, werden nicht "lupenrein" in der
Retorte erzeugt; auch die proletarische Kinderstube ist diese Retorte nicht.
Sie rekrutieren sich aus einer Generation, die notwendig durch den Anpassungsprozeß
an die bürgerliche Gesellschaft mannigfaltig deformiert und den Einflüssen
der bürgerlichen Ideologie ausgesetzt ist. Wer die Klassenanalyse
bemüht, um nachzuweisen, daß die Studentenbewegung gar nicht
revolutionär sei, statt endlich zu begreifen,aus welchen Gründen
die junge Intelligenz die von den Arbeitern fallengelassene rote Fahne
aufgenommen hat und sie heute allen voranträgt; wer die Klassenanalyse
bemüht, um seine Untätigkeit oder seinen Kleinmut zu rechtfertigen
und angesichts einer voranschreitenden Revolution zu behaupten, es gäbe
keine revolutionäre Bewegung und keine Revolutionäre, der treibt
mit dem Marxismus Schindluder.
Die Klassenanalyse ist ein
parteiliches Instrument in der Hand von Revolutionären, die durch
eine konkrete Untersuchung der Klassenlage herauszufinden haben, welche
Schichten gegenwärtig oder voraussichtlich demnächst für
den revolutionären Kampf gewonnen werden können und durch ihren
Beitrag das Kräfteverhältnis zugunsten der Revolution verändern
werden, beziehungsweise welche Schichten mit welcher Politik neutralisiert
werden können. Sie ist ein wesentlicher Teil der revolutionären
Theorie. In der Epoche der sich entfaltenden sozialistischen Weltrevolution
ist Gegenstand dieser Theorie nicht das"ob", sondern nur das "wie" der
Revolution.
In den USA hat die Revolution
in den Ghettos der rassischen und nationalen Minderheiten begonnen. Sie
ist nicht aus der Analyse sozialistischer Theoretiker entstanden, sondern
in der revolutionären Gewalttat der Massen in den Ghettos geboren
worden. Die Afro- Amerikaner und ihre Verbündeten haben vorher nicht
das Kräfteverhältnis der Klassen gewogen und die Divisionen der
Konterrevolution gezählt. Sie haben ihre Chancen nicht kalkuliert.
Sie haben nur einen Augenblick von sich selbst abgelassen und ihre Gewalttätigkeit
gegen ihre Unterdrücker gekehrt. In den Straßen von Watts haben
sie das Feuer der Revolution entzündet, das bis zu ihrem endgültigen
Sieg nicht ausgehen wird. Erst Jetzt ist der Weg frei für die Konkretisierung
der revolutionären Theorie, die nichts gemein hat mit dem Soziologengewäsch
von der Aussichtslosigkeit einer "Minderheitenrevolte" usw.
Die revolutionäre Situation
entsteht nicht erst, wenn sie auch die Soziologen erkennen. Sie kündigt
sich an in der Richtungsänderung der Gewalttätigkeit. Sie ist
vorhanden, wenn die durch die Unterdrückung in den Unterdrückten
erzeugte Gewalttätigkeit,der gewaltsame Widerstand gegen das Ausbeutungssystem,
gegen die Gewalt der Herrschenden die Fesseln einer individuellen Abreaktion
abschüttelt und kollektive Züge annimmt. Der kollektive Widerstand
ist der Keim der Revolution. Die richtige revolutionäre Theorie hat
ihn zu entwickeln und zu formen. Die Pflicht jedes Revolutionärs ist
es, jeden Ansatz zum kollektiven Widerstand in den Massen aufzugreifen,
weiter zu entwickeln, zu organisieren und zu führen,auch ohne Aussicht
auf den Sieg.
Das Gegenteil von revolutionärem
Verhalten ist die Befriedung, die feige Abwiegelei, die Vertagung des Widerstandes
auf die Zeit "nach dem Aufbau der Massenorganisation und der Schulung".
Aus dem kleinsten Funken kann ein Brand entstehen. Mao Tse-tung hat die
Revolution nicht"vertagt", bis er durch seine Untersuchungen im chinesischen
Dorf erforscht hatte, welche Perspektiven der Bauernaufstand eröffne,
und bis er die chinesische KP auf der Grundlage dieses Befundes organisiert
hatte. Seine Linie hätte sich so wohl nie durchgesetzt.
Gegen alle bisherigen theoretischen
Konzepte hat er sich auf die Seite der revolutionären Bauern gestellt,
die Führung von Banditenhaufen übernommen und den kollektiven
Widerstand gegen die Staatsgewalt und die Grundherren organisiert. Als
Teilnehmer an diesem Kampf hat er durch seine Untersuchungen die Wege der
Revolution erkannt und eine wissenschaftliche Handlungsanleitung erarbeitet,
ohne auch nur einen Augenblick die Revolution, ihre Machbarkeit, in Zweifel
zu ziehen. In einer scheinbar aussichtslosen Lage hat er sich gegen die
Parteiführung gestellt und schließlich allein Recht behalten.
Zuallererst ist es der Wille
an die Revolution, der Revolutionäre macht. Wo dieser Wille fehlt,
wo keine Vision vom Sieg der Unterdrückten über ihre Feinde vorhanden
ist, hat die Beschäftigung mit dem Marxismus- Leninismus noch immer
zum Revisionismus und Opportunismus geführt und ist im "methodischen
Zweifel", also im Zweifel an den Massen geendet. "Der Marxismus enthält
zwei wesentliche Elemente: das Element der Analyse, der Kritik, und das
Element des tätigen Willens der Arbeiterklasse als den revolutionären
Faktor. Und wer nur die Analyse, die Kritik in die Tat umsetzt, vertritt
nicht den Marxismus, sondern eine erbärmliche, verfaulende Parodie
dieser Lehre."
Wir müssen uns in erster
Linie auf diejenigen Massen stützen,die die Fahne der Revolution bereits
aufgenommen haben. Ihr Kampf wird, wenn er richtig geführt wird, die
heute noch abseits stehenden Schichten des Proletariats mobilisieren und
mitreißen. Im Verlaufe dieses Prozesses wird die Industriearbeiterschaft,
die konsequenteste und zuverlässigste revolutionäre Kraft, die
Führung übernehmen und die sozialistische Revolution bis zum
Ende garantieren. Einen anderen Weg gibt es nicht. Wir lassen uns von den
"weisen Alten", den Soziologen, gern die "närrischen Greise"nennen.
Am Ende werden nicht sie, sondern wir gemeinsam mit den Massen die Berge
versetzt haben. "Diese Berge sind zwar hoch, sie können aber nicht
mehr höher werden; um das, was wir abtragen, werden sie niedriger."
(Mao)
5.
Stadtguerilla als revolutionäre Interventionsmethode in den Metropolen
Abzutragen ist der Berg der
militärischen Potenz des bürgerlichen Staates. Wir können
nicht erwarten, daß sich diese Potenz in einem internationalen Krieg,
der ein Weltkrieg wäre, verschleißt. Ein solcher Krieg würde
in Mitteleuropa nicht nur die Armeen des Klassenfeindes, sondern auch die
proletarische Bevölkerung vernichten. Eine Revolution stünde
nicht mehr zur Debatte. Ein solcher Krieg muß mit allen Mitteln verhindert
werden. Er ist nur durch eine Revolution zu verhindern.
Ist die Ausschaltung des
bürgerlichen Militärapparates durch einen internationalen Krieg
nicht zu erwarten und durch einen allgemeinen Aufstand der herkömmlichen
Art nicht zu erreichen, so müssen sich die Überlegungen auf jene
Kampfformen und Taktiken richten, die eine allmähliche Auszehrung
der Kräfte des Feindes im Sinne eines moralischen Verschleißes
und gleichzeitig die Entwicklung der eigenen militärischen Potenzen
des Proletariats möglich erscheinen lassen: auf die Kampfform des
Guerilla-Krieges. Die ländliche Guerilla scheidet für die Betrachtung
aus. Zu untersuchen sind die Probleme der Großstadtguerilla. Wichtigstes
Prinzip des Guerilla-Krieges ist, daß die kämpfenden Einheiten
vom Volke unterstützt werden, "im Volke untertauchen und in ihm schwimmen
können wie der Fisch im Wasser". Die politische und militärische
Kraft der Guerilla entsteht aus den revolutionären Energien der Volksmassen.
Diese von Mao Tse-tung zuerst
formulierten Einsichten werden hierzulande allgemein in der Weise interpretiert,
daß man auf die offenkundige ablehnende Haltung der ganz überwiegenden
Mehrheit des Proletariats gegenüber dem Partisanenkrieg hinweist und
daraus schließt,daß die wichtigste Voraussetzung für die
Entfaltung des bewaffneten Kampfes noch nicht gegeben sei. Statt die Bedeutung
des Prinzips konkret zu untersuchen, wird es absolut gesetzt und das Ergebnis
vor die Untersuchung gestellt.
Die Lehre Mao Tse-tungs vom
bewaffneten Kampf ist nicht eine Theorie, die uns aus der Verpflichtung,
diesen Kampf vorzubereiten und zu beginnen,entläßt, sondern
eine Anleitung, die so konkret ist,daß sie bei der gegebenen Reife
der kapitalistischen Gesellschaftsformation überall und unter allen
Umständen, unter denen sich die Klassenkämpfe zuspitzen, den
Weg des bewaffneten Kampfes sichtbar werden läßt. Die Verankerung
der Guerilla im Volke hat einen politischen und einen militärischen
Aspekt, die zwar nur zwei verschiedene Seiten einer Einheit sind, die jedoch
zunächst eine differenzierende Untersuchung notwendig machen. Der
militärische Gegner der Partisaneneinheit sind Polizei und Armee.
Die Partisaneneinheit ist dagegen eine verschwindende Größe.
Sie kann nur überleben,wenn sie für den Feind unsichtbar bleibt.
Ist sie eine ländliche
Guerilla, muß sie sich in entlegenen, schwer zugänglichen Gegenden
verstecken oder nach einem Schlag gegen den Feind sofort untertauchen und
als Teil der ländlichen Bevölkerung erscheinen. In beiden Fällen
ist ihre Versorgung nur durch die Bevölkerung zu sichern, Teile derselben
müssen in Kenntnis der Umstände zu Hilfsdiensten bereit sein.
Eine noch weitergehende Unterstützung ist für das Untertauchen
in der ländlichen Bevölkerung notwendig.
Anders ist es in der Großstadt.
Sie bietet alle erforderlichen Versorgungsgüter in einer Weise an,
die es nicht erforderlich macht,daß die Partisaneneinheiten aus ihrer
Anonymität hervortreten. Sie können auch nach ihren Aktionen
in vorbereiteten Quartieren untertauchen,ohne auf Hilfe aus der Bevölkerung
angewiesen zu sein. Ihre Bewegung in den Straßen der Großstadt
ist bei geeigneten Vorkehrungen unauffällig und von dem Verkehrsstrom
der übrigen Bevölkerung nicht zu unterscheiden. Die großstädtische
Anonymität ist ein bestimmendes Element für die Stadtguerilla.
Konspirative Kontakte zu Informanten, Sympathisanten und Partisanen mit
besonderen Aufgaben in den Institutionen des Feindes lassen sich in einer
Großstadt leichter knüpfen und aufrechterhalten als in anderen
Gebieten. Sie sind von der Haltung der nicht unmittelbar beteiligten Bevölkerung
weitgehend unabhängig.
Ein entscheidender Vorteil
der Großstadt besteht auch darin, daß Operations- und Stützpunktgebiet
eine Einheit bilden. Informationen sind leichter und ungefährlicher
zu beschaffen. Die Großstadt ist zugleich eine Massierung von Angriffszielen.
Kann eine ländliche Guerilla immer nur einzelne Punkte bedrohen, liegt
in der Großstadt die ganze Flanke des Feindes offen. Dieser weiß
nie, welches Objekt angegriffen wird. Da innerhalb der Stadt alle Objekte
für die Partisanen erreichbar sind, muß der Feind alle schützen.
Sein Bestreben, gleichzeitig überall zu sein, führt dazu, daß
er nirgends stark genug ist. Wenige Kämpfer können starke Kräfte
des Feindes binden.
Durch geeignete Aktionen
muß die Guerilla klarstellen, daß sich ihre Angriffe grundsätzlich
gegen alle Institutionen des Klassenfeindes, alle Verwaltungsdienststellen
und Polizeiposten, gegen die Direktionszentren der Konzerne, aber auch
gegen alle Funktionsträger dieser Institutionen, gegen leitende Beamte,
Richter, Direktoren usw. richten,daß der Krieg in die Wohnviertel
der Herrschenden getragen wird. Der Feind wird so gezwungen, seine Kräfte
entlang dieser unsichtbaren Front im wahrsten Sinne des Wortes zu zersplittern,
während die Guerilla taktisch stets nur an einzelnen, speziell ausgesuchten
Punkten dieser langen Kampflinie angreift, dort ihre Kräfte konzentriert
und dem Feind überlegen sein kann. Sie nutzt das Überraschungsmoment
und bestimmt Ort und Zeit der Operationen.
Die operativen Möglichkeiten
des Feindes dagegen sind in einer Großstadt seines eigenen Gebietes
stark eingeschränkt. Die Bürgerkriegsgenerale werden einen Elefanten
durch die Straßen treiben, um eine Mücke zu jagen. Die technischen
Apparaturen, die die Macht der Konterrevolution so furchtbar erscheinen
lassen, werden teilweise gar nicht einsetzbar sein, ja sie werden die Beweglichkeit
des Feindes, seine Schnelligkeit und Einsatzfähigkeit behindern. In
einer entlegenen ländlichen Zone sind im Operationsgebiet nur wenige
Menschen. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar, Razzien
sind gezielter durchführbar. Im Zweifel zögern die Repressionstruppen
nicht, verdächtige Dörfer durch Bombardements und Aussiedlungsaktionen
auszuschalten.
In der Großstadt ist
die Kampfeinheit nur schwer auszumachen. Razzien sind nur selten erfolgreich
und haben wohl mehr den Zweck, der Bevölkerung die Präsenz der
Staatsgewalt zu demonstrieren. Bombardements sind kaum denkbar, für
den Gegner völlig nutzlos. Können von Partisanen durchsetzte
ländliche Zonen von der Konterrevolution praktisch zum feindlichen
Territorium erklärt und entsprechend behandelt werden, so ist das
in der Großstädten, in denen auch die Charaktermasken des Kapitals
und seines Herrschaftsapparates leben, nicht möglich. Er folge der
Polizei und des Militärs sind nur durch Zufall, Verrat, taktische
Fehler oder durch Überwältigung einzelner Kommandos während
einer Operation selbst möglich.
Es ist schon keine Spekulation
mehr, daß die Bildung von bewaffneten Kommandos in Großstädten
jederzeit möglich ist. Deren Entstehung ist jedoch nur der Anfang
eines Prozesses, für dessen weitere Entwicklung noch zahlreiche andere
Bedingungen gegeben sein müssen, die primär politischen Charakter
haben. Die wichtigste ist die Verbindung der Guerilla mit den politischen
und ökonomischen Kämpfen der Massen. Nur wenn diese Verbindung
zum wesentlichen Kern der Strategie des Partisanenkrieges gemacht wird,
kann die Guerilla überleben und sich entwickeln.
"Da die Partisaneneinheiten
im Widerstandskrieg gewöhnlich aus dem Nichts entstehen und sich aus
etwas Kleinem zu etwas Großem entwickeln, so gilt für sie neben
dem Prinzip, sich selbst zu erhalten, noch das Prinzip, sich zu vergrößern."
Die Bedingungen für
die Realisierung dieses Prinzips lassen sich nur untersuchen, wenn der
Prozeß der Überwindung der Macht des Kapitals umrißhaft
vorstellbar ist. Gegenwärtig zeichnen sich in der internationalen
revolutionären Szene die Konturen schon mehr oder weniger deutlich
ab. Die revolutionäre Entwicklung geht nicht mehr aus vom Generalstreik
und von diesem zum militärischen Aufstand, sondern von Kommandoaktionen
über den Aufbau von Widerstandszentren, zur Bildung von Milizen, zur
Desorganisation und Demoralisierung der Unterdrückungsstreitkräfte
durch einen lang dauernden, zermürbenden Kleinkrieg.
Erst in der Endphase können
Massenaktionen - Demonstrationen, Streiks, Barrikaden, die zunächst
nur eine - wenn auch sehr wichtige - Unterstützungsfunktion haben,
die Entscheidung bringen und zur völligen Entwaffnung der Unterdrückungsorgane
führen. Das ist eine Entwicklung, die schon Engels vorausgesehen hat:
"Er (der allgemeine Aufstand) wird daher (wegen der Entwicklung der Kriegstechnik
und der veränderten Klassenfronten)seltener im Anfang einer großen
Revolution vorkommen als im weiteren Verlauf einer solchen, und wird mit
größeren Kräften unternommen werden müssen."
In der Anfangsphase bilden
sich dezentralisiert und unabhängig voneinander einzelne Partisanengruppen,
die Kommandoaktionen unternehmen. Es ist notwendig, derartige Gruppen in
allen Ballungszentren zahlreich zu entwickeln, um schon in der Entstehungsphase
der Feind zu zwingen, seine Kräfte zu zerstreuen und seinen Ermittlungsapparat
zu überlasten. Gleichzeitig müssen diese Gruppen Verbindungen
zueinander herstellen und ihre Aktionen koordinieren, um so die Kräfte
effektiver und gezielter einsetzen zu können. Diese Verbindungen sind
die Voraussetzung für die Bildung örtlicher Widerstandszentren.
Ist durch diese Taktik eine genügende Verdünnung der feindlichen
Kräfte erreicht,können unter günstigen Bedingungen geheime
örtliche Milizgruppen aufgestellt werden. Wie ist das vorstellbar?
Wenn die Kommandos taktisch
richtig vorgehen, werden sie erreichen, daß die Unterdrückungskräfte,
insbesondere die Polizei das System der Einzelstreifen in den Wohngebieten
( Revieren) aufgeben müssen und sich nur noch in kampfstarken Gruppen
bewegen können, d. h. der Feindmuß teilweise die Verzettelung
seiner Kräfte rückgängig machen. Das bedeutet aber, daß
er nicht mehr alle Gebiete zu allen Zeiten wirksam schützen und kontrollieren
kann. Er muß sich aus bestimmten Bezirken - zumindest zeitweilig
und immer wieder - zurückziehen. Um den Kontrollverlust klein zu halten,
wird er jeweils für seine Patrouillen die Minimalgröße
anstreben, um ihre Zahl steigern zu können. Die Guerilla wird in der
Lage sein, nach ihrer eigenen taktischen Wahl ausreichende Kräfte
- ausgerüstet mit automatischen Waffen - zu konzentrieren, die derartige
Patrouillen erfolgreich angreifen können. So wird der Feind gezwungen,
die Gruppenstärke zu erhöhen und gleichzeitig das Patrouillengebiet
einzuschränken, ungünstiges Gelände zu meiden, Schwerpunkte
zu bilden und dafür andere Objekte zu vernachlässigen usw.
Unter diesen Bedingungen
kann die Guerilla eindrucksvoll und exemplarisch demonstrieren, daß
der staatliche Unterdrückungsapparat in bestimmten Bereichen nicht
mehr in der Lage ist, die Interessen der Besitzenden wirksam und dauerhaft
zu schützen. In diesen Bereichen kann die politische Organisation
des Proletariats dazu übergehen, die Herrschaft der Besitzenden zurückzudrängen.
Sowenig der Staat in der Lage ist, hinter jeden Arbeiter einen Gendarmen
zu stellen, sowenig ist er in der Lage, jeden einzelnen Kapitalisten, Regierungsbeamten,
Richter, Offizier usw. mit einem bewaffneten Posten zu schützen.
Begreift der einzelne Ausbeuter,
daß der Staat seine Sicherheit nicht mehr garantieren kann, so kann
ihm durch eine richtige Politik gleichzeitig beigebracht werden, daß
die Lohnabhängigen unter bestimmten Bedingungen bereit sind, durch
ihre politischen Organisationen seine persönliche Sicherheit allgemein
und seine wissenschaftliche Betätigung mit Einschränkungen für
die Übergangszeit bis zur sozialistischen Umgestaltung des Produktions-
und Verteilungsprozesses zu garantieren.
Es liegt auf der Hand, daß
die ausschließlich im Untergrund und in allen Bereichen tätigen
Kommandogruppen der Guerilla lediglich die allgemeinen Voraussetzungen
für diese Entwicklung schaffen können,daß die Möglichkeiten
zu wirklichen Machtentfaltung nur durch "bodenständige" Gruppen, deren
Mitglieder im jeweiligen Produktionsbetrieb bzw. Wohngebiet verwurzelt
sind, die in den politischen Organisationen der Massen auch offen arbeiten
können, wahrgenommen werden können. Sie haben das Verhalten der
Ausbeuter in ihrem "Bezirk" zu überwachen und durch teils offene,
teils verdeckte Aktionen das Bewußtsein von der Gegenwart der bewaffneten
Macht des Volkes wachzuhalten. Sie müssen in der Lage sein, auf Zuwiderhandlungen
einzelner Ausbeuter gegen die von den Massen beschlossenen Richtlinien
sofort und abgestuft zu reagieren, angefangen mit Propagandaaktionen (Flugblätter,
Wandparolen usw.) bis zu Sabotageakten, so daß die eigentlichen Guerillakommandos
schließlich nur in Ausnahmefällen für Strafaktionen im
lokalen Bereich herangezogen werden müssen.
Den Besitzenden können
von den proletarischen Organisationen Abgabeverpflichtungen für Gemeinschaftseinrichtungen
(Kinderläden, ärztliche Betreuungsstellen, Jugendheime usw.)
auferlegt werden. Die Aufgabe der Milizgruppen ist es, die Erfüllung
dieser Verpflichtungen durchzusetzen und zusammen mit den Kommandos die
geeigneten "Überzeugungsmittel" zu entwickeln und gegen widerstrebende
Ausbeuter einzusetzen. Eine schrittweise Entmachtung des städtischen
Grundbesitzes, eine Herabsetzung der Mieten, die kollektive Verwaltung
der Mietshäuser durch die Mieter, ein wirksamer Kündigungsschutz
für Arbeiter, insbesondere gegen Maßregelungen wegen politischer
Tätigkeit im Betrieb u.v.a. können auf diese Weise erreicht werden.
Sollten die Betroffenen versuchen, staatlichen Schutz anzufordern, muß
ihnen schnell klargemacht werden, daß der Staat nicht mehr in der
Lage ist, diesen Schutz wirksam zu gewähren. Schließlich werden
die Besitzenden einsehen,daß sie ruhiger und sicherer leben, wenn
sie die Interessen der Massen respektieren und auf den ihnen angebotenen
Kompromiß eingehen.
In ähnlicher Weise sind
durch ein Zusammenwirken der Guerilla mit der Miliz in der Produktionssphäre
die Aktionen der Lohnabhängigen gegen das Kapital abzusichern. Es
ist zu demonstrieren, daß jede Inanspruchnahme des staatlichen Unterdrückungsapparates
gegen Aktionen der Arbeiter in den Betrieben unausweichlich Sanktionen
gegen das Eigentum und die Person derjenigen nach sich zieht, die dafür
die Verantwortung tragen. Gleichzeitig muß durch geeignete Aktionen
der Guerilla das Privileg der Straflosigkeit für die Funktionsträger
des staatlichen Unterdrückungsapparates beseitigt werden. Es entstehen
auf diese Weise nicht "befreite Gebiete" im engeren Sinne des Wortes, wohl
aber die reale Macht der Massen, die zwar jeweils für Stunden durch
einen massierten Aufmarsch der Konterrevolution verdrängt werden kann,
die aber sofort nach dem unvermeidlichen Abzug der Unterdrückungsstreitkräfte
ihren Platz wieder einnimmt.
6.
Terror gegen den Herrschaftsapparat - ein notwendiges Element der Massenkämpfe
Verfolgen die in der ersten
Phase entstehenden Kommandoeinheiten eine richtige Politik, dann begreifen
die Massen schnell die bewaffnete Aktion als ein erfolgreiches Mittel zur
Sicherung ihrer Interessen. Dieses Bewußtsein entwickelt sich allein
während des Kampfes und durch ihn. In dem Maße, wie sich die
Einsicht in die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes verallgemeinert,
bilden sich zahlreiche militärische Zellen, die zusammen allmählich
ein für den Feind undurchdringliches Gewebe bilden, operative und
taktische Erfahrungen bei der Bekämpfung der Unterdrückungskräfte
sammeln und in zunehmender Größenordnung anwenden.
Die in diesem Prozeß
notwendige Solidarisierung der arbeitenden Massen ist der mächtigste
Hebel zur allmählichen Demoralisierung der feindlichen Söldner.
Immer weniger werden sich für die staatliche Repression mobilisieren
lassen. Diejenigen, die im Polizei- und Soldatenberuf einen bequemen Job
sehen, werden in steigendem Maße die Risiken begreifen, die dieser
Beruf unter den veränderten Bedingungen mit sich bringt. Im Verlaufe
dieses Prozesses isolieren sich die Unterdückungsstreitkräfte
zunehmend.
Noch schneller wird die Auflösung
der Moral in den Institutionen der "vorgeschalteten Repression", in den
Verwaltungsbehörden, vor sich gehen, wenn allenthalben die anonymen,
feigen, blutleeren und einfallslosen Routiniers der administrativen Repression
für ihre volksfeindlichen Handlungen zur Verantwortung gezogen werden.
Die Guerilla wird dabei nach dem Grundsatz verfahren: "Bestraft Einen und
erzieht Hunderte". Die Herrschaft der Besitzenden, die staatliche Unterdrückungsgewalt
gründet sich auf die Willfährigkeit der Unterdrückten in
den Schaltstellen des Unterdrückungsapparates. Diese Willfährigkeit
wiederum wurzelt in der Angst derjenigen, die sich für eine berufliche
Laufbahn in diesem Apparat entschieden haben. Die Herrschaft des Kapitals
ist undenkbar ohne dieses Heer der Hosenscheißer, die ihre eigene
Inferiorität durch Sadismus im Umgang mit den "kleinen Leuten" kompensieren.
Für sie proklamieren die revolutionären Kräfte die persönliche
Verantwortung für Jede volksfeindliche Handlungsweise, für jeden
Verrat in den Interessen der werktätigen Bevölkerung. Sie sind
für ihre Verbrechen gezielt und abgestuft zur Rechenschaft zu ziehen.
Ihre Feigheit kehrt sich so in einen Hebel zur Beschleunigung des Verfalls
der feindlichen Macht. Die Guerilla wird die Fürsorger, die die proletarische
Jugend mit der "Heimerziehung" terrorisieren, nicht ungeschoren lassen;
die Lehrer nicht, die den autoritären und volksfeindlichen Bildungsbetrieb
der Schulen aufrechterhalten; die Richter nicht, die Hauseigentümern
Wuchermieten und Räumungstitel zusprechen und Kündigungen gegen
Arbeiter betätigen; die Staatsanwälte nicht, die Proletarier
anklagen, weil sie sich einen Teil dessen wieder genommen haben, was ihnen
das Kapital vorher genommen hatte.
Aber ist das nicht "individueller
Terror", das Verderben aller revolutionären Bewegungen? Zieht diese
Konzeption nicht den Bannfluch der revolutionären Ahnen an? Haben
wir die Polemiken Lenins gegen die Narodniki vergessen oder nicht verstanden?
Wer hier "Terror" schreit, wer auf die Partisanen mit dem Finger zeigt
und sie als "Anarchisten, Blanquisten, Desperados", als "Ausgeflippte"
und "Romantiker" denunziert, zeigt nur, wie fürchterlich er vor der
revolutionären Aufgabe erschrickt. Zahlreich sind die Mißverständnisse
über die Auffassungen Lenins zu Fragen des Terrors. Das einzige, was
in dieser Hinsicht Verbreitung gefunden hat, ist die Unkenntnis dessen,
was Lenin zum revolutionären Terror tatsächlich gesagt hat. Wird
heute irgendwo die Frage der Bestrafung militärischer oder ziviler
Führer der Konterrevolution aufgeworfen, schwingen die Schriftgelehrten
der Bewegung die große Klatsche. Jede Diskussion wird mit dem Hinweis
erschlagen, derartige Strafaktionen seien unter der Rubrik"individueller
Terror" einzureihen, den bekanntlich Lenin in der Auseinandersetzung mit
den Narodniki und den Anhängern Bakunins einer vernichtenden Kritik
unterzogen und als Todsünde für jeden sozialistischen Revolutionär
gekennzeichnet habe. Leninzitate werden als Denksurrogate gehandelt. Wer
will schon dem "großen Meister" widersprechen.
So hält sich durch Jahrzehnte
das kolossale Mißverständnis,daß sich der leninsche Begriff
vom "individuellen Terror" auf Strafaktionen gegen einzelne Funktionäre
des Unterdrückungsapparates beziehe, daß das Adjektiv "individuell"
auf das Objekt eines Angriffs, das Individuum, welches sich als Polizeipräsident
oder Staatsanwalt für die Konterrevolution verdient macht, ziele.
Oft zitiert wird in diesem Zusammenhang die marxistische Theorie von der
Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, um nachzuweisen, daß
die Unterdrückung ja nicht von dem Polizeipräsidenten X und dem
Landgerichtsdirektor Y herrühre, sondern allein vom ausbeuterischen
System des Kapitalismus, dieses aber werde nicht mit XY beseitigt, weil
anderen Stelle andere Individuen treten werden. Wird diese Diskussion mit
revolutionären Sozialisten geführt, werden sie sich beeilen,
die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des revolutionären Terrors
allgemein anzuerkennen. Die Logik ihrer Argumente läuft aber darauf
hinaus,daß man gefälligst nicht Einzelne, Individuen, sondern
Massen zuterrorisieren habe.
Lenin wäre entsetzt.
Die ganze Diskussion geht tatsächlich von einem sprachlichen Mißverständnis
aus, welches manchem freilich sehr willkommen scheint. Statt vor den Reflexen
unseres Über-Ichs zurückzuweichen, sollte man über das Problem
des Terrors alsrevolutionärem Moment sachlich nachdenken und dann
prüfen, ob die Ansichten Lenins dem Resultat entgegenstehen. Wenn
Lenin mit überzeugenden Argumenten den "individuellen Terror" kritisierte,
so bezog sich das Adjektiv "individuell" nicht auf das Objekt, des Angriffs,
sondern auf sein Subjekt. Die Kritik zielte auf den von den Massen und
den revolutionären Organisationen des Proletariats isolierten und
dadurch vereinzelten Kämpfer, der jedenfalls objektiv lediglich seinem
individuellen Haß gegen das volksfeindliche Regime Ausdruck gab,
aber nicht den revolutionären Kampf der proletarischen Massen führte.
Lenin mußte die Schlacht damals gegen jene Strömung in Rußland
führen und gewinnen, die glaubte, die revolutionäre Mobilisierung
der Volksmassen, deren Organisierung in einer revolutionären Partei
vermeiden und die Selbstherrschaft des Zaren durch die Verschwörung
kleinbürgerlich- radikaler Individuen beseitigen zu können. Im
russischen Bürgertum war diese Tendenz gegen Ende des 19. Jahrhunderts
unvermeidlich. Von Karl Marx noch als Vorbote der aufziehenden Revolution
begrüßt, stellte sie in dem Augenblick eine Gefahr für
die revolutionäre Entwicklung in Rußland dar, als mit der Entstehung
der großen Industrie in Rußland die Voraussetzungen für
eine selbständige Organisation des wachsenden Industrieproletariats
und für eine autonome revolutionäre Strategie der Arbeiterpartei
in dem bürgerlich-demokratischen Revolution heranreiften, die aktiven
Elemente der Arbeiterschaft jedoch von den kleinbürgerlich- radikalen
Verschwörer zirkeln absorbiert wurden, die damit den Fortgang des
revolutionären Prozesses behinderten. Die materielle Grundlage des
kleinbürgerlichen Terrorismus war in der widersprüchlichen Klassenlage
des russischen Bürgertums gegeben, das zwischen der Revolution gegen
die Selbstherrschaft und konterrevolutionärer Unterdrückung des
Proletariats, dem natürlichen Bundesgenossen gegen den Zarismus, hin
und her schwankte.
"Dieses widerspruchsvolle
Verhältnis findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser
formell bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen
Gesellschaft zum Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen
Gesellschaft beherrscht wird, daß sich der Kampf des Proletariats
mit gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die kapitalistische
Ausbeutung richtet ..."
Die Bourgeoisie mußte
einerseits die Mobilisierung und Organisierung des Proletariats fürchten,
andererseits war sie auf die Arbeitermassen als Kanonenfutter im Sturm
gegen den Zarismus angewiesen. Die Ideologen des kleinbürgerlichen
Terrorismus glaubten, durch "exeitierenden Terror" die Massen begeistern
und auf die Barrikaden treiben zukönnen, wobei sie sich vorbehielten,
die Barrikadenkämpfer nachgeschlagener Schlacht nach Hause zu schicken
und die Früchte der Revolution allein zu verzehren. Diese Zusammenhänge
waren den revolutionären Volkstümlern durchaus nicht bewußt;
denn dazu hätte es einer klaren marxistischen Analyse bedurft, die
ihrer Ideologie den Boden entzogen hätte.
Nur in diesem Zusammenhang
ist die Absage Lenins an den "alten Terrorismus" - wie er sich später
ausdrückte - zu verstehen und auch berechtigt. Zielscheibe seiner
Kritik war die kleinbürgerliche Ideologie und Kampfesweise insgesamt,
für die nie spektakulären Terrorakte kennzeichnend geworden waren.
Fehlte damals noch die selbständige proletarische revolutionäre
Organisation, so konnte von einem organisierten, einer eigenen Klassenstrategie
folgenden "roten Terror" keine Rede sein.
Mit dieser Kampfesweise hatte
sich Lenin damals nicht auseinanderzusetzen. Das mag der Grund dafür
sein, daß er selbst durch manche Formulierung den späteren Mißdeutungen
Vorschub leistete. Die Haltung Lenins zum revolutionären Terrorismus
kann sicherlich nicht aus Arbeiten entnommen werden, in denen er sich mit
dieser Frage überhaupt nicht beschäftigt. Man muß da schon
diejenigen Aufsätze nachlesen, die dieses Thema behandeln.
In den Notizen Lenins zu
einem Programmentwurf für den II. Parteitag der SDAPR (1905) findet
sich die Vorbemerkung: "Der Terror muß mit der Massenbewegung faktisch
verschmelzen." Anfang 1905 schlugen die Sozialrevolutionäre, die revolutionären
Erben der Volkstümlerrichtung, den Bolschewiki ein Kampfbündnis
vor,mit dem sie ihre Kampfesweise - den Terrorismus - in die proletarische
Bewegung einbringen wollten. In diesem Angebot heißt es: "Möge
diese beginnende Verschmelzung des revolutionären Terrorismus und
der Massenbewegung wachsen und erstarken,möge die Masse möglichst
bald mit terroristischen Kampfmitteln gewappnet auf den Plan treten!"
In seiner Stellungnahme zu
diesem Schreiben gibt Lenin seiner Erwartung Ausdruck, "daß die Versuche,
eine solche Kampfgemeinschaft herbeizuführen, möglichst bald
Wirklichkeit werden". An anderer Stelle ist er entschieden der Verfälschung
seiner Polemik gegen die Volkstümler entgegengetreten, so u. a. in
einem Artikel über den Partisanenkrieg vom 30. 9. 1906. Es ist wichtig
zu wissen, an welche Erscheinungsformen des Kampfes Lenin dachte, wenn
er vom Partisanenkrieg spricht: "Die Erscheinung, die uns hier interessiert,
ist der bewaffnete Kampf. Er wird von einzelnen Personen und kleinen Gruppen
geführt. Teils gehören sie revolutionären Organisationen
an,teils (in manchen Gegenden Rußlands zum größten Teil)gehören
sie keiner revolutionären Organisation an. Der bewaffnete Kampf verfolgt
zwei verschiedene Ziele, die man streng auseinanderhalten muß: dieser
Kampf hat erstens die Tötung von einzelnen Personen (!), Vorgesetzten
und Subalternen im Polizei- und Heeresdienst, zweitens die Beschlagnahme
von Geldmitteln sowohl bei der Regierung als auch bei Privatpersonen zum
Ziel. Die beschlagnahmten Mittel fließen teils der Partei zu, teils
werden sie speziell zur Bewaffnung und Vorbereitung des Aufstandes, teils
für den Unterhalt der Personen verwandt, die den von uns geschilderten
Kampf führen..."
Lenin hat sich besonders
für das zuerst genannte Ziel des bewaffneten Kampfes, also für
die Liquidation von einzelnen Funktionären des Unterdrückungsapparates
ausgesprochen. Mehrfach bezog er sich auf die vom Vereinigungsparteitag
(1906) verabschiedeten Resolution zur Frage des Partisanenkrieges, die
Expropriationen von Privateigentum für unzulässig, Expropriationen
von Staatseigentum zwar nicht empfohlen, in bestimmten Fällen jedoch
für zulässig erklärt, "terroristische Partisanenaktionen
gegen Vertreter des Gewaltregimes und aktive Schwarzhunderter" aber ausdrücklich
empfiehlt.
Lenin schrieb zu dieser Resolution:
"Wir halten die Resolution für grundsätzlich richtig und verweisen
darauf, daß sie mit den Gedanken übereinstimmt, die wir im Artikel
'Der Partisanenkrieg' entwickelt haben..." Und noch klarer: "Die Partisanenresolution
anerkennt ... den 'Terror' anerkennt Partisanenaktionen zwecks Tötung
des Gegners ... Neben der Arbeit in den Massen wird der aktive Kampf gegen
die Gewalttäter, d. h. zweifellos ihre Tötung vermittels 'Partisanenaktionen'
anerkannt ... Wir raten all den zahlreichen Kampfgruppen unserer Partei,
mit ihrer Untätigkeit Schluß zu machen und eine Reihe von Partisanenaktionen
zu unternehmen ... bei möglichst geringer 'Verletzung der persönlichen
Sicherheit' friedlicher Bürger und bei größtmöglicher
Verletzung der persönlichen Sicherheit von Spionen, aktiven Schwarzhundertern,
höheren Offizieren der Polizei, des Heeres, der Flotte und so weiter
und dergleichen mehr. Waffen aber und Munition im Besitz der Regierung
sind zu konfiszieren, wo immer sich eine Möglichkeit bietet. Zum Beispiel.
Polizisten haben Waffen, die der Regierung gehören! Es bietet sich
eine Möglichkeit ..."
Als ob Lenin schon damals
die Ergüsse gewisser sich" Marxisten- Leninisten" nennender Gruppierungen
vorgelegen hätten, resümiert er: "Die Bewertung, die man dem
hier betrachteten Kampf gewöhnlich zuteil werden läßt,
läuft auf folgendes hinaus: das sei Anarchismus, Blanquismus, der
alte Terror, es handele sich um Aktionen von Einzelpersonen, die von den
Massen losgelöst sind, solche Aktionen demoralisierten die Arbeiter,
stießen weite Kreise der Bevölkerung von ihnen ab, desorganisierten
die Bewegung, schadeten der Revolution ..."
Unmißverständlich
qualifiziert er diese Bewertung als"unrichtig, unhistorisch und unwissenschaftlich",
weist darauf hin,daß das Fehlen eines Widerstandes mehr demoralisiert
als ein organisierter Partisanenkampf, der gerade in den mehr oder minder
großen Pausen zwischen den "großen Schlachten" eine unvermeidliche
Kampfform sei. "Desorganisiert wird die Bewegung nicht durch Partisanenaktionen,
sondern durch die Schwäche der Partei, die es nicht versteht, diese
Aktionen in die Hand zu nehmen ... Unsere Klagen über die Schwäche
unserer Partei hinsichtlich des Aufstandes ... Jede moralische Verurteilung
des Bürgerkrieges ist vom Standpunkt des Marxismus völlig unzulässig.
Inder Epoche des Bürgerkriegs ist das Ideal der Partei des Proletariats
eine kriegführende Partei. ... Im Namen der Grundsätze des Marxismus
verlangen wir unbedingt, daß man sich nicht mit abgenutzten und schablonenhaften
Phrasen von Anarchismus, Blanquismus und Terrorismus um eine Analyse der
Bedingungen des Bürgerkrieges drückt, daß man sinnlose
Methoden der Partisanenaktionen, wie sie von dieser oder jener Organisation
... in diesem oder jenem Augenblick angewandt worden sind, nicht zum Abschreckungsmittel
gegen die Beteiligung der Sozialdemokraten am Partisanenkrieg überhaupt
macht ..."
Dieser Partisanenkrieg ist
nach Lenin der "organisierte,planmäßige, von einer Idee getragene,
politisch erzieherische bewaffnete Kampf". Obwohl moralisierende Betrachtungen
in einer marxistischen Polemik keinen Platz haben sollten, muß man
noch wegen des allgemeineren Gesichtspunktes auch die folgende Äußerung
Lenins zitieren: "Wenn ich aber bei einem sozialdemokratischen Theoretiker
oder Publizisten nicht Betrübnis über diese mangelnde Vorbereitung(für
den Partisanenkrieg), sondern stolze Selbstzufriedenheit und selbstgefällig-begeisterte
Wiederholung in früher Jugend auswendig gelernter Phrasen über
Anarchismus, Blanquismus und Terrorismus sehe,dann kränkt mich diese
Erniedrigung der aller revolutionärsten Doktrin der Welt ..."
In dem Aufsatz: "Die Lehren
des Moskauer Aufstandes" wendet Lenin auf die beschriebenen Partisanenaktionen
den Begriff "Massenterror" an und führt aus: "Der Partisanenkrieg,
der Massenterror, der jetzt nach dem Dezember (also nach der militärischen
Niederlage des Aufstandes von 1905)überall in Rußland fast pausenlos
ausgeübt wird, wird zweifellos helfen, die Massen zu lehren, im Augenblick
des Aufstandes die richtige Taktik anzuwenden. Die Sozialdemokratie muß
diesen Massenterror billigen und zum Bestandteil ihrer Taktik machen ..."
Anders kann ein Marxist auch
nicht zur Frage des revolutionären Terrors Stellung nehmen. Dieser
richtet sich selbstverständlich nicht gegen das Volk, gegen die Massen,
auch nicht gegen solche Schichten, die nach ihren Lebensbedingungen und
ihrer Klassenlage dem Proletariat zwar nahestehen, sich aber nicht zur
Teilnahme an der revolutionären Bewegung entschließen können.
Der revolutionäre Terror richtet sich ausschließlich gegen Exponenten
des Ausbeutungssystems und gegen Funktionäre des Unterdrückungsapparates,
gegen die zivilen und militärischen Führer und Hauptleute der
Konterrevolution. Die Einsicht, daß die Unterdrückung nicht
den Launen der jeweiligen Charaktermasken des kapitalistischen Systems,
sondern den ökonomischen Zwangsgesetzen dieser Formation selbst entspringt,
ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Dieses System verleibt sich nie
Menschen ein, macht diese zu seinen Organen,wie diese sich auch persönlich
mit ihrer Funktion im Unterdrückungsapparat identifizieren und so
zu Feinden werden. Das System wirkt und handelt durch diese Feinde des
Proletariats. Will man es zerstören, muß man seine Organe ausschalten.
Einen anderen Weg gibt es nicht. Die Herrschenden bedienen sich der Angst,
die sie durch Terror erzeugen, um sich das Proletariat gefügig zu
halten. Was spricht dagegen,daß sich die Unterdrückten ebenfalls
der Angst bedienen, die sie durch Terror ihren Feinden einjagen, um sich
endlich zu befreien?
7.
Die Kraft der Volksmassen konkret entdecken und so die Resignation in den
Massen überwinden!
Im Unterschied zum Putschismus
"ist der Terrorismus kein Schnellverfahren für Revolutionäre,
das ihnen die Möglichkeit böte, sich die Anstrengungen der politischen
Arbeit zu ersparen: vielmehr schafft der Terrorismus allererst Bedürfnis
und Bedingungen dieser Arbeit und ist damit deren Ausgangspunkt. Die Aufständischen
müssen die Funktion einer politischen Avantgarde Organisation übernehmen,
wenn sie nicht isoliert und weggefegt werden wollen; die Guerilla muß
eine
Schule der politischen Praxis werden, revolutionäre Kader aufstellen,
an Ort und Stelle ein Übergangsprogramm erarbeiten, das dem Bewußtseinsstand
der Massen entspricht und permanent in dem Maße,wie der Grad der
Bewußtheit im Kampf und durch ihn wächst,überarbeitet wird."
Die wirksame Absicherung
der Interessen und Aktionen der Massen durch bewaffnete Gruppen hat entscheidende
Bedeutung für die Bildung und Festigung neuartiger politischer Organisationsformen
der Massen. Es gilt der Satz Maos allgemein: "Jeder Kommunist muß
die Wahrheit begreifen: die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.
Unser Prinzip lautet: die Partei kommandiert die Gewehre, und niemals darf
zugelassen werden, daß die Gewehre die Partei kommandieren. Hat man
aber Gewehre, dann kann man wirklich Parteiorganisationen schaffen ...
dann kann man auch noch Kader hervorbringen, Schulen errichten, eine Kultur
schaffen, Massenbewegungen ins Leben rufen."
Die so entstehende Organisation
des revolutionären Proletariats wird in der Lage sein, gestützt
auf die Gewehre, die Unterdrückungsstreitkräfte des Klassenfeindes
zu zersetzen und schließlich restlos zu schlagen. In den vergangenen
Jahrzehnten hat der Feind wiederholt mit seinen Gewehren den Kampfgeist
des Proletariats gebrochen, die revolutionären Kader dezimiert und
demoralisiert. Die Revolutionäre hatten den Mut zu kämpfen verloren,
weil sie den Gewehren des Feindes wehrlos ausgesetzt waren. In der letzten
Auseinandersetzung zwischen den Klassen zählen nur Gewehre.
Die Solcher des Kapitals
werden die Arbeiter nur respektieren und fürchten, wenn diese Gewehre
in ihren Händen halten. Die Macht des Feindes ist begrenzt. Sie hängt
ab von den Menschen, die die Hebel seines Unterdrückungsapparates
betätigen. Die perfektionierten und technisch komplizierten Tötungsmaschinen
des Kapitals sind harmlos, wenn die Menschen fehlen, die sie bedienen müssen.
Wenn sich in der Vergangenheit das Proletariat in Deutschland mit Waffen
gegen das Kapital erhob, dann hat es zwar heldenhaft, aber nach falschen
taktischen Prinzipien und ohne strategische Perspektive gekämpft.
Mut und Stolz schienen den revolutionären Kämpfern zu gebieten,
sich dem formierten Feind offen entgegenzustellen und bis zur letzten Patrone
standzuhalten. Das Ergebnis kann nicht überraschen. Die proletarische
Revolution ist kein feudales Turnier.
Noch nie hat sich die Bourgeoisie
in ihrer langen Geschichte gegenüber dem Proletariat ritterlich verhalten.
Was könnte Revolutionäre veranlassen, im Kampf gegen einen skrupellosen,
feigen und verschlagenen Feind nach einem Ehrenkodex zu verfahren, den
die Herrschenden zu ihrem eigenen Vorteil ersonnen, an den sie sich selbst
aber nie gehalten haben? Engels hat sich 1857 in einem Artikel über
den englisch-chinesischen Krieg mit dem heuchlerischen Gezeter der Liberalen
über die Methoden des Partisanenkampfes auseinandergesetzt. Er hob
hervor, daß das chinesische Volk mit dem Partisanenkrieg eine Methode
gefunden habe, die, wenn sie fortgesetzt würde, einen englischen Sieg
unmöglich machen könnte. Er schrieb: "...jetzt beteiligt sich
die Masse des Volkes aktiv, ja sogar fanatisch am Kampf gegen die Ausländer.
Sie vergiften massenhaft und mit kaltblütiger Berechnung das Brot
der europäischen Kolonie Hongkong ... Mit verborgenen Waffen gehen
Chinesen an Bord von Handelsschiffen, und auf der Fahrt bringen sie die
Mannschaft und die europäischen Passagiere um und bemächtigen
sich der Schiffe. Sie entführen und töten jeden Ausländer,
dessen sie habhaft werden können ... was soll eine Armee gegen ein
Volk unternehmen, das zu solchen Mitteln der Kriegführung greift?
... Zivilisationskrämer, die Brandbomben auf eine schutzlose Stadt
werfen und dem Mord noch die Vergewaltigung hinzufügen, mögen
die Methode feige, barbarisch und grausam nennen; aber was kümmert
das die Chinesen,wenn sie ihnen nur Erfolg bringt ... Wenn ihre Entführungen,Überfälle
und nächtlichen Gemetzel nach unserer Auffassung als feige zu bezeichnen
sind, dann sollten die Zivilisationskrämer nicht vergessen, daß,
wie sie selbst bewiesen haben, sich die Chinesen mit den gewöhnlichen
Mitteln ihrer Kriegführung gegen europäische Zerstörungsmittel
nicht behaupten können ... anstatt über die schrecklichen Grausamkeiten
zu moralisieren, wie es die Presse tut, täten wir besser daran,anzuerkennen,
daß es sich hier um . . . einen Volkskrieg handelt. . . Und in einem
Volkskrieg können die Mittel, die von der aufständischen Nation
angewandt werden, weder nach den allgemein anerkannten Regeln der regulären
Kriegführung gewertet werden noch nach irgendeinem anderen abstrakten
Maßstab ..."
In der Revolution gibt es
ein oberstes Prinzip: Die Kräfte des Volkes entwickeln und erhalten,
die Kräfte des Feindes vernichten. Damit sind der Roten Armee Strategie
und Taktik vorgeschrieben. Wenn der Feind formiert und massiert auftritt,
wird er die Guerilla nicht finden und deshalb auch nicht bekämpfen
können. Wenn sich die Söldner des Feindes aber zerstreuen, wenn
sie arglos und vereinzelt sind, in ihre Quartiere und Wohnungen zurückkehren,
werden die Partisanen sie dort erwarten und zur Verantwortung ziehen. Die
Angriffe der Guerilla sollten sich nach Möglichkeit nicht gegen die
einfachen Soldaten des Feindes, wohl aber gegen seine Offiziere und leitenden
Beamten richten. Für sie darf es nirgends mehr ein befriedetes Gebiet,
eine "Etappe", eine friedliche Heimat, ein sicheres Privatleben geben.
Der Offizier oder Beamte wird nicht wissen, welcher seiner Nachbarn mit
der Guerilla in Verbindung steht, wann und unter welchen Umständen
der Schlag gegen ihn geführt wird.
In dem Maße, wie die
bewaffneten Gruppen des Volkes "in den Massenschwimmen wie ein Fisch im
Wasser", werden die Feinde des Volkes in diesen Massen ertrinken. In diesem
Prozeß wird das Volk seine Kraft entdecken und bewußter einsetzen,
es wird seine Fesseln, den Gehorsam gegenüber den Gesetzen der Ausbeutergesellschaft,
abstreiten. Wo soll der Staat die zehntausende Helden hernehmen, die bereit
sind, sich unter diesen Bedingungen, unter diesem Druck, dieser Angst und
Ungewissheit für die Interessen des Kapitals gegen einen unsichtbaren
und fürchterlichen Feind zu schlagen?
Es genügt nicht, nur
immer von der Kraft der Volksmassen zu reden. Es kommt darauf an, sie endlich
konkret zu entdecken; die Bedingungen zu schaffen, daß die Massen
nicht mehr wehrlos den Unterdrückungsfeldzügen des Kapitals ausgesetzt
sind, sondern befähigt werden, ihre reale Macht konkret zu entfalten
und dem Feind erfolgreich entgegenzusetzen. Hat die Auflösung der
feindlichen Kräfte einen genügenden Grad erreicht, dann wird
es aussichtsreich,durch koordinierte Aktionen der Massen in den Produktionsbetrieben
und der bewaffneten Abteilungen des Proletariats den letzten Widerstand
des Feindes zu brechen und die Macht des Volkes in allen Bereichen zu festigen.
Nach dieser Skizze ist die Frage wiederaufzunehmen, wie die Entwicklung
der Roten Armee von isolierten Partisanengruppen zu einem umfassenden und
koordinierten System von bewaffneten Kadern zu organisieren ist.
Es ist nicht Zufall, sondern
Ausdruck des Wirkens antagonistischer Widersprüche im kapitalistischen
System, wenn heute mehr und mehr junge Menschen bereit und entschlossen
sind, ihr persönliches Schicksal konsequent mit dem Schicksal der
proletarischen Revolution zu verbinden, die auch bereit sind, die persönlichen
Risiken des bewaffneten Kampfes auf sich zu nehmen. Sind es in Westdeutschland
erst Hunderte oder schon Tausende? Diese Frage kann nur die Praxis entscheiden.
Jedenfalls haben sie - noch spontan, unsystematisch, ohne Koordination
und ohne organisatorische Grundlage - begonnen, die ersten praktischen
Schritte zu gehen. Haben sie erst einmal die Angst vor dem Staatsapparat
überwunden, wird sie auch das Gezeter der Revolutionsliteraten und
der Maulhelden nicht davon abhalten, diesen Weg weiterzugehen.
Die Partisaneneinheit entsteht
aus dem Nichts. Jeder kann anfangen. Er braucht auf niemanden zu warten.
Einige Dutzend Kämpfer, die wirklich beginnen und nicht nur endlos
diskutieren, können die politische Szene grundlegend verändern,
eine Lawine auslösen. In der ersten Phase stellt sich die Aufgabe,
durch geeignete Aktionen zu demonstrieren, daß sich bewaffnete Gruppen
bilden und gegen den Staatsapparat behaupten können; das bewaffnete
Überraschungsangriffe ein Mittel sein können, legitime Interessen
gegen ein repressives System erfolgreich durchzusetzen. Kurz: Das Mittel
des bewaffneten Kampfes ist praktisch zu entdecken.
Falsch wäre es, dieses
Mittel erst einzusetzen, wenn die "Zustimmung der Massen" sicher ist; denn
das hieße, auf diesen Kampf gänzlich verzichten, weil diese
"Zustimmung der Massen" allein durch den Kampf erreicht werden kann. Es
handelt sich um einen recht komplizierten Bewußtseinsbildungsprozeß,
für dessen Untersuchung ein undifferenzierter, abstrakter Begriff
der "Masse"völlig untauglich ist. "Masse" im Zusammenhang von Klassenauseinandersetzung
in der spätkapitalistischen Gesellschaft bezeichnet eine reale Abstraktion,
eine vermittelte Gesamtheit untereinander mannigfach verbundener und kommunizierender
Schichten arbeitender Menschen,die insgesamt durch ihre jeweilige Klassenlage
ein Interesse gemeinsam haben - das Interesse an der Beseitigung der kapitalistischen
Ausbeutung und Herrschaft, die wegen dieser Interessengemeinschaft insgesamt
das antikapitalistische Lager bilden. Die zu dieser Gesamtheit gehörenden
verschiedenen Schichten unterscheiden sich in vielfacher Hinsicht voneinander,
sind in unterschiedlicher Weise den Zwangsgesetzen des kapitalistischen
Prozesses ausgesetzt und näher auch ungleichzeitig in einem Bewußtseinsprozeß,
in dessen Verlauf sie zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Bedingungen
die Widersprüche ihrer Klassenlage und die daraus folgenden Interessen
begreifen. Die konkrete Untersuchung des Bewußtseinsprozesses als
Teil der Klassenanalyse setzt daher eine Differenzierung des Begriffs "Masse"
nach spezifischen Schichten voraus.
Wenn beispielsweise die
Guerilla gegen einen sadistischen Erzieher in einem staatlichen "Fürsorgeheim"
einschreitet, werden viele proletarische Eltern empört sein und diese
Intervention verurteilen, weil sie selbst an die Notwendigkeit staatlicher
Erziehungsheime und an eine rigide Erziehung glauben; weil sie selbst oft
mit den Gedanken spielen, ihre eigenen Erziehungsprobleme, die zunehmen,
den staatlichen Instanzen zu überantworten und schließlich,
weil sie erzogen sind, jegliche Auflehnung gegen gesellschaftliche Gewalten
unschicklich und unerlaubt zu finden. Die proletarischen Jugendlichen in
den Heimen dagegen, die die Repression unmittelbar erfahren, aber auch
viele jugendliche, die täglich mit der Androhung der Heimerziehung
als Zuchtmittel terrorisiert werden, sie werden die Aktion verstehen. Wird
diese zudem in Formen und mit Mitteln durchgeführt, deren sich die
Jugendlichen selbst ohne großen Aufwand bedienen können, werden
sie nach einigen "Lehrstücken"dazu übergehen, ihre Peiniger selbst
zu disziplinieren. Mehr noch: die Jugendlichen können ihren Widerstand
verstärken in dem Bewußtsein, daß die Guerilla eingreifen
wird, wenn die Behörden die Repression steigern sollten.
Ein anderes Beispiel: wenn
die Guerilla durch bewaffnete Aktionen einige Zwangsräumungen exemplarisch
verhindert und künftig derartige Vollstreckungen nur noch unter dem
Schutze von Panzern und Maschinengewehren möglich sein werden, dann
werden heute vielleicht noch viele Proletarierin den Chor der veröffentlichten
Meinung der Herrschenden einstimmen und die Aktion als "Anarchie" brandmarken.
Die Hunderttausende aber, die den Weg in staatliche Obdachlosenasyle schon
gegangen sind oder die mit diesem Schicksal vor Augen auf das Notwendigste
verzichten, nur um die Wuchermieten noch bezahlen zu können, werden
diesen Schritt verstehen und in der Handlungsweise der Guerilla ihr eigenes
Interesse wiederfinden. Wenn ein Partisanenkommando einen Konzernchef gefangen
nimmt, weil er Arbeiter auf die Straße gesetzt hat, und damit die
Rücknahme der Kündigung erreicht, werden auch das noch einige
Arbeiter "kriminell" finden. Wer vor dieser Reaktion zurückschreckt,
vergißt, daß aus ihr nicht "das proletarische Klassenbewußtsein"
spricht, daß der sklavische Gehorsamsreflex nicht Ausdruck eines
"gesunden Klasseninstinktes", sondern des bürgerlichen Überbaus
in den Köpfen der Arbeiter - des bourgeoisen Über-Ichs, dieses
Kettenhundes des Kapitals - ist. Dieser Reflex muß niedergekämpft
werden; nie darf man sich ihm unterwerfen. Wird die als Beispiel erwähnte
Aktion unter geeigneten Bedingungen zur richtigen Zeit durchgeführt,
werden viele Arbeiter begreifen, daß es letztlich der einzige Weg
ist, die berechtigten Interessen des Proletariats erfolgreich durchzusetzen.
Dieses Begreifen ist ein komplizierter und widersprüchlicher Prozeß.
Obwohl in den Massen eine latente Bereitschaft zur Gewalttätigkeit
vorhanden ist und ständig wächst (z. B. die Aggressivität
gegen Nonkonformisten), stoßen gewaltsame Angriffe einer revolutionären
Avantgarde gegen die Institutionen des Kapitals weithin auf eine mehr oder
weniger affektive Ablehnung in breiten Schichten des Proletariats,während
das Gewaltmonopol des Staates selbst dann anerkannt wird, wenn sich die
staatliche Gewalt offen gegen die Arbeiterschaft wendet. Dieser Widerspruch
erklärt sich aus den schmerzlichen Erfahrungen des Proletariats während
eines langwierigen Anpassungsprozesses an die Ausbeutergesellschaft.
Das wichtigste Ergebnis dieser
Anpassung ist der Gehorsam gegenüber den Gesetzen und gesellschaftlichen
Konventionen, die doch nur Gesetze und Konventionen im Interesse der Herrschenden,
also der besitzenden Klassen sind. Die Erziehung in der bürgerlichen
Gesellschaft kann aber die spontane Neigung, sich der Unterdrückung
mit Gewalt zu erwehren, nicht völlig löschen, sondern nur in
eine den Herrschenden ungefährliche Richtung ablenken und deformieren.
Das Gewaltpotential der Unterdrückten ist nicht eliminiert, sondern
durch den schließlich erreichten Gehorsam lediglich gebändigt,
stets auf dem Sprung, in einer "Regression" verstärkt und in der richtigen
Richtung wieder in Erscheinung zu treten. Die Allgemeinheit des Gehorsams
ist eine wesentliche Bedingung seiner Aufrechterhaltung. Wird dieser Gehorsam
zielstrebig, nachhaltig und demonstrativ versagt mit dem Anspruch, das
Gesetz der Herrschenden zur Verwirklichung eines höheren Rechts der
Unterdrückten zu brechen,verliert schließlich die Norm ihre
allgemeine Verbindlichkeit. Die zunächst isoliert erscheinende Gehorsamsverweigerung
verliert schnell den Makel des "moralischen Versagens".
Solche Reaktion ist leicht
bei der Entstehung einer besonderen, von der allgemeinen Moral abweichenden
Gruppenmoral, aber auch ganz allgemein in Zeiten sozialer Unrast zu beobachten.
Die Herrschenden fürchten sie. Die Entwöhnung vom Gehorsam gegenüber
der bürgerlichen Rechtsordnung ist eine wesentliche Voraussetzung
für die Revolutionierung der Massen. Sie ist keine Frage der theoretischen
Einsicht. In der Protestbewegung von 1967/68 wurde von vielen der Klassencharakter
der bürgerlichen Ordnung und die Notwendigkeit ihrer gewaltsamen Beseitigung
sehr schnell begriffen. Damit waren aber längst noch nicht die sogenannten
Hemmungen, die eingeschliffenen Gehorsamsreflexe überwunden. Dazu
bedurfte es erst der wiederholten, bewußten und praktischen Normverletzung.
Mag dieser Reflex in proletarischen Schichten auch nicht so ausgeprägt
sein und nicht den ausgesprochen skrupulösen Charakter haben wie bei
kleinbürgerlichen Intellektuellen, so ist er doch vorhanden. Der Arbeiter
kann ihn noch weniger als der Intellektuelle durch theoretische Reflexion
überwunden. Nur seine Praxis im Sinne unmittelbarer Erfahrung kann
diese verhängnisvolle Bewußtseinsstruktur aufbrechen.
Nun gibt es nicht wenige
Genossen, die Klassikerzitate bereithalten um zu beweisen, daß revolutionäre
Gewalt erst dann angewandt werden dürfe, wenn deren Notwendigkeit
in das Bewußtsein der" Arbeiter" eingegangen sei. Eine besondere
Rolle spielt gegenwärtig der Satz von Mao Tse-tung: "Wenn das Bewußtsein
der Massen noch nicht geweckt ist,und wir dennoch einen Angriff unternehmen,
so ist das Abenteurertum."
Der daraus hier und heute
abgeleitete Einwand gegen bestimmte Aktionsformen ist auf zwei Ebenen zu
widerlegen: Er operiert wiederum mit der metaphysischen Abstraktion "Masse"
und ignoriert, daß die Studenten aufgrund der sich vollziehenden
Änderung der Klassenstruktur in der spätkapitalistischen Gesellschaft
einen wichtigen avantgardistischen Teil dieser Masse, des antikapitalistischen
Lagers, bilden, der in der Lage ist,unter bestimmten Bedingungen gerade
durch sein gewaltsames Handeln fortschreitend andere Schichten des Proletariats
in die revolutionäre Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt mitzureißen.
Die Beteiligung von einigen
tausend junger Arbeiter am Kampf gegen die Polizei während der Osterunruhen
1968 mag ein bescheidenes Beispiel dafür sein. Nach den revolutionären
Kämpfen der jungen Arbeiter in Frankreich wenige Wochen später,
insbesondere nach der Schlacht von Flins, ist die Richtigkeit dieser Einschätzung
historisch bewiesen. Die kritischen Studenten haben massenhaft die Notwendigkeit
revolutionärer Gewalt bereits begriffen. Der revolutionäre Prozeß
kann nur dann voranschreiten, wenn sie diese Einsicht auch tatsächlich
praktizieren!
Weiterhin wird in diesem
Einwand nicht bestimmt, welcher Begriff vom Massenbewußtsein dem
angeführten Zitat zugrunde liegt. Ist der von Mao Tse-tung verwendete
Begriff "Bewußtsein der Massen" identisch mit dem gleichnamigen Begriff,
der in unseren Auseinandersetzungen die entscheidende Rolle spielt? Mao
geht aus von dem Bewußtsein der ländlichen Massen und des städtischen
Proletariats im China des Bürgerkrieges, also von einem Bewußtsein
unterdrückter Klassen, die sich auch in ihrem Bewußtsein selbst
noch von den sozialen Institutionen abheben, die die Unterdrückung
bedingen; die in diesem Sinne ihre Umwelt noch in zwei Dimensionen erleben;
denen das Bewußtsein und damit der Begriff der Unterdrückung
noch nicht abhanden gekommen ist; die sich noch nicht so entfremdet sind,
daß sie sich als Teil der repressiven Institutionen begreifen und
sich mit ihnen identifizieren.
Wenn Mao in anderem Zusammenhang
das Bewußtsein der Massen in China als "ein weißes Blatt Papier"
bezeichnet, auf dem man die schönsten Bilder malen könne, so
geht er auch hier von einem"jungfräulichen" Bewußtsein aus.
Auf diesem "weißen Blatt Papier" hat Mao in der Tat die schönsten
Bilder gemalt. Die chinesischen Massen waren offen für die wissenschaftliche
Weltanschauung des Marxismus-Leninismus, dessen konkrete Anwendung auf
die gesellschaftlichen Verhältnisse in China den Massen zu einem ununterbrochenen
"Aha-Erlebnis" verhalf, also zündete,die Massen ergriff und so zur
materiellen Gewalt wurde.
In den Metropolen dagegen
haben die jahrzehntelange konterrevolutionäre Propaganda, Erziehung,
Wissenschaft und Kunst sich jeden einzelnen Satz der marxistischen Lehre
vorgenommen, haben ihn vulgarisiert, verballhornt,verlogen verzerrt und
oft in sein Gegenteil verkehrt, haben sie jeden zentralen Begriff der revolutionären
Theorie mit negativen Affekten besetz und damit für die revolutionäre
Propaganda und Agitation in den Massen unbrauchbar gemacht, haben sie auf
dem Hintergrund einer verfälschten Lehre deren " Versagen" in der
gesellschaftlichen Wirklichkeit "bewiesen", schließlich haben die
zahlreichen Niederlagen der Arbeiterbewegung in den westlichen Industrieländern
das Vertrauen der Massen in die marxistische Theorie zerstört, weil
sich die erfolglosen Arbeiterparteien auf diese Lehre berufen hatten.
Durch diesen Prozeß
ist in den Massen ein Bewußtsein erreicht worden, das mit einem "weißen
Blatt Papier", dem Bewußtsein der chinesischen Massen, nicht mehr
das Geringste zu tun hat,von diesem qualitativ verschieden ist: ein immunisiertes
Bewußtsein. Wir müssen das Problem lösen, wie und mit welchen
Mitteln dieses aufgebrochen werden kann. Doch wenn es ums Bewußtsein
des Proletariats geht, kramen so manche Genossen alchimistische Rezepte
hervor und beginnen, danach zu dozieren. Gewiß ist es wichtig, daß
die Arbeiter die sozio-ökonomischen Zusammenhänge der erlittenen
Unterdrückung erkennen lernen. Wer sich aber hinstellt und dem Proletarier
heute anhand von "Lohnarbeit und Kapital" auseinandersetzt, daß er
ausgebeutet und unterdrückt wird, ohne ihm gleichzeitig praktisch
einen Weg zu zeigen, wie er aus der Scheiße rauskommt, der wird -
es ist nur eine Frage der Zeit - von eben diesem Proletarier einen Tritt
kriegen - und das mit Recht. Daß er sich schinden und obendrein die
Schnauze halten muß, hat jeder Arbeiter irgendwann einmal gewußt
und viel Mühe darauf verwendet, dieses Bewußtsein zu verdrängen.
Wer will denn heute schon noch als "Arbeiter" angesprochen werden? Nachdem
ihm dieser Verdrängungsakt gelungen, kommt so ein Kamel -womöglich
auch noch ein Studierter - daher und frißt das glücklich gewachsene
Gras wieder weg. Das kann nicht gut gehen.
Manche vertrauen auch naiv
darauf, daß sich das Proletariat an den Widersprüchen des Kapitalismus
wundstoßen und so revolutioniert werde. Sie vergessen, daß
es seit den Entstehung des industriellen Kapitalismus ausgiebig Gelegenheit
hatte, sich wund zu stoßen - inzwischen ist ihm eine Hornhaut gewachsen.
So schnell kommt es da nicht zu revolutionären Entzündungen Sicherlich
wird in den vor uns liegenden Jahren die Unzufriedenheit breiter Schichten
schnell zunehmen. Diese Unzufriedenheit für sich ist jedoch nur die
Grundlage für eine Neuauflage des Reformismus, der sich freilich in
ein revolutionäres Vokabular einkleiden wird. Das Bewußtsein
von der Notwendigkeit einer Veränderung der Verhältnisse ist
nur ein Element des revolutionären Bewußtseins, um zu einer
geschichtlichen Sprengkraft zu werden, muß die Einsicht in die Möglichkeit
einer revolutionären Veränderung hinzukommen.
Die mechanistischen Vorstellungen
über die proletarische Psyche sollten endlich in die Mottenkiste wandern.
Der nur von wenigen marxistischen Theoretikern vorausgesehene und von keinem
Praktiker für möglich gehaltene Ausbruch des französischen
Proletariats im Mai 1968 hat - zum wievielten Male eigentlich? - die Dialektik
des proletarischen Klassenbewußseins, das ein antagonistisches ist,
anschaulich gemacht. Als in Paris am 13. Mai 1968 eine Million Arbeiter
und Studenten demonstrierten und danach 10 Millionen streikten, als mitten
in Europa in einem typisch neokapitalistischen Land die proletarische Revolution
an die Büropaläste der Herrschenden klopfte, da wußten
die Arbeiter,daß sie Unterdrückte und Ausgebeutete sind. Das
hatten ihnen die Studenten nicht erst beibringen müssen. Das wußten
sie auch ohne die Schulungskurse der reformistisch verkommenen KPF aufgrund
ihrer eigenen Erfahrungen in der Tretmühle der kapitalistischen Arbeitsstrafanstalten.
Was sie spontan in den Streik und auf die Barrikadentrieb, war ihre nächtliche
Ohrenzeugenschaft der Barrikadenkämpfe vom 10. Mai im Quartier Latin.
In jener Nacht wehrten sich die Studenten heldenhaft gegen die terroristischen
Angriffe der Bürgerkriegsgarde des Regimes, der CRS. Sie stellten
damit das verhaßte Regime nicht nur in Worten, sondern auch mit mutigen
Taten in Frage.
"Die Repression der Polizei
mit ihrer ganzen primitiven Wildheit begann; die Studenten waren nicht
einfach nur Opfer, sondern auch Kämpfende; sie verteidigten sich,
und zum Mitleid gesellte sich die Bewunderung. In Frankreich herrscht weniger
die Polizei selbst, als die Furcht vor ihr; die ansteckende Kraft des Mutes
spaltet die Furcht, die die Gesellschaft zusammenhält."
Selbstverständlichkeit
der Herrschaft, Unvermeidlichkeit der entfremdeten Arbeit, Unabänderlichkeit
der gesellschaftlichen Verelendung - diese auf dem Kompost unterdrückter
Zweifel und verdrängter Hoffnungen gedeihenden Giftkräuter -
begannen im Sturm der Rebellion zu welken. Unter dem Bann der befreienden
Tat öffneten sich die Massen plötzlich politischen Theorien und
Lösungen, die sie eben noch leidenschaftlich- aggressiv von sich fernhielten.
Bedingung dieser Aufnahmebereitschaft war der revolutionäre Aufbruch
einer Avantgarde, der durch seine Wucht Fragen stellte, die revolutionäre
Antworten zuließen. Der dem französischen Proletariat durch
die packende und erregende Berichterstattung von Radio Luxemburg vermittelte
massenhafte, solidarische und mutige Widerstand der Studenten auf den Barrikaden
im Quartier Latin war das auslösende Ereignis, das den Massen die
Veränderbarkeit ihrer eigenen Unterdrückungssituation zum Bewußtsein
brachte. Die Entschlossenheit, die eigene Lage zu ändern, richtete
die Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit der Massen auf jene Theorien
und Handlungsanleitungen, aus denen sich Entwürfe für die ersehnten
Wandlungen ableiteten.
Wenn auch die Konterrevolution
- nicht zuletzt durch den Verrat der KPF - die Gesellschaft wieder unter
ihre Kontrolle brachte, war die Erhebung ein großer Sieg allein schon
durch die Erfahrung der eigenen Stärke,der bewegenden Kraft der Solidarität
und der demokratischen Organisation. Sie wird lange nachwirken. Es zeigt
sich aber eine Gegentendenz. Die vorläufig geschlagenen, deshalb enttäuschten
Massen beginnen in paradoxer Weise sich gegenüber dem revolutionären
Theorien wieder zu verschließen sie vollziehen die Wiederanpassung
an den grauen, visionslosen Alltag ihrer proletarischen Existenz. Ohne
ein klares Bewußtsein davon zu haben, fühlen die Massen, daß
sich dieser Alltag mit der von konkreter Hoffnung ausgelösten gespannten
Erregung auf die Dauer nicht ertragen läßt. So wie die lang
dauernde Unterdrückung das falsche Bewußtsein ihrer Unvermeidlichkeit
und Unabänderlichkeit erzeugt,so wird diese Unterdrückung gerade
durch dieses falsche Bewußtsein ihrer Schicksalhaftigkeit erträglicher.
Die konkrete Hoffnung wird von ihren Bezügen auf die soziale Wirklichkeit
entleert und an tagtraumhafte Erwartungen persönlicher Glücksfälle
geheftet. Wenn dieser psychische Anpassungsprozeß die Massen von
der revolutionären Theorie wegführt, wie kann man da vernünftigerweise
annehmen, deren Propagierung werde die Resignation lösen?
8.
Revolution und jugendliche Gesellschaft
Diese hier dargelegten Überlegungen
beziehen sich auf jene proletarischen Schichten, deren psychische Anpassung
und soziale Integration dem System bereits gelungen ist. Die Ausführlichkeit
der Argumentation ist gerechtfertigt, weil diese Schichten heute noch als
gesellschaftliches Gravitationszentrum wirken, das die kapitalistische
Formation zusammenhält. Es ist naher wichtig, die selbst in diesen
Schichten vorhandene potentielle revolutionäre Energie aufzuzeigen.
Die Auseinandersetzung mit diesbezüglichen Fehlvorstellungen war auch
deshalb geboten, weil die politische Praxis vieler Genossen mehr oder weniger
von der stillschweigenden Erwartung ausgeht, es werde denn Kapitalismus
auch künftig gelingen, die Integration der nachwachsenden Generationen
zu bewirken, so daß der angepaßte und integrierte Lohnabhängige
auch für die Zukunft der Prototyp sein werde, an dem sich die revolutionäre
Propaganda und Agitation zu orientieren habe. Kurz: ausgehend vom vorgefundenen
Erwachsenenbild werden die Jugendlichen von der revolutionären Theorie
nur als junge Erwachsene mit zeitlich begrenzten spezifischen Verhaltensmustern
zur Kenntnis genommen. Übersehen wird dabei, daß sich heute
im Gegensatz zu früher im Generationenkonflikt ein Widerspruch der
kapitalistischen Produktionsweise ausprägt, der den traditionellen
Anpassungs- und Integrationsprozeß in Frage stellt. Damit erfüllt
sich aber eine wesentliche Bedingung für die soziale Revolution: die
fortschreitende Desintegration der Gesellschaft.
Dazu einige Einzelheiten:
die Autorität der älteren Generation hatte früher ihre rationale
und zugleich materielle Grundlage in der Überlegenheit des Wissens
und der Erfahrung der Älteren auf technologischem, soziotechnischem
und wissenschaftlichem Gebiet. Durch die enorme Beschleunigung der sich
in Permanenz auf diesen Gebieten vollziehenden Umwälzungen repräsentieren
die Älteren heute überholtes Wissen, antiquierte Erfahrungen,
unbrauchbare Verhaltensmuster (Dequalifikation durch "moralischen Verschleiß"
von Wissen und Fertigkeiten). Der auf diesen Elementen gegründete
Autoritätsanspruch ist - auch im Sinne profitorientierter Zweckrationalität
- weitgehend irrational, also unbegründet, stellt ein soziales Trägheitsmoment
dar, das zu dem vom Konkurrenzprinzip bestimmten kapitalistischen Akkumulationsprozeß
in Widerspruch geraten ist. Der Autoritätsanspruch der Älteren
ist in dieser Lage nur noch eine Waffe zur Verteidigung ihrer materiellen
Interessen gegenüber den jüngeren. Diese sind die Träger
des für den kapitalistischen Verwertungsprozeß unentbehrlichen
aktuellen Wissens und der modernen technologischen Qualifikation und Soziopraktiken,
die aus diesem Grunde die Älteren immer schneller aus ihren Positionen
im Produktionsprozeß verdrängen, dequalifizieren und schließlich
deklassieren.
Diese Tendenz wird noch verstärkt
durch die ständig steigenden seelischen und nervlichen Belastungen
im Produktionsprozeß selbst. Sie bedingen einen gesteigerten Verschleiß
der geforderten Arbeitsfähigkeit, die mit zunehmendem Alter schließlich
nur nochunvollständig regeneriert werden kann. Diese Entwicklung wirkt
sich nachhaltig und langfristig auf die Beschäftigungsstruktur aus.
Dem widerspricht nur scheinbar die Tatsache, daß in einer Reihe von
wichtigen Industrieländern (USA und Frankreich) die Jugendlichen in
der"stockenden relativen Übervölkerung", im Arbeitslosenheer,überrepräsentiert
sind. Dieser Umstand erklärt sich in erster Linie daraus, daß
zum sozialen Besitzstand der "etablierten" Arbeiterklasse in den entwickelten
Industrieländern der entweder durch Gesetz oder die Gewerkschaften
garantierte relative Kündigungsschutz gehört, der sich im Falle
von Unterbeschäftigung in erster Linie zu Lasten der jungen Arbeiter
auswirkt (ältere Arbeiter dürfen nur ausnahmsweise gekündigt
werden: junge werden daher nicht eingestellt, von den Gewerkschaften nicht
vermittelt bzw. vor den Älteren gekündigt). Ein weiteres Moment
ist die Unzulänglichkeit des Schulsystems, das ein Überangebot
an ungelernten Arbeitern produziert. Derartige sekundäre Regulatoren
können jedoch die Entwicklung zu einer "jugendlichen Gesellschaft"
nicht aufhalten, weil diese in den ökonomischen Zwangsgesetzen der
kapitalistischen Produktionsweise beschlossen ist. Diese Tendenz beherrscht
heute bereits die zweite wichtige Sphäre der kapitalistischen Reproduktion,
die Konsumsphäre, in der die für das System lebensnotwendige
Beschleunigung des Kapitalumschlages durch das jugendliche Element vermittelt
wird - ein Umstand, der sich in den dominierenden Stereotypen der Konsumreklame
ausdrückt: "jung, dynamisch, neu, aufgeschlossen usw.", die werbepsychologisch
synonym sind.
Das notwendige Resultat dieser
Entwicklung ist eine Änderung des Bewußtseins der jugendlichen
selbst, in dem sich die veränderte Rolle der Jugend im sozio-ökonomischen
Prozeß, also ihr veränderten Sein im Spätkapitalismus widerspiegelt.
Die revolutionäre Bedeutung des veränderten Bewußtseins
hat sich in den Kämpfen der vergangenen Jahre umrißhaft gezeigt.
Die daraus zu ziehenden theoretischen Schlußfolgerungen sind noch
unzulänglich. Eines läßt sich jedoch schon mit Sicherheit
feststellen: Es hat sich in den vergangenen Jahren ein eigenes gesellschaftliches
Selbstbewußtsein der Jugend entwickelt, das sich nicht mehr auf die
"Welt der Erwachsenen", auf deren Erwartungshaltungen und Normvorstellungen
bezieht. Die Idole der Jugend, nach denen sie sich formt,bewohnen nicht
mehr die Welt der Erwachsenen; ja sie stehen meistens in erbitterter Opposition
zu dieser. Träumten früher die Jugendlichen davon, möglichst
früh "erwachsen" zu sein, ihren erwachsenen Vorbildern gleich zu werden,
so jagt ihnen heute diese Identifikation Angst ein. Sie fürchten sich
davor, "auch mal so zusein oder zu werden wie ihre 'Alten'".
Durch die im Kapitalismus
wirkenden Widersprüche sieht sich die Jugend in diesem eigenständigen
Selbstbewußtsein ständig bestätigt. Es wird widerstandsfähig
und bildet die Grundlage für Verhaltensmuster, die noch lange über
die "biologische" Jugendzeit hinaus fortwirken. An diesem Selbstbewußtsein
stumpfen die hauptsächlichen Anpassungsinstrumente der Gesellschaft,
Elternhaus, Schule und Kirche, schnell ab. Die übrigen gesellschaftlichen
Zwangsmechanismen, die normalerweise die in anderen Bereichen bereits erzielte
Anpassung nur noch zu stabilisieren hatten, treffen heute in zunehmendem
Maße auf unangepaßtes Verhalten. Durch das neue "Jugendbewußtsein"
kommen eine ganze Reihe von jugendspezifischen "unangepaßten" Verhaltensweisen
und Lebensinhaltsvorstellungen zur Geltung, die von den Jugendlichen bewußt
vertreten und gegen Angriffe verteidigt werden. In der Jugend entsteht
einen Ideologie der Anpassungsverweigerung, die - so konfus sie im einzelnen
auch sein mag - heute schon breite Massen ergriffen hat.
In einer Klassengesellschaft
hat diese Ideologie notwendig Klassencharakter. Da sie als Ausdruck eines
existenziellen Interesses der jugendlichen die Absage an die für den
kapitalistischen Verwertungsprozeß geforderten Verhaltensweisen zum
Gegenstand hat, ist sie tendenziell antikapitalistisch und revolutionär.
Sie ist verbunden mit der für Jugendliche kennzeichnenden Bereitschaft
zu aggressiver Äußerung bis hin zur Gewaltanwendung in großem
Maßstab. Dort ist in erster Linie das Potential für revolutionäre
Gewaltanwendung zu suchen und zu finden.
"In den Fabriken, wenn es
darum geht, den Streik und die Besetzungen zu organisieren oder sich mit
den C R S zu schlagen, in den Universitäten, auf der Straße,
in den Oberschulen, überall ist die Jugend bei weitem am entschiedensten.
Ähnlich verhält es sich mit den jungen Ingenieuren und technischen
Kadern, die an der Bewegung teilnahmen wie niemals bei einem Streik zuvor
(denkt an Saclay! der Verf.)", schreibt Andrè Glucksmann über
die Erfahrungen der Mairevolution in Frankreich.
Die neue Qualität des
Generationenkonflikts wird auch von André Gorz gesehen: "Die Radikalisierung
der Jugendlichen unter 25 Jahren ist eine weltweite Erscheinung und hat
in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern denselben Inhalt.
Das weist schon darauf hin, daß es sich bei der Maibewegung um etwas
Grundsätzliches und durch aus nicht Nebensächliches handelt ...
Ihre Radikalisierung kann man meiner Meinung nach nur verstehen, wenn man
ausgeht von der sich überstürzenden Entwicklung, die sich seit
10 Jahren auf dem Gebiet der Technik, der Wissenschaft und der Politik
vollzieht ... Die Beschleunigung der Entwicklung auf wissenschaftlichem,
technischem und kulturellem Gebiet hat unter anderem zur Folge, daß
sich Kinder und Jugendliche in ihrer Lebensweise stärker als bisher
von ihren Eltern absetzen; zudem sind sie besser informiert, sie gehen
durch eine andere Ausbildung und haben eine andere Zukunft vor sich. Was
für die Jugendlichen bereits selbstverständlich ist und ihr gegenwärtiges
und weiteres Leben nachhaltig beeinflußt (ob es sich dabei nun um
Lehrmethoden auf dem Gebiet der Mathematik oder der Sprachen handelt, um
Konsumgüter, um den technischen Charakter der Geräte, mit denen
sie täglich zu tun haben, oder um das Angebot an Ideologien und die
Produkte der Kulturindustrie), das ist für die älteren ein Buch
mit sieben Siegeln. Daher erklärt sich, daß das Bezugssystem
der älteren völlig überholt ist. Dies hat zur unmittelbaren
Folge, daß die Autorität der Eltern ins Wanken gerät und
Erfahrungen, die sich als' Lebensweisheit' ausgeben, nichts mehr wert sind.
Dieselben Faktoren geben der Jugendrevolte ihr besonderes Gepräge.
Das Althergebrachte,statt wie bisher Achtung einzubringen, bekommt einen
eher negativen als positiven Wert: es wird Symbol für das Überholte,
das Unverständnis, für die Ahnungslosigkeit gegenüber der
augenblicklichen Entwicklung, für die Fixierung an vergangene Niederlagen
und Irrtümer. Dieser objektive Autoritätsverlust der älteren
Generation erlaubt die Ablehnung jeder Autorität, die den Ansprucher
hebt, auf tradierter Erfahrung zu beruhen; er ist zu einer Protesthaltung
gegenüber der Autorität der Eltern, Lehrer, Institutionen etc.
geworden."
Der erhellende Gedanke findet
sich bei Andrè Glucksmann: "Der Kampf der Studenten enthält
die Rebellion der modernen Produktivkräfte in ihrer Gesamtheit gegen
die bürgerlichen Produktionsverhältnisse in sich und verleiht
ihr öffentlichen Ausdruck." Glucksmann hat auch die, nach unserer
Meinung, richtige theoretische Vermittlung dieses Gedankens angedeutet.
Der antagonistische Widerspruch in der kapitalistischen Produktionsweise
zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung ist nach
Marx nur eine besondere, historische Erscheinungsweise des über die
kapitalistische Gesellschaftsformation hinausreichenden Widerspruchs zwischen
vergangener, vergegenständlichter, angehäufter Arbeit und unmittelbarer,
lebendiger Arbeit. Das bewegende Element ist die lebendige Arbeit, sind
die lebendigen Produktivkräfte, die in der revolutionären Aktion
die "zu kleingewordenen" Produktionsverhältnisse sprengen. Diese revolutionäre
Produktivkraft ist das Proletariat.
"Von allen Produktionsinstrumenten
ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse
selbst." Innerhalb dieser Produktivkraft selbst vollziehen sich im Laufe
ihrer Geschichte strukturelle Veränderungen, die den Charakter des
Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen
wandeln und den Gegensatz verschärfen. Die politische Arbeiterbewegung
ist den jeweiligen Strukturänderungen gefolgt, wobei jeweils die im
sozio-ökonomischen Bezugssystem dominierende Schicht der Arbeiterklasse
den politischen Charakter der Bewegung weitgehend prägte.
Im Beginn der kapitalistischen
Entwicklung auf der Grundlage der einfachen Warenproduktion wurde die Lohnarbeiterklasse
repräsentiert von den Handwerksgesellen, denen der Zugang zur Zunftmeisterschaft
und damit zur selbständigen Existenz als Warenproduzenten verwehrt
war. Sie organisierten sich gegen die Zunftmeister in Gesellenvereinen
als politischem Ausdruck der Arbeiterbewegung. Mit dem weiteren Zerfall
der handwerklichen Warenproduktion entwickelte sich die Manufaktur und
mit ihr ein neuer Arbeitertypus, der zum bestimmenden Element der Arbeiterklasse
wurde. Obwohl die Schicht der Handwerksgesellen noch neben den Manufakturarbeitern
weiterbestand, prägten jetzt diese und nicht die Zunftgesellen den
Charakter der politischen Arbeiterbewegung (Maschinenstürmerei). Als
sich das Fabriksystem durchsetzte, änderte sich die Struktur der Arbeiterklasse
abermals. Die Industriearbeiterschaft der klassischen Periode des Kapitalismus
trat auf den Plan und schuf die revolutionäre Arbeiterbewegung, die
fortan die Szene bestimmte.
Im Schatten des industriellen
Handarbeiters entwickelte sich die Rolle des "Kopfarbeiters", der durch
die dritte industrielle Revolution zur Schlüsselfigur der weiteren
Entwicklung der Produktivkräfte wurde. In der Tendenz "verschwindet
die unmittelbare Arbeit und ihre Quantität als das bestimmende Prinzip
der Produktion ... und wird sowohl quantitativ zu einer geringen Proportion
herabgesetzt, wie qualitativ als ein zwar unentbehrliches, aber subalternes
Moment gegen die allgemeine wissenschaftliche Arbeit, technologische Anwendung
der Naturwissenschaften nach der einen Seite, wie gegen die aus der gesellschaftlichen
Gliederung in der Gesamtproduktion hervorgehende allgemeine Produktivkraft."
Diese abermalige Strukturänderung
innerhalb der Arbeiterklasse in aus den bereits dargelegten Gründen
notwendig mit einer Akzentverschiebung zugunsten des jugendlichen Teils
dieser Klasse verbunden. In der Studentenschaft treffen beide Aspekte -
Jugend und künftiger Kopfarbeiter - zusammen. Darin dürfte ihr
bestimmter Einfluß auf die wiederbelebte revolutionäre Arbeiterbewegung
begründet sein. So gesehen ist die handarbeitende Industriearbeiterschaft
tendenziell eine Restschicht, die auf Schritt und Tritt ihren vor organisatorischen
Zusammenhalt, der mit der Massierung großer Arbeiterarmeen unter
dem einheitlichen Kommando eines Unternehmers gegeben war und der die politische
Schlagkraft des Industrieproletariats ausmachte, verlieren wird, die darüberhinaus
im weiteren Verlauf der industriellen Revolution auch von dem unmittelbaren
Zugriff auf die entscheidenden ökonomischen Hebel verdrängt werden
wird. Ausdruck dieser Entwicklung ist unvermeidlich eine" Deklassierung"
des industriellen Handarbeiters in den politischen Arbeiterorganisationen
selbst. Über diesen Zustand wird man auch mit romantischen Schwärmereien
und mit dem begeisterten Beifall nicht hinweg täuschen können,
der jedem Arbeiter zuteil wird, der irgendwo und irgendwann einmal das
Wort ergreift - egal was er sagt (der Beifall brandet regelmäßig
schon nach dem ersten Satz auf, wenn sich der Redner vorstellt: Ich bin
ein Arbeiter).
Die strukturellen Veränderungen
der in der Arbeiterklasse gegebenen Produktivkraft bringen zahlreiche bisher
untergeordnete und unentwickelte Widersprüche in den Brennpunkt der
Klassenauseinandersetzung. Die Jugend ist im gesellschaftlichen Prozeß
zu einem positiven, treibenden Moment geworden, "aber die bürgerliche
Gesellschaft bestimmt sie negativ,indem sie sie von sich ausschließt.
Der Jugendliche haust in der Gesellschaft, ohne in ihr zu wohnen, er wird
von ihr ausgebeutet, ohne in sie 'integriert' zu sein. Die kapitalistische
Wirtschaft und die staatliche Verwaltung errichten ihren partikularen und
variablen Bedürfnissen entsprechend Grenzpfähle, wobei das umstrittene
Gebiet mal größer, mal kleiner wird ..."
Aufgrund der veränderten
sozialen Rolle der Jugend hat deren Sturm auf diese Grenzpfähle aus
einer vergangenen Epoche eine ganz andere Wucht und eine unmittelbare revolutionäre
Bedeutung, weil der Widerstand der zur Fessel gewordenen Produktionsverhältnisse
gegen die höherentwickelten Produktivkräfte bzw. gegen deren
Entfaltung die Notwendigkeit der Beseitigung dieser Produktionsverhältnisse
in das Aktionsfeld der Jugend rückt. Ein wesentlicher Teilaspekt der
Krise des kapitalistischen Systems ist sein offensichtliches Unvermögen,
das Bildungswesen den Anforderungen der modernen Technologie anzupassen,
ohne sich selbst in Frage zu stellen. Hier tritt zur Zeit der Fesselungseffekt
der historisch überholten Produktionsverhältnisse am deutlichsten
in Erscheinung; man braucht sich nur einmal den für das vor uns liegende
Jahrzehnt errechneten Bildungsbedarf der Gesellschaft und deren ebenfalls
ziemlich exakt zu berechnende mögliche Bildungsleistung zu vergegenwärtigen.
Eine notwendige Bedingung
der Herrschaft des Kapitals ist das Bildungsprivileg einer Minderheit,
die als Schicht mit den besitzenden Klassen verbundenen ist. Der explosiv
ansteigende Bedarf an intellektueller Arbeit baut zwangsläufig das
Bildungsprivileg ab (in den USA sind heute schon 6 Mill. Studenten registriert;
in der Landwirtschaft der USA sind zur gleichen Zeit nur noch 5,5 Mill.
Personen einschließlich der selbständigen und helfenden Familienmitglieder
erwerbstätig; legt man eine durchschnittliche Ausbildungsdauer von
5 Jahren zugrunde, ergibt sich schon auf dieser Grundlage ein ganz erheblicher
Anteil der Hochschulabsolventen an der Erwerbsbevölkerung; die Tendenz
ist nach wie vor steigend; nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhang
auch die Tatsache, daß in den USA die Arbeitsplätze für
ungelernte Arbeiter von einstmals 13 Mill. auf weniger als 4 Mill., wahrscheinlich
sogar weniger als 3 Mill. zurückgegangen sind).
Der rasche technologische
Wandel und die Wucht der Wissenslawine läßt einmal gelerntes
Faktenwissen schnell veralten und unbrauchbar werden. Das Schwergewicht
der Ausbildung muß folglich auf ein möglichst breites interfakultatives
Grundlagenstudium und ein intellektuelles Training im Sinne der Förderung
einer kritischen Lernhaltung, einer flexiblen und vielseitigen Lernfähigkeit
und der Lerninitiative gelegt werden. Das Resultat einer solchen Ausbildung
wäre eine kritische Rationalität, die ihre Träger auf Schritt
und Tritt in Konflikt brächte mit der autoritär- hierarchischen
Gliederung der Gesellschaft und der profitorientierten Zweckrationalität
des Kapitalverwertungsprozesses, die auf gesellschaftliche Interessen bezogen
extreme Irrationalität ist. Dieser Widerspruch berührt die Herrschaftsinteressen
der Besitzenden unmittelbar. Er ist daher innerhalb des kapitalistischen
Systems nicht lösbar.
Gegenüber dieser Entwicklung
muß sich tendenziell auch die bisher gegenüber der Intelligenzschicht
geübte Bestechungspraxis als unwirksam erweisen. Das Wesen der Bestechung
bzw. ihrer Wirkungsweise ist der von der Masse (und damit von deren Interessen)
absondernde Charakter der Zuwendung, nicht deren absoluter Betrag. Die
Bestechung soll komplicenhaftes Einverständnis mit der Herrschaft
gegen die Unterdrückten schaffen. Eine ohne sie vorhandene Interessengemeinschaft
wird aufgebrochen und der in der Konkurrenz um die Gratifikation entstehende
Interessengegensatz der Herrschaft dienstbar gemacht. In dem Maße,
wie sich die Intelligenzschicht ausweitet und ihre Bedeutung auf allen
Gebieten zunimmt, müßten auch die Bestechungsleistungen ausgeweitet,
d. h. verallgemeinert werden. Unter diesen Bedingungen schlagen sie um
in eine allgemeine Lohnanhebung für eine bestimmte Schicht der Lohnarbeiterklasse,
deren gemeinsames Klasseninteresse damit eben gerade nicht mehr partikularisiert
werden könnte.
Aus allem folgt, daß
die Jugend allgemein und die junge Intelligenz in besonderer Weise von
einer schnell zunehmenden Verschärfung der Klassenwidersprüche
betroffen ist und von ihr auch in Zukunft - und zwar mit steigender Tendenz
- ein kämpferische antikapitalistisches Engagement zu erwarten ist.
Die revolutionäre Avantgarde muß auf diese Entwicklung eingehen.
9.
Die revolutionäre Organisation des Proletariats im und durch den bewaffneten
Kampf schaffen!
Es ist schlecht für
die Revolutionäre, wenn sie nicht begreifen,daß die revolutionäre
Theorie die Massen nur dann ergreift, wenn sich ihnen anschauliche Möglichkeiten
zu konkreter, revolutionärer Veränderung ihres Alltages entsprechend
ihren Bedürfnissen eröffnen. Nun scheint man sich allseitig zu
dem Irrtum überredet zuhaben, revolutionäre Änderungen würden
ausnahmslos erst durch die Lösung der Machtfrage im gesamtgesellschaftlichen
Maßstab möglich, wobei die Machtergreifung durch das Proletariat
als ein mehr oder weniger scharf eingegrenztes Ereignis und nicht als ein
langwieriger,teils stetiger, teils sprunghafter Prozeß begriffen
wird.
Die inzwischen siegreich
beendeten revolutionären Volkskriege in verschiedenen Ländern
haben Energien jedoch gerade aus den revolutionären Veränderungen
gezogen, die schon während des langdauernden Krieges verwirklicht
wurden, die also schon vor der endgültigen Lösung der Machtfrage
durchgesetzt werden konnten. Es ist unlogisch, den Überlegungen, welche
revolutionären Strukturänderungen von den Massen in den kapitalistischen
Industrieländern schon vor der "Machtübernahme" erkämpft
werden können, mit dem Hinweis zu begegnen, in China, Indochina und
Kuba seien revolutionäre Reformen während des Volkskrieges jeweils
nur in befreiten Gebieten durchgeführt worden, uns aber weder eine
antifeudalistische Landreform ins Haus stehe noch die Schaffung befreiten
Gebiete nach dem Vorbild der revolutionären Bewegungen in halbfeudalen
Agrarländern möglich sein werde.
Das praktische revolutionäre
Beispiel ist der einzige Weg zur Revolutionierung der Massen, die eine
geschichtliche Chance zur Verwirklichung des Sozialismus beinhaltet. Dabei
ist "die Eroberung der Macht der Endpunkt eines Prozesses, dessen erste
Voraussetzung der revolutionäre Kampf einer Minderheit und die zweite
die Bildung einer Mehrheit durch den Kampf wäre." Die chinesische
Revolution ist diesen Weggegangen. In ihr hat sich der Widerspruch zwischen
Avantgarde- Organisation und Spontaneität der Massen gelöst in
der Einheit von Organisationsbildung und unmittelbarer Teilnahme der Massen
an dem von der Avantgarde- Organisation geführten revolutionären
Kampf. Die Notwendigkeit für die Revolutionäre, "in den Massen
zu schwimmen wie ein Fisch im Wasser", bewirkte die politische und organisatorische
Durchdringung von Avantgarde und Masse zu einer dialektischen Einheit,
die eine neue geschichtliche Qualität darstellt. Die Tatsache,daß
die Massen, auch soweit sie nicht zu den Reihen der Partei und der Roten
Armee standen, schon im Beginn des langjährigen revolutionären
Prozesses als aktives, auf die eigene Initiative angewiesenes Element in
den Aufbau der revolutionären Organisation ( Rekrutierung von Freiwilligen
für die Rote Armee, Aufstellung von Selbstschutzverbänden und
regionalen Truppen, schließlich die selbständige Organisierung
und Durchführung von Partisanenaktionen, die Ausbildung örtlicher
Machtorgane zur Durchführung der Landreform usw.) und zugleich in
die revolutionären Kämpfe selbst einbezogen wurden, schuf einen
neuen Revolutionstypus, der die moralische, politische und militärische
Widerstandsfähigkeit und Kontinuität der Bewegung in China erklärt.
Haben die Ereignisse in Frankreich
im Mai 1968 etwa nicht gezeigt, daß der Widerspruch zwischen Organisation
und Spontaneität das zentrale Problem der Revolution ist? Die seitdem
zu neuer Aktualität gelangten Debatten über dieses Problem zeigen
überdeutlich, daß die Synthese der Gegensätze nicht dadurch
erreicht wird, daß man entweder die eine oder die andere theoretische
Position einnimmt - hier Luxemburg, dort Lenin; in der Mitte vielleicht
noch Trotzki - bzw. die Organisationsfrage durch eine Neuauflage des Anarchismus"liquidiert",
sondern allein durch das praktische Moment desrevolutionären Kampfes
Rosa Luxemburg hat lange vor der chinesischen Revolution diese Erkenntnis
vorformuliert: "Es ist eben eine ganz mechanische, undialektische Auffassung,
daß starke Organisationen dem Kampfe immer vorangehen müssen.
Die Organisation wird auch umgekehrt selbst im Kampfe geboren, zusammen
mit der Klassenaufklärung."
Wir müssen also einen
Angriff unternehmen, um das revolutionäre Bewußtsein der Massen
zu wecken. Unvermeidlich treffen wir dabei auf den Widerstand, den das
falsche Bewußtsein zur Aufrechterhaltung der Anpassung, zur Erhaltung
des mühsam erworbenen seelischen Gleichgewichts in der Unterdrückungssituation
mobilisiert. Dieser Widerstand - in bestimmter Weise dem mechanischen Trägheitsmoment
vergleichbar - ist der Statthalter des Ausbeutersystems in den Köpfen
der Unterdrückten. Die Bomben gegen den Unterdrückungsapparat
schmeißen wir auch in das Bewußtsein der Massen.
Mit der Problematik des Widerspruchs
zwischen Organisation und Spontaneität aufs engste verknüpft
und von entscheidender praktischer Bedeutung ist das uralte Problem der
Ungleichzeitigkeit des revolutionären Aufbruchs der Massen. Die Geschichte
der Arbeiterbewegung - speziell der deutschen - hallt wider von dem Gezänk
der "Führer", die bei jeder spontanen Massenaktion, bei jedem wilden
Streik größeren Ausmaßes, bei jeder Barrikade, die irgendwo
im Lande errichtet wurde, orakeln mußten, ob "die revolutionäre
Situation herangereift sei" und von der Zentrale das Signal zum allgemeinen
Aufstand gegeben werden solle oder nicht. Nie konnten sie sich einigen.
Allein Lenin hat sich in einer Sternstunde durchsetzen können - gegen
den Widerstand anderer Führer. Das Dilemma, keine wissenschaftlich
fundierten Kriterien für die Fälligkeit des "Startschusses" in
einer Revolution benennen zu können, war allen bewußt. Lenins
Formel, die Revolution sei herangereift, "wenn die oben nicht mehr können,
und die unten nicht mehr wollen", transformiert das Problem lediglich auf
eine literarische Ebene- löst es aber nicht. Das Problem der Ungleichzeitigkeit
stellt sich nicht, wenn sich die Revolution aus dem Partisanenkrieg zum
Massenaufstand entwickelt. "Die Partisaneneinheit entsteht aus dem Nichts.
Sie entwickelt sich aus etwas Kleinem zu etwas Großem." Die Partisanenarmee
kämpft jeweils mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften
und entwickelt diese durch den Kampf zu größeren Einheiten.
Aus der Quelle wird der Bach, aus dem Bach der Fluß, aus dem Fluß
der Strom, der schließlich mit seiner gewaltigen Wucht das Unterdrückungssystem
wegreißen wird.
Das Warten auf die revolutionäre
Situation und das unvermeidliche und verhängnisvolle Zögern,
wenn sie eingetreten ist, gehören nach den Erfahrungen der Volkskriege
einer vergangenen, noch unreifen Epoche der Revolutionsgeschichte an. Waren
diese Haltungen vor der chinesischen Revolution Ausdruck einer unreifen
geschichtlichen Erfahrung, in diesem Sinne unvermeidliche Fehler, so sind
sie heute vermeidliche Fehler, schlichtes Versagen, Ausdruck einer unentschuldbaren
Lernfaulheit.
Es werden Legionen von "Marxisten"
anrücken, die mit ganzen Batterien von Marx- Zitaten "nachweisen"
werden, daß der hier gezeigte Weg "reines Abenteurertum", " Blanquismus","Putschismus",
"Anarchismus" sei. Nun gut. Die Ismen- Krämerei überlassen wir
gern den Schriftgelehrten; wenn wir nur der Revolution in Deutschland einen
Schritt näher kommen. "Armer Marx und armer Engels, welcher Mißbrauch
ist schon mit Zitaten aus ihren Werken getrieben worden!" Jene werden die
Erfahrungen der chinesischen, indochinesischen, algerischen, kubanischen,
uruguayischen, venezolanischen, bolivianischen, brasilianischen, argentinischen,
US-amerikanischen Revolution mit einer Handbewegung wegwischen und wichtigtuerisch
darlegen, daß bei uns die Verhältnisse eben andere seien - als
ob wir das nicht wüßten. Die Unterschiede sind erheblich für
die Taktik. Sie berühren aber nicht die strategische Perspektive.
Doch in Deutschland hat die
Drückebergerei Tradition. Hieß es bis 1919 stets, daß
die deutschen Arbeiterbewegung die fortgeschrittenste sei, der unvermeidlich
die Macht in nächster Zukunft wie eine reife Frucht in den Schoß
fallen werde, und es daher nicht derart barbarischer Klassenkämpfe
bedürfe, wie sie das "rückständige" Proletariat in Rußland
gegen seine Feinde führte; so hatte man nach 1945 den Kretinismus
der Sozialdemokratie als Alibi für das mit Verzweiflung und Resignation
drapierte Nichtstun entdeckt. Richtig daran ist nur soviel, daß es
zu einer Zeit, als in keiner sozialen Schicht das Bewußtsein von
der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution lebendig war und nur einige
Individuen ( Agartz, Abendroth und wenige mehr)auch im Spätkapitalismus
die antagonistischen Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise
wirken sahen, an den Beginn revolutionärer Kampfhandlungen nicht zu
denken war.
Seit der Revolutionierung
der Studenten als Fraktion des Proletariats hat sich die Lage grundlegend
gewandelt. Wer heute noch mit dem angeblichen Kretinismus der Arbeiterbewegung
argumentiert und fortfährt, "sich seinen dicken Bauch zu reiben, während
er kräftig denen applaudiert, die weit weg von hier schon lange begriffen
hatten und auf internationaler Ebene den Kampf gegen die Unterdrückung
aufgenommen haben", der wird unversehens selbst zum Kretin.
10.
Die Angst vor dem Faschismus überwinden, um seine Wurzeln zu vernichten!
In bestimmten Kreisen der
"Linken" hat auch ein weiterer Einwand hohen Kurswert: die Verschärfung
des Klassenkampfes von unten durch militante Minderheiten beschleunige
den Faschisierungsprozeß, ermuntere die Herrschenden zum faschistischen
Staatsstreich und gebe für diesen einen plausiblen Vorwand her; dadurch
werde die Legalität der propagandistischen und organisatorischen Arbeit
in den Massen, also auch deren Mobilisierung gefährdet. Wer so argumentiert,
betrachtet die Bedingungen des Klassenkampfes aus dem Kopfstand heraus.
Die bürgerlich-parlamentarische
Demokratie, der liberale Rechtsstaat sind das Ergebnis der antifeudalen,
bürgerlich-demokratischen Revolutionen. Nutznießer ihrer Errungenschaften
waren in erster Linie die bürgerlichen Fraktionen des Konkurrenzkapitalismus.
Diesen erwuchs mit der Entwicklung der industriellen Produktion im städtischen
Fabrikproletariat ein antagonistischer Gegenspieler, dessen ökonomische
und politische Kämpfe in der ersten Phase der Auseinandersetzung darauf
zielten, die bürgerlichen Freiheiten ihres Charakters als Klassenprivilegien
dadurch zu entkleiden, daß sie verallgemeinert wurden.
Die sozialökonomisch
bedingte Scheinhaftigkeit der bürgerlichen Gleichheits- und Freiheitsprinzipien
konnte vom Proletariat im Entstehungsstadium seines organisierten Klassenkampfes
noch nicht durchschaut werden; dazu bedurfte es erst der Erfahrungen dieses
Kampfes selbst. Der Hauptwiderspruch der Klassenkämpfe jener Epoche
bestand darin, daß die Interessen des Proletariats tendenziell einen
Kompromiß mit dem Kapital ausschließen - Ausbeutung und Unterdrückung
sind erst mit der Beseitigung der Herrschaft des Menschen über den
Menschen, also mit dem Kapitalverhältnis selbst überwunden -,
das Kapital jedoch zu Kompromissen fähig war. Die Klassenkämpfe
mündeten so in Arrangements, die den Arbeitern zwar formale Rechte
und soziale Verbesserungen brachten, die ökonomischen und politischen
Grundlagen des Kapitalismus aber nicht antasteten. Wenn es gilt, den organisierten
Schlägen des Proletariats auszuweichen und den revolutionären
Prozeß unter Kontrolle zu bekommen, kann das Kapital bis zu dem Punkt
zurückweichen, wo seine Verwertung unmöglich und seine Herrschaft
in Frage gestellt werden. Es kann um so mehr formelle Freiheiten zugestehen,
je entwickelter die kapitalistische Produktionsweise ist.
"Im Fortgang der kapitalistischen
Produktion entwickelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, Tradition,
Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche
Naturgesetze anerkennt. Die Organisation des ausgebildeten kapitalistischen
Produktionsprozesses bricht jeden Widerstand, die beständige Erzeugung
einer relativen Übervölkerung hält das Gesetz der Zufuhr
von und Nachfrage nach Arbeit und daher den Arbeitslohn in einem den Verwertungs
Bedürfnissen des Kapitals entsprechenden Gleise, der stumme Zwang
der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten
über den Arbeiter. Außer ökonomische,unmittelbare Gewalt
wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise. Für den gewöhnlichen
Gang der Dinge kann der Arbeiter den ' Naturgesetzen der Produktion' überlassen
bleiben, d. h. seiner aus den Produktionsbedingungen selbst entspringenden,
durch sie garantierten und verewigten Abhängigkeit vom Kapital."
Auch bei der Verteilung des
gesellschaftlichen Mehrprodukts steht dem Gesamtkapitalisten ein beträchtlicher
Verhandlungsspielraum zur Verfügung, durch dessen Ausschöpfung
er die "legale Periode" seiner Herrschaft, das parlamentarische Regime,
und damit seine Existenz überhaupt zeitlich ausdehnen kann. Jedes
Abkommen mit dem Kapital bezahlt das Proletariat mit einer - jedenfalls
zeitweiligen - Anerkennung der Spielregeln der kapitalistischen Gesellschaft.
Erst allmählich stößt es an deren Grenzen und Konzessionsmöglichkeiten.
In diesem Grenzbereich versteift sich der Widerstand des Kapitals. Die
Klassenkämpfe spitzen sich zu und nehmen einen unversöhnlichen
Charakter an. Die im 20. Jahrhundert sich massenhaft ereignende Liquidation
des bürgerlichen Rechtsstaates und der parlamentarischen Demokratie
(Italien, Spanien, Deutschland, Österreich, Griechenland usw.) beweist,
daß das Kapital nicht zögert, jeden sozialen Kompromiß
über den Haufen zu werfen und zu offen-gewaltsamen Formen der Herrschaftsausübung
überzugehen, wenn seine Existenz als Klasse auf dem Spiel steht. Wohlgemerkt,
es liegt im eigenen Interesse des Kapitals, die verschleierten Formen der
Klassenherrschaft so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, weil in
ihnen mehr klassenkämpferische Energien des Proletariats kanalisiert,
in das kapitalistische System integriert und auf systemerhaltende Reformen
abgelenkt werden können als durch eine faschistische Diktatur, die
notwendig größeren Gegendruck erzeugt, die Unversöhnlichkeit
des Klassengegensatzes stärker zum Bewußtsein bringt und die
Machtreserven des Systems erschöpft. Die terroristische Diktatur ist
- auch wenn sie schließlich unvermeidlich - im wohlverstandenen Interesse
des Kapitals höchst unerwünscht, nur eine "Notbremse". Sie signalisiert
stets eine Verschärfung des Klassenkampfes von unten, die gekennzeichnet
ist durch brutalere Anstrengungen des Kapitals, sich an der Macht zu halten.
Ist das schlecht? Muß man angesichts dieser Entwicklung verzagen
und in Wehklagen ausbrechen?
Wenn der Feind seine Kräfte
anstrengen muß, um die unterdrückten Klassen niederzuhalten,
so ist das nicht schlecht, sondern gut; zeigt es doch, daß das Proletariat
wuchtige Schläge gegen den Klassenfeind führt, die ihn zittern
machen. Der Faschismus ist ein großes Übel, das größte
aller kapitalistischen Übel. Aber die Angst vor dem Faschismus ist
schon ein Teil seiner Herrschaft. Das Proletariat darf ihn nicht fürchten,
sondern muß ihn bekämpfen und sich auf diesen Kampf vorbereiten.
Ganz falsch wäre es, aus Angst vor dem Faschismus auf die Zuspitzung
des Klassenkampfes zu verzichten; denn das hieße, dem Kapitalismus
kampflos das Feld überlassen, seine Herrschaft garantieren, bis er
durch seine Widersprüche die Menschheit in eine Katastrophe reißt,
die in der Barbarei endet.
Es wäre der Selbstmord
aus Angst vor dem Tode. Man fühlt sich an den bildlichen Vergleich
Brechts mit den Kälbern erinnert. Zieht die Herde friedlich auf dem
ihr zugewiesenen Weg ins Schlachthaus, brauchen die Treiberden Stock nicht
zu schwingen. Je entschlossener sie aber von diesem Weg wegdrängt,
um so heftiger wird der Knüppel tanzen. Die "Linke" in Europa ist
im Begriff, angesichts der faschistischen Bedrohung die Fehler der Vergangenheit
zu wiederholen.
" Durch die Ablehnung, sich
in den Prozeß einzuschalten, ... haben die Reformisten und Neureformisten
sich immer selbst dazu verurteilt, jede revolutionäre Aktion als eine'
Provokation' die die Massen schwächt und 'die Reaktion stärkt',
zu betrachten. Das war die stereotype Formel der deutschen Sozialdemokratie
in den Jahren 1919, 1920, 1923 und 1930 bis 1933. Es war der Fehler der
'linken Abenteurer, der Anarchisten, Putschisten, Spartakisten, Bolschewisten'
..., wenn die Bourgeoisie in der konstituierenden Versammlung von Weimar
die Mehrheit bekommen hat, denn ihre 'gewaltsamen Aktionen' haben 'das
Volk erschreckt',seufzten die Scheidemann 1919. Es war der Fehler der Kommunisten,
wenn die Nazis immer stärker wurden, denn durch die Drohung der Revolution
sind die Mittelklassen in das Lager der Konterrevolution getrieben worden,
wiederholten sie 1930-1933." Damit nicht genug. Die damals als "Provokateure"
Geschmähten, die kommunistischen Parteien, die 1933 das deutsche Proletariat
gegenüber dem Faschismus wehrlos ließen, weil sie glaubten,
diesen werde in drei Monaten abgewirtschaftet und den Boden für die
sozialistische Revolution bereitet haben, eben diese " Kommunisten" denunzieren
heute jene, die, indem sie kämpften, im Mai 1968 die stärksten
und lebendigsten Hoffnungen auf eine sozialistische Revolution geweckt
haben, als "agents provocateurs".
Die "L'Humanitè" titulierte
in deutlicher Anspielung auf ein nationalistisches Ressentiment Daniel
Cohn Bendit als "deutschen Anarchisten" - "Cohn Bendit nach Dachau!" echote
die Reaktion; Sèguy hetzte gegen "unruhestiftende Elemente und Provokateure".
Nachdem Arbeiter und Studenten gemeinsam und zum Teil erfolgreich die von
Streikenden besetzten Renault-Werke bei Flins gegen die CRS verteidigt
hatten,schrieb "L'Humanitè" unter der Schlagzeile "Die Geismar-Gruppen
organisieren eine Provokation gegen die Streikenden von Renault": "Die
militärisch organisierten Geismar- Kommandos sind jetzt zur Provokation
gegen die Arbeiterbewegung übergegangen. Sie kommen den Gaullisten
zu Hilfe, sie machen sich zu Komplicen der Renault- Direktion und der Herrschenden,
zu Komplicen der Unternehmer der Metallindustrie." Das Büro der CGT
warf General de Gaulle vor: "Er hat vergessen, die wahren Urheber der Krawalle
und Provokationen zu nennen, deren Machenschaften, einschließlich
derer gegen die Wiederaufnahme der Arbeit, von der Regierung mit einzigartigem
Wohlwollen gesehen werden."
Eine kaum mißzuverstehende
Aufforderung an den Staat, die Revolutionäre des Mai 1968 "zur Verantwortung
zu ziehen". Ekelhaft - Doch Verrat und Verleumdung dürfen den Blick
für die geschichtlichen Entwicklungslinien nicht trüben, damit
das Proletariat in Deutschland nicht ein zweites Mal dem Faschismus wehrlos
in die Hände fällt: "Der revolutionäre Fortschritt bricht
sich Bahn in der Erzeugung einer geschlossenen und mächtigen Konterrevolution,
d.h. indem er den Gegner zwingt, sich zu seiner Verteidigung immer extremerer
Mittel zu bedienen, und so immer machtvollere Mittel des Angriffs entwickelt."
Hört ihr? Marx spricht
von Angriff. Er lehrt uns, daß der revolutionäre Fortschritt
unvermeidlich die Konterrevolution erzeugt. Wer nur darauf bedacht ist,
den jämmerlichen Rest von bürgerlichen Scheinfreiheiten zu verteidigen,
der muß allerdings den revolutionären Fortschritt fürchten
wie die Pest, denn er führt zum Widerruf der kleinen Konzessionen
des Kapitals, die ja nur gemacht wurden, um die Revolution zu verhindern.
Es ist nicht die Stärke der proletarischen Klassenbewegung, die den
Faschismus bannt, sondern die Schwäche der revolutionären Tendenzen,
die ihn entbehrlich macht. Und merkt euch: " Die Unfähigkeit zur Gewaltanwendung
schlägt um in die Ohnmacht gegenüber dem Faschismus."
Die Massen zur antikapitalistischen
Aktion mobilisieren, ohne gleichzeitig die Bedingungen einer erfolgreichen
militärischen Gegenwehr gegen den Faschismus zu entwickeln, heißt
die eigenen Soldaten ohne Gewehre in den Krieg schicken: das ist Abenteurertum,
ein unverzeihliches Verbrechen an der Arbeiterklasse. Redet nicht länger
darüber, wie der Faschismus zu verhindern sei; denn er ist nicht zu
verhindern- aber er ist besiegbar. Denkt darüber nach, was getan werden
muß, um ihn endgültig niederzuwerfen und handelt danach!
Die entscheidende Faschisierungsphase
wird für Europa vermutlich einsetzen, wenn der Faschismus in den USA
zur bestimmenden politischen Tendenz geworden ist. Die ökonomische
und soziale Krise, die ihn dort auf die Tagesordnung gesetzt hat, ist deutlich
sichtbar: Zum einen hat die US-Wirtschaft ihr Produktivitätsmonopol
auf dem Weltmarkt und damit tendenziell ihre Wettbewerbsfähigkeit
verloren. Nachdem die europäische und japanische Konkurrenz auf fast
allen wichtigen Gebieten das technologische Niveau der USA eingeholt hat,
kann das US- Kapital die drei- bis fünffach höheren Reallöhne
nicht mehr verkraften. Es ist gezwungen, einen umfassenden Angriff auf
die Einkommen der amerikanischen Arbeiterklasse zu führen. Zum anderen
ist den amerikanischen Großstädtern durch die notwendig wachsende
"öffentliche Armut" ein zunehmendes Siechtum beschieden. Der Hexensabbat
der Kriminalität in den Straßen der Häuserwüsten ist
der Popanz, mit dem die amerikanischen Faschisten auf dem Hintergrund allgemeiner
Unzufriedenheit ihre Gefolgschaft rekrutieren und bewaffnete Bürgerwehren
mit der Funktion faschistischer Sturmabteilungen aufstellen werden. Die
Anfänge dieser Entwicklung sind in den USA schon heute täglich
zu beobachten und viele finden sie schon selbstverständlich. Uns bleibt
nur noch wenig Zeit!
Was sind die nächsten
Schritte?
- Umfassende Propaganda
für den bewaffneten Kampf; den Massen erklären, warum dieser
notwendig und unvermeidlich ist und wie er vorbereitet werden kann (konspirative
Flugblätter und Wandparolen).
- Anleitungen für die
Herstellung von Waffen, für die Kampftaktik usw. auf die gleiche Weise
verbreiten.
- Kommandotruppen bilden
(3er-,5er-, 10er- Gruppen) mit Genossen, die man sowohl in persönlicher
als auch in politischer Beziehung gut kennen muß, um beurteilen zu
können,ob sie den Anforderungen und Belastungen des bewaffneten Kampfes
(insbesondere im Knast) standhalten und unter allen Umständen (auch
im Bett!) den Mund halten können. Die Zusammensetzung der Kommandos
kann nicht in Gruppen und Organisationen diskutiert oder gar beschlossen
werden, die sich nicht schon selbst durch eine entsprechende Praxis als
intakte konspirative Einheiten erwiesen haben. Es ist ein großer
Fehler, Leute mitreden zulassen, die selbst nicht völlig entschlossen
sind, am Kampf teilzunehmen. Es ist auch unmöglich, bewaffnete Gruppen
aus "legalen" Organisationen hervorzubringen. Diese (auch deren leitende
Kader!) sind unvermeidlich durchsetzt mit Schwätzern, Angebern und
Zauderern, die, um ihre eigene ängstliche oder unentschlossene Haltung
zu verschleiern und zu rechtfertigen, immer neue Theorien gegen den bewaffneten
Kampf und seine konkrete Vorbereitung erfinden werden. Habt ihr ihre Argumente
Nr. 1-99 widerlegt, erfinden sie das hundertste. Aus dem gleichen Grunde
kann sich die Kommandoeinheit von "legalen" Organisationen auch nicht"bürokratisch"
kontrollieren lassen. Wer es dennoch versucht,wird dafür mit seiner
eigenen Freiheit oder der seiner Genossen bezahlen müssen. Eine kämpfende
Gruppe kann auch nur durch den Kampf selbst entstehen. Alle Versuche, die
Gruppe außerhalb der Bedingungen des" Ernstfalles" organisieren,
ausbilden und trainieren zu wollen,führen zu äußerst lächerlichen
Resultaten - manchmal mit tragischem Ausgang.
- Die Kämpfer sollten,
solange es irgendwie geht, an der offenen politischen Arbeit in den Betrieben,
in den Wohnbezirken und in der Universität teilnehmen.
- Den Kampf beginnen und
die Verbindung zu anderen Kommandos herstellen, ohne die Sicherheit der
Gruppen zu gefährden.
Habt Mut zu kämpfen!
Habt Mut zu siegen!
Denn für alles Reaktionäre
gilt,
daß es nicht fällt,
wenn man es nicht niederschlägt.
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