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Rechtsextremismus und Esoterik
Verbindungslinien, Erscheinungsformen, offene Fragenvon Andreas Klump
Referent im Bundesministerium des Innern, BerlinVorbemerkung
Begriffsklärungen: Extremismus, Rechtsextremismus, Esoterik
Esoterischer Rechtsextremismus in rechtsextremistischen Organisationen
Esoterische Auffassungen...
Rechtsextremistische Auffassungen...
Einschätzung und offene Fragen zum esoterischen Rechtsextremismus
Literaturverzeichnis
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Der Bereich der Esoterik stellt sich als ein vielschichtiges und kaum überschaubares Gemisch unterschiedlicher Anschauungen und Handlungen einer wie auch immer definierten “Spiritualität“ dar, was sich auch als “Markt der Religionen“ (Zinser 1997) kennzeichnen lässt. Dabei spiegelt dieser Markt eine “polymorphe Religiosität“ (Barz 1995) wider. Astrologie, Kartenlegen, Pendeln und Runenkunde sind Begriffe, die häufig unter dem Bereich Okkultismus zusammengefasst werden. Dieser wiederum wird heutzutage im allgemeinen Verständnis dem sogenannten esoterischen Spektrum zugeschlagen.
Am Rande des kommerziellen spirituellen Marktes existieren Anschauungen, die bislang kaum oder wenig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten sind. Diese Anschauungen, die z.B. oft auch als neu-heidnisch oder neo-germanisch bezeichnet werden (vgl. Klump 1999), beziehen ihre Inhalte aus Traditionslinien, die bereits lange vor den heutigen wahrnehmbaren Formen des spirituellen Marktes präsent waren und in Teilbereichen zu den Wurzeln des Nationalsozialismus gezählt werden können (vgl. Goodrick-Clarke 1997). Woher stammen diese Ideen und Werthaltungen? In welcher Form waren sie historisch präsent, wie sind sie es heute?
Eine weitere Frage in diesem Zusammenhang zielt auf ein bestimmtes offenkundiges Wechselverhältnis: Wo liegen die Verbindungslinien der Esoterik mit dem Rechtsextremismus? Ist der kommerzielle Markt der Spiritualität und des Okkultismus in diesem Sinne relevant? In welcher Form treten diese Phänomene in Erscheinung? Und wie wäre dies sozialwissenschaftlich einzuschätzen?
Zu Recht betonen Gugenberger/Petri/Schweidlenka (1998: 20) zum Hintergrund dieser Fragen: “In der zeitgeschichtlichen und politikwissenschaftlichen Literatur werden die irrationalen und mythischen Aspekte, die besonders den rechtsextremen Ideologien zugrunde liegen oder diese rechtfertigen sollen, oft ausgeklammert. Sie passen nicht in die rationalen Denkmuster der Wissenschaft, und darum werden sie oft übergangen, nur am Rande gestreift oder als harmlose Spinnerei betrachtet. Gerade diese religiös verbrämten und irrationalen Mystizismen, die vor allem die Gefühlsebene ansprechen, sind politisch leichter formbar. (...) Daher müssen sie als eigene Kategorien politischen Denkens begriffen werden.“
Dies soll anhand einer ersten Annäherung hier differenziert betrachtet werden. Dazu ist im folgenden zunächst auf eine theoretische Vorklärung von Begrifflichkeiten wie Extremismus, Rechtsextremismus und Esoterik einzugehen, bevor dann exemplarisch eine knappe Analyse des Gegenstands in historischer, ideologischer und phänomenologischer Art vorgenommen wird.
2. Begriffsklärungen: Extremismus, Rechtsextremismus, Esoterik und deren Relation zueinander
Politischer Extremismus soll hier nach den Politikwissenschaftlern Uwe Backes und Eckhard Jesse extremismustheoretisch verstanden werden als “Sammelbezeichnung für unterschiedliche politische Gesinnungen und Bestrebungen (...), die sich in der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates und seiner fundamentalen Werte und Spielregeln einig wissen (...)“ (1996: 45). Extremismus wird also über die Ablehnung der Minimalbedingungen des demokratischen Verfassungsstaates definiert, der sich wiederum durch die Merkmale Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenkontrolle, Mehrparteienprinzip und Pluralismus auszeichnet (vgl. Backes/Jesse 1996: 34ff.; Besson/Jasper 1990; Zippelius 1991: 219ff., 279ff.). Der hier bezeichnete Abgrenzungsbegriff (Negativ-Definition) wird extremismustheoretisch durch eine Positiv-Definition ergänzt, um eine nötige analytische Trennschärfe herstellen zu können: “Extremismus sollte nicht nur als sekundäre, vom Primärphänomen demokratischer Verfassungsstaat abhängige politische Erscheinung gelten. Diese ahistorische Sichtweise verkennt, daß sich der demokratische Verfassungsstaat gegen extremistische Politikvorstellungen entwickelt hat und hier eher von einem wechselseitigen Verhältnis gesprochen werden muß“ (Pfahl-Traughber 1993: 15).
Als gemeinsame Strukturmerkmale extremistischer Doktrinen im Sinne einer Positiv-Definition gelten: Offensive und defensive Absolutheitsansprüche, Dogmatismus, Utopismus bzw. kategorischer Utopieverzicht, Freund-Feind-Stereotype, Verschwörungstheorien, Fanatismus und Aktivismus (vgl. Backes 1989: 298-311). Auch antipluralistische Politik- und Gesellschaftsvorstellungen sind hierbei hinzuzuzählen (vgl. Pfahl-Traughber 1992: 73), genauso wie das politische Verständnis des Autoritarismus.
Ideengeschichtlich lassen sich zwei Ausprägungen des politischen Extremismus ausmachen: Eine rechte und eine linke Variante (vgl. Moreau/Lang 1996). Rechtsextremismus negiert das Prinzip menschlicher Fundamentalgleichheit, wobei nicht nur der Bezug auf den historischen Nationalsozialismus prägend ist, denn “...zahlreiche Rechtsextremisten distanzieren sich eigens von neonationalsozialistischen Bestrebungen“ (Jesse 1997: 135).
Zu den Ideologieelementen des Rechtsextremismus zählen:
Verschwörungstheoretisch-antisemitische Anschauungen kommen allerdings auch bei der extremen Linken vor (vgl. Pipes 1998: 242ff.), wobei aber insgesamt verschwörungstheoretisches Denken mehr bei der extremen Rechten angesiedelt ist.Nationalismus (Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit, wobei “Nation“ oder “Rasse“ über Menschen- und Bürgerrechte gestellt werden), Autoritarismus (der Staat wird als einseitig dominierend über die Gesellschaft gestellt), Antipluralismus (identitäres Politik- und Gesellschaftsverständnis; Vorstellungen einer politischen Homogenität), Ideologie der Ungleichheit (Rassismus, Antisemitismus, auch Biologismus und Sozialdarwinismus) (vgl. Pfahl-Traughber 1993: 18ff., 1999: 78). Unter Linksextremismus werden unterschiedliche Strömungen (Anarchismus, Kommunismus) verschiedenster Prägung verstanden, die dazu neigen, das Gleichheitsprinzip auf die Spitze zu treiben. Der Gleichheitsgrundsatz soll auf alle Lebensbereiche ausgedehnt werden, jedoch strukturell nicht im Sinne individueller bzw. liberaler und pluralistischer Anschauung, sondern im Sinne einer Überwindung der (kapitalistischen) Klassengesellschaft oder unter Negierung der notwendigen Existenz zentraler Organisationsformen (Ablehnung der Herrschaft des Menschen über den Menschen – herrschaftsfreie Gesellschaft). Dabei ist eine klassenlose bzw. eine einheitliche “(Klassen-)Gesellschaft“ (z.B. Diktatur des Proletariats) angestrebt. Allen Strömungen gemeinsam ist sowohl eine Gewaltneigung als auch die Negierung demokratischer Spielregeln (vgl. Jesse 1997: 135).
Mit dem Oberbegriff Extremismus ist nicht die inhaltliche Gleichsetzung des Rechts- und Linksextremismus oder eine Nichtbeachtung der möglichen unterschiedlichen historischen Entstehungsbedingungen gemeint, sondern vielmehr die Betonung vielfältiger, im politischen Denken struktureller Art gefasster Gemeinsamkeiten: “...Anspruch auf einen überlegenen Zugang zur Erkenntnis des politisch Wahren und Richtigen; die Angst vor der gesellschaftlichen Vielfalt und der Sehnsucht nach gemeinschaftlicher Einheit; der Immunisierung gegenüber widerstreitender Fakten und Argumenten; der Neigung zur Totalkritik allen Bestehenden; dem Hang zum Dogmatismus; der Unduldsamkeit gegenüber Andersdenkender; der Neigung, jeden Standpunkt bis zum Äußersten zu treiben“ (Backes 1998: 27).
Esoterik soll hier als Sammelbezeichnung für weltanschauliche Richtungen und Praktiken verstanden werden, die sich mit dem “geheimnisvollen“, “unsichtbaren“, “inneren“ und “dunklen“ Wissen über Geist, Natur, Umwelt und Gesellschaft beschäftigen – und dabei eine schwer übersichtliche Mischung aus “Spiritismus, Magie, Mythos, neuem Heidentum, Astrologie, Ufologie, fernöstliche Weisheitslehren und pseudomedizinischen Heilmethoden“ darstellen (Ewald 1996: 5; Pfahl-Traughber 1999: 77f.). Dabei sollen die oft unter dem Oberbegriff New Age zusammengefassten Termini Esoterik und Okkultismus synonym verwandt werden, da ein von den Anhängern dieser Richtungen vorgenommener Unterschied zwischen “dunklen“, “hellen“, “inneren“ oder “äußeren“ Bereichen der Lehre hier nicht relevant ist: “Okkultismus ist esoterisch – und umgekehrt“ (Freund 1995: 12).
Allen Spielarten ist mehr oder weniger das Element des Irrationalismus gemein, wobei hierbei häufig, neben Vorurteilen, Emotionen, Lügen oder Halbwahrheiten, der postulierte Zugang zum Übersinnlichen prägend ist (vgl. Ewald 1996: 4f.) – und dabei kleiden sich esoterische und okkulte Vertreter formal oft in pseudowissenschaftliche Gewänder.
Der sich aus dem bisher skizzierten ableitende Arbeitsbegriff “Esoterischer Rechtsextremismus“ beinhaltet, dass bestimmte esoterische Vorstellungen und Anschauungen eine mögliche Einheit mit rechtsextremen Denken bilden können – und umgekehrt. Unter demokratie- und extremismustheoretischen Gesichtspunkten ist hierbei der entscheidende Faktor, ob dabei die Elemente einer Ablehnung der Aufklärung und der Werte der kulturellen Moderne (z.B. der Demokratie) sowie der Rationalität beiden Richtungen gemeinsame (Denk-)Strukturen bieten (vgl. Pfahl-Traughber 1999: 78). Transmissionsriemen dafür könnte auch die Auffassung vom privilegierten Wissen und ein daraus gebildetes elitäres Selbstverständnis sein.
Esoterischer Rechtsextremismus wird im folgenden idealtypisch auf drei Ebenen der Erscheinung bestimmt, wobei die Ebenen fließend sind und teilweise ineinander übergehen können:
Dabei sei hier auch auf eine Eingrenzung des Untersuchungsbereichs hingewiesen, denn es kann nur der Teil “der“ Esoterik betrachtet werden, der sich im Sinne einer extremismustheoretischen Sichtweise als bedeutsam erweist. Ausdrücklich sei an dieser Stelle auch darauf verwiesen, dass keinesfalls beabsichtigt ist, “das“ esoterische oder okkulte Denken als ein Ausdruck individueller Lebensgestaltung (vgl. Endbericht der Enquete-Kommission “Sogenannte Sekten und Psychogruppen 1998: 82) pauschal unter “Extremismusverdacht“ zu stellen.Esoterische Auffassungen, die eine Kompatibilität mit rechtsextremen Denken aufweisen können (ideologietheoretische Ebene), Rechtsextreme Auffassungen, die eine Kompatibilität mit esoterischem Denken aufweisen können (ideologietheoretische Ebene), Rechtsextreme Organisationen, die aufgrund ihrer spirituell-okkult-völkischen Bezüge und Traditionen bzw. Bezüge zum historischen Nationalsozialismus sowohl rechtsextremes wie auch esoterisches Denken beinhalten (organisationssoziologische bzw. historisch-ideologietheoretische Ebene).
3. Esoterischer Rechtsextremismus in rechtsextremistischen Organisationen: Der historische Vorläufer “Völkisch-okkultes Denken“
Einzelne rechtsextremistische Gruppierungen beziehen sich gedanklich auf “spirituell-okkult- völkische“ Elemente und stehen in einer Tradition, die ihre Wurzeln bereits im 19. Jahrhundert entwickelte und insbesondere in der Weimarer Republik und zu Beginn des 3. Reiches ihre Wirkung entfaltete. Dabei sind auch Bezüge zum historischen Nationalsozialismus vorhanden; und dies zum einen aufgrund der historischen Chronologie, zum anderen aufgrund wichtiger Beiträge “völkischer Denker“ und deren Ausstrahlungskraft auf den mythologischen Grundton nationalsozialistischer Ideologie (vgl. hierzu ausführlich Goodrick-Clarke 1997 und Sünner 1999).
Erste Ansatzpunkte eines “völkischen Denkens“ finden sich bereits in der Epoche der Romantik (vgl. Mosse 1991). Grundtenor dieses Denkens war die Vorstellung, “die dem deutschen Volk innewohnenden geistigen, seelischen und sittlichen Kräfte (zusammenzufassen), um dadurch eine Erneuerung des Deutschtums und die Ausmerzung alles Fremden zu erreichen“ (Hieronimus 1982: 159f.; vgl. auch See 1970 34ff.). Diese intellektuelle, geistige Strömung, die gleichfalls wenig praktisch-politisch ausgerichtete Elemente in ihren Anfängen besaß, sah sich spätestens ab 1871 mit neuen Einflüssen versehen: Pangermanismus, Antisemitismus und Sozialdarwinismus. Beim Pangermanismus handelte es sich um eine Strömung, die die “territoriale Ausbreitung des Deutschtums“ beabsichtigte, der Antisemitismus war bestrebt, die geistigen und wirtschaftlichen Einflüsse des Judentums zu unterbinden und der Sozialdarwinismus eröffnete die theoretische Möglichkeit, die “Rückzucht“ einer reinen germanischen Rasse “als zukünftiger Trägerin des Deutschtums“ Geltung zu verschaffen (vgl. Hieronimus 1982: 160). Umgekehrt erhielten diese (sozio-)politischen Ansätze “Stütze im religiösen Bereich“, sie wurden mit einer “metaphysischen Weihe“ versehen (ebda.).
Protagonisten eines solchen Denkens waren auch Vertreter okkulten Denkens, wie z.B. Helena Blavatsky, die als Begründerin der Theosophie gilt, welche wiederum als Vorläufer der Ariosophie gelten kann. Eine Vermengung esoterischen und okkulten Denkens in Verbindung mit völkischen Gedanken brachten in Deutschland und Österreich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts z.B. Lanz von Liebenfels und Guido von List zustande (vgl. hierzu ausführlich Freund 1995 und Goodrick-Clarke 1997 sowie Sünner 1999). Ekkehard Hieronimus (1986: 256) fasst dies so zusammen: “Der ‚Germanenglaube‘ erhebt (...) nicht den Anspruch, kontinuierliche Fortsetzung der Ereignisse um die Erforschung der Herkunft und des Lebens der Germanen zu sein, sondern basiert letztlich auf der geographischen, rassistischen Interpretation der Idee, daß das deutsche Volk auf dem Gebiet der Germanen beheimatet ist, daß es immer noch germanischen Blutes sei.“
Es bildeten sich um die Jahrhundertwende diverse Kleingruppen um die Lehren der jeweiligen Protagonisten. Darauf folgend entstanden ganz unterschiedliche Gruppierungen, die ihre Gemeinsamkeiten in einem größtenteils neuheidnisch- okkult-völkischen Denken hatten – so z.B. die “Germanische Glaubensgemeinschaft“ um Prof. Fahrenkrog, “Die Deutschgläubige Gemeinschaft“, “Die Nordungen“, in den 20er Jahren “Die Nordische Glaubensgemeinschaft“, etwas später die “Nordisch- religiöse Arbeitsgemeinschaft“, “Die Ludendorff-Bewegung“, die “Edda-Gesellschaft“ etc. (vgl. Nanko 1993). “Germanische Wiederauferstehung und antidemokratische Tendenzen in der Weimarer Republik“ (See 1970: 70ff.) bezeichnen den Rahmen, in dem sich zahlreiche völkische Gruppen aufhielten.
1933 schlossen sich einzelne Gruppen zu einem Dachverband – einer Sammlungsbewegung – zusammen, um die Interessen der völkisch-okkulten Bewegung zu bündeln: Die “Deutsche Glaubensbewegung“ (DG) unter der Führung von Prof. Hauer entstand (vgl. für einen umfassenden Überblick Nanko 1993). Auch Teile der freireligiösen Gemeinden stießen dazu. Eine Ausnahme bildete die Ludendorff-Bewegung, die sich nicht der DG anschloss. 1936 scheiterte die Sammlungsbewegung und ging in die nationalsozialistische Bewegung ein, wogegen die Ludendorff-Bewegung (“Gotterkenntnis“ (L)) am 19.6.1936 als “Dritte Konfession“ neben Katholisch und Evangelisch anerkannt und registriert wurde: “Offenbar brauchte Hitler (...) einen neuen Trumpf, mit dem er die Kirchen reizen und vor dem er sie dann gegebenenfalls schützen konnte“ (Cancik 1982: 203).
Hubert Cancik (1982: 207) unterscheidet drei Phasen der völkischen Bewegung:
1. Phase: Altvölkische Phase (vor 1933),Vor 1933 liefen neben den isolierten un- und antichristlichen Gruppen nationalliberale protestantische Gruppen mit, 1933-1936 der Versuch einer Sammlungsbewegung der nicht- und antichristlichen Gruppen und ab 1936 Zerfall der DG und Eingang in die nationalsozialistische Bewegung. Das spezielle Scheitern der völkischen Sammlungsbewegung in Gestalt der DG führt Cancik auf drei Gründe zurück:2. Phase: Völkisch-revolutionäre Phase (1933-1936),
3. Phase: Nationalsozialistische Phase (seit 1936).
1. die völkische Sammlungsbewegung bemerkte nicht, daß sie der nationalsozialistische Staat zur Schwächung der Kirchen benutzte, gleichzeitig aberDazu kommt noch, dass Hitler zutiefst misstrauisch den völkisch-okkulten Gruppen gegenüber stand. auch wenn einige führende Nationalsozialisten die okkulten Gedanken für sich reklamierten (z. B. Alfred Rosenberg und Heinrich Himmler), so waren die grundlegenden Vertreter dieser Denkrichtung für Hitler bereits in “Mein Kampf“ ein Haufen von Wirrköpfen – das Wirksamwerden der Neogermanen in der Partei schloss er daher später ausdrücklich aus: “Das Einschleichen mythisch veranlagter okkulter Jenseitsforscher darf daher in der Partei nicht geduldet werden“ (Adolf Hitler, Rede auf dem 10. Parteitag der NSDAP am 7.7.1938. Zit. nach Hieronimus 1986: 256).2. mit den Kirchen das Bürgertum erringen mußte, und
3. der Nationalsozialismus sich selbst bereits ab frühestem Zeitpunkt “grundlegte und krönte: Blut, Rasse und Germanentum waren schon zu Beginn der Weimarer Zeit im Programm der NSDAP festgeschrieben. Was brachten also die Deutschgläubigen mehr?“ (ebda.: 206)
Charakteristische Merkmale der neuheidnisch-völkisch-okkulten Bewegung, neben dem Rassegedanken und der biologistisch-darwinistischen Weltsicht, waren die speziellen antichristlichen Elemente. Man war der Ansicht, dass das kirchliche Christentum “durch seinen Absolutheits- anspruch andere Glaubensweisen und Religionen bewusst und unnachsichtig zerstörte“ (Hieronimus 1982: 174). Die Annahme der “Artfremdheit“ des Christentums und seiner angeblichen “negativen volksbiologischen Folgen“ kulminierte in die Vorstellung, “seine einseitige Bindung an die jüdische Religion des Alten Testaments habe den Germanen an das Judentum ausgeliefert, das bestrebt sei – begründet in seinem Erwähltheitsanspruch -, die starken Völker der Germanen zu vernichten“ (ebda.). Mit Hubert Cancik (1982: 194) ist die Religion der Deutschgläubigen
“- parachristlich und antichristlich;Nach dem Ende des Nationalsozialismus 1945 bildeten sich im Laufe der Zeit diverse Gruppen neu, u.a. auch in Kontinuität zu früheren Gruppen. So entstand aus der “Nordischen Glaubengemeinschaft“ bereits 1951 die “Artgemeinschaft“, die heute von der rechtsextremistischen Integrationsfigur Jürgen Rieger geführt wird. Die “Artgemeinschaft“ stellt heute über die Person Rieger eine äußerst relevante völkisch-okkulte Gruppierung im rechtsextremistischen Spektrum dar. Ihre Ideologie ist in der historischen Kontinuität der Vorläufer-Gruppierung, enge Kontakte zu Neonazis, Antisemitismus, Rassismus und Biologismus in Form der ideologischen Grundlage des sogenannten “Artbekenntnisses“ zeichnen die Organisation heute aus (vgl. Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen über das Jahr 1996: 88ff.; zur Person Rieger vgl. Verfassungsschutzbericht 1997: 116, 1998: 64; zur “Artgemeinschaft“ vgl. auch näher Hundseder 1998: 44ff. und Sünner 1999: 176ff.). Auch die Ludendorff-Bewegung zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Langlebigkeit aus (vgl. schon Jenke 1961: 359ff., 459ff.). Sie existiert heute als “Bund für Gotterkenntnis“ weiter. Ideologischer Hauptpunkt ist die antisemitische Auslegung einer sogenannten “Deutschen Gotterkenntnis“ der Gründerin und “Seherin“ Mathilde Ludendorff (vgl. Backes/Moreau 1993: 124f.), wobei zwei ideologische Basispositionen ineinander übergehen: Zum einen die Ablehnung des Christentums aus völkisch-spiritueller Sicht in Form der bereits erwähnten “arteigenen Gotterkenntnis“, zum anderen die verschwörungstheoretische Vorstellung einer jüdisch-freimaurerischen Weltherrschaftsbestrebung, angereichert durch Konspirationsvorstellungen in diesem Sinne auch von Jesuiten und der römischen Kirche. Auch die “Armanen“ (vgl. Schnurbein 1992), die auf Guido von List und die Ariosophie zurückgehen, sind heute präsent wie zahlreiche andere Klein- und Kleinstgrüppchen (“Gylfiliten“, “Goden“ etc.), die allerdings in ihrer Gesamtheit als völkisch-spirituell-okkulte Bewegung bislang keinen Status erreichen konnten, wie er noch in der Weimarer Republik und zu Anfang des 3. Reiches vorhanden war.
- radikal laizistisch;
- mystisch, elementar (-dämonisch);
- rassistisch;
- nicht theistisch (weder mono- noch polytheistisch).“ Daneben sei die DG eine “Professorenreligion“ gewesen, da maßgebliche Führungsfunktionäre diese Positionen bekleideten (vgl. ebda.: 208).Aber: “Was diese Gruppen für manche auf den ersten Blick sympathisch macht“, so Franziska Hundseder (1998: 167), “das ist zunächst die Achtung vor der Natur und vor altem Weistum. Der Einstieg ins Neuheidentum geschieht oft über Themen wie Umweltzerstörung, Ozonloch und Gewässerkanalisierung, Vergiftung der Nahrung, schwindende Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt. Rettung versprechen sie durch Rückgriff auf ‚die eigene Art‘, das germanische Wesen und Rückbesinnung auf die Natur.“
Und der prinzipielle ideologische Charakter der völkischen Gruppen besitzt Kontinuität. Rassismus, Antisemitismus und auch Nationalismus sind diejenigen Elemente, die sich auch heute in zahlreichen neogermanischen, nordischen und deutsch-religiösen Traditionslinien als eine Art metaphysisches Deutungssystem ausdrücken (vgl. Eschebach/Thye 1995).
4. Esoterische Auffassungen, die Kompatibilitäten mit dem rechtsextremistischen Denken bilden
Der Esoterik-Markt, der sich neben dem Angebot von ganz unterschiedlichen Kursen, Seminaren, Workshops u.ä. auch und gerade durch das Wirken im publizistischen Bereich ausdrückt, erlangt besonders durch diesen Sektor Relevanz für den hier zu untersuchenden Gegenstand.
Diverse Veröffentlichungen aus esoterischen Verlagen bieten dem Publikum ein inhaltliches Profil, das Berührungspunkte zum Rechtsextremismus aufweist. So zeigt z.B. das mittlerweile weit über die Grenzen der Esoterik-Szene bekannt gewordene Buch “Geheimgesellschaften II...“ von “Jan van Helsing“ deutliche rechtsextremistische Züge auf (vgl. hierzu auch ausführlich Gugenberger/Petri/Schweidlenka 1998: 167ff.). Der Autor geht hierbei von einer Verschwörung der herrschenden Eliten (in seiner Auslegung der “Illuminati“) gegen die Gesellschaft aus, was letztlich zum teilweisen Untergang der Menschheit führen werde. Antisemitische Bezüge werden dort erkennbar, wo die Hauptbeteiligten an der postulierten Verschwörung Juden darstellen; revisionistische Leugnung der Kriegschuld des nationalsozialistischen Deutschlands am Ausbruch des 2. Weltkriegs schließen sich inhaltlich an.
Eine eigentümliche Auslegung sog. ufologischer Ansichten kommt in der Weise vor, dass in Deutschland angeblich ursprünglich “gute“ Außerirdische tätig waren, was die “Illuminati“ verhindern mussten. Das nationalsozialistische Deutschland sei am Ausbruch des 2. Weltkrieges unschuldig, sondern vielmehr in diesem Zusammenhang Opfer einer Kriegstreiberei der jüdischen Presse. Diese Umstände tragen im weiteren Verlauf immer verworrenere antisemitische Züge: Letztlich sei auch die Scientology-Organisation (SO) von “bösen“ Außerirdischen (Marcabianern, in Verbindung mit den Hebräern) unterwandert, weil der Gründer der Organisation, L. Ron Hubbard, entdeckt habe, die den Menschen implantierten Blockaden zum Schutz der “Illuminati“ zu entfernen. Das Buch wurde vom Amtsgericht Mannheim mit Beschluss vom 18.3.1996 gemäß §§ 111b, 111c und 111n StPO beschlagnahmt.
Ein weiteres esoterisches Buch mit deutlichen antisemitisch- verschwörungstheoretischen Anleihen stellt die Publikation “Psycho-Politik...“ von Michael Kent aus dem Jahr 1998 dar. Inhalt der Schrift ist die vermeintliche Antwort, wer für sämtliche politische Probleme in der Bundsrepublik Deutschland verantwortlich sei: “Psychopolitiker“, die angeblich die Gesellschaft unterwandert haben. Auffassungen einer jüdischen Weltverschwörung gehen über in diffamierende Äußerungen gegen die demokratische Staatsform, wobei sich der Autor hinter die verschwörungstheoretischen Ansichten von “Jan van Helsing“ stellt.
Deutlich positiv wird auch hier die Rolle der SO gewürdigt. L. Ron Hubbard und seine Organisation seien der natürliche Feind der “Psychopolitik“, und insofern spricht sich der Autor für die Unterstützung der SO und einer ihrer Vorfeldorganisationen, der “Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V. (KVPM)“, aus. Immanent erweist sich dabei der Autor auch als Sympathisant der Lehren der SO, wobei allerdings nicht ganz klar wird, ob er tatsächlich in Zusammenarbeit mit der SO seine “Thesen“ gebildet hat oder nicht.
Auffällig ist bei diesen Beispielen insgesamt die offenkundig positive Einstellung zu L. Ron Hubbard, dem Gründer der SO, die unter extremismustheoretischen Gesichtspunkten als politisch- extremistisch einzuschätzen ist (vgl. Schätzle/Klump 1998; vgl. zu den verfassungsfeindlichen Bestrebungen auch Verfassungsschutzbericht 1997: 184ff., 1998: 198ff., 1999: 210ff. und Verfassungsschutzbericht 2000, hrsg. vom Bayerischen Staatsministerium des Innern: 196ff.). Diese Gruppierung wird hier von esoterischen Autoren in das jeweilige Weltbild eingefügt und fungiert insofern als eine weitere tragende Säule der jeweiligen “spirituellen“ Ansichten.
5. Rechtsextremistische Auffassungen, die Kompatibilitäten mit dem esoterischen Denken bilden
Auch im publizistischen Bereich angesiedelt sind Veröffentlichungen originär rechtsextremistischen Inhalts, die ihr ideologisches Profil mit esoterischen Elementen anreichern und erheblich unterfüttern, wobei ein primärer Bezug auf den historischen Nationalsozialismus in Gestalt von Adolf Hitler prägend ist. Beispiel hierfür ist das Buch “Das Goldene Band. Esoterischer Hitlerismus“ von Miguel Serrano aus dem Jahre 1987 (vgl. Heller/Maegerle 1995: 109ff. Zu weiteren Beispielen in diesem Bereich vgl. Sünner 1999: 148ff., zu Aspekten der “Atlantis und Thule-Ideologie“ von Wilhelm Landig vgl. ebda., zu Aspekten einer “Avatar“-Ideologie“ von Savitri Devi ebenso ebda., 155ff.).
Inhalt des Buches, dessen Autor nicht aus der vorgeblich völlig isolierten Ecke sogenannter “esoterischer Spinner“ zu stammen scheint, sondern chilenischer Botschafter in Indien, Jugoslawien, Österreich sowie bei der Internationalen Atomenergiekommission und bei der Organisation der UN für die industrielle Entwicklung war (vgl. Freund 1995: 113), ist die Behauptung, Hitler sei 1945 in die Antarktis geflohen und warte dort, flankiert von Getreuen der SS, auf seine Auferstehung. Eine gewichtige Rolle dabei spielen auch Ufos (vgl. ebda: 110ff.).
Hierbei werden esoterische Themenfelder wie Auffassungen der Reinkarnations- und Wiederauferstehungslehre vermischt mit der Verteidigung des historischen Nationalsozialismus. Insbesondere auch das Element der sog. Ufo-Theorie bietet, neben den esoterisch-verklausulierten Bezügen zu Hitler, eine Kompatibilität mit Teilen des heutigen esoterischen Spektrums. Der Unterschied zur reinen Ufo-Gläubigkeit in der esoterischen Szene besteht in diesem rechtsextremistischen Zusammenhang darin, dass hier in der Regel primär keine Außerirdischen Verantwortung für die Existenz entsprechender Fluggeräte tragen. Die Ufos sind vielmehr Produkte der “schöpferischen Kraft“ des 3. Reiches (ähnliche Ansichten vertritt auch “Jan van Helsing“).
Die bereits erwähnte Ariosophie und alt-germanische Glaubensvorstellungen, Okkultismus und völkische Ideologiefragmente bilden den Rahmen für das (historische) völkische Denken, in dessen Tradition verschiedene heutige rechtsextremistische Organisationen stehen (z.B. “Artgemeinschaft“, “Bund für Gotterkenntnis“). Mit diesen Gedankenelementen sind durchaus Kompatibilitäten zu Teilen der esoterischen Szene möglich (z.B. über Begriffspaare wie “arteigene natürliche Umwelt“ – “Natur und Spiritualität“ etc.).
6. Einschätzung und offene Fragen zum esoterischen Rechtsextremismus
Die Frage einer Einschätzung des heutigen völkisch-okkulten Denkens bedarf der Aufschlüsselung in unterschiedliche Bereiche. Vorab muss festgehalten werden, dass grundsätzlich noch erhebliche Forschungsdefizite zur Relevanz des Esoterischen Rechtsextremismus bestehen, so dass auch diese Anmerkungen lediglich als erste Annäherung gelten können.
Klärungsfelder wären z.B. eine weitere systematische Betrachtung organisatorischer, personeller und/oder programmbildender Einflüsse des völkisch-okkulten Denkens auf den (organisierten) Rechtsextremismus und umgekehrt, andererseits die Verbindungen des völkisch-okkulten Denkens in den kommerziellen Esoterik-Bereich und umgekehrt. Hierbei ist nochmals zu betonen, dass die Esoterik-Szene nicht pauschal als (rechts-)extremistisch zu bezeichnen wäre. Dies ist nur dann der Fall, wenn entsprechende Einstellungen z.B. rassistisch begründet werden mit einer in diesem Sinn wie auch immer definierten Verherrlichung von “Vorfahren“ oder “Ahnen“. Die Existenz einer einheitlichen esoterischen Anschauung, die gleichzeitig aus einer rechtsextremistischen Traditionslinie stammt, kann nicht belegt werden.
Das esoterische Denken kommt nicht als monolithischer Block daher, sondern ist in sich aufgespalten in die unterschiedlichsten Bereiche und Spielarten. Dabei ist zu beachten, dass historisch die völkischen Gruppen bereits lange vor einer - kommerziellen – modernen Esoterik-Szene entstanden sind. Von einer aus den völkischen Gruppen entsprungenen Esoterik-Szene, wie sie sich heute darstellt, kann historisch ebenfalls nicht gesprochen werden. Eine mögliche Wechselbeziehung und –wirkung zwischen dem Esoterik-Bereich und dem völkisch-okkultem Denken ist trotzdem denkbar: Die Esoterik greift in ihrer Ablehnung der rationalistischen Gegenwart, der “entzauberten Welt“, auch auf vorchristliche Kulte und Mysterien zurück und erschließt damit Quellen, aus denen sich auch die völkisch-okkulten Gemeinschaften speisen.
Das völkisch-okkulte Denken ist, wie gezeigt wurde, originär in eigenen Gruppierungen präsent. Durch einen Protagonisten wie dem Rechtsextremisten Jürgen Rieger ist eine gewisse Transferleistung dieses Denkens in den organisierten rechtsextremistischen Bereich durch die wechselseitigen personellen Verbindungen möglich. “Esoterische Angebote aus der rechtsextremistischen Szene“ (vgl. auch Pfahl-Traughber 1999: 81f.) als auch “Rechtsextremistisch orientierte Angebote aus der esoterischen Szene“ (vgl. ebda: 82f.) zeugen von einer gewissen wechselseitigen Relevanz. Ob hierbei aber sozialwissenschaftlich-begrifflich von einem “Netzwerk“ oder gar einer “Bewegung“ gesprochen werden kann (so z.B. Schnurbein 1995: 217), erscheint zum jetzigen Zeitpunkt noch unsicher und müsste in der theoretischen Bewegungsdiskussion noch stärker reflektiert und erörtert werden.
Bislang ist keine systematische Durchdringung und Etablierung breiter gesellschaftlicher Bereiche im Sinne einer originär gesellschaftsbildenden Qualität esoterischer Ideen auszumachen, noch ist ein Eindringen rechtsextremistischer Ideologien in Verbindung mit esoterischen Elementen in die Mehrheitskultur festzustellen. Das völkisch-okkulte Denken hat dabei auch vorläufig noch keinen gravierenden Einfluss auf den heutigen Rechtsextremismus genommen. Trotzdem ist hierbei eine differenzierte Sichtweise angezeigt. “Völkische Religiosität“, so erklärte Ekkehard Hieronimus bereits 1982, “ist heute ein historischen Phänomen, aber gerade darum für die im Religiösen liegenden Möglichkeiten, von Bedeutung“ (Hieronimus 1982: 175).
Der Einfluss des völkisch-okkulten esoterischen Denkens in den rechtsextremistischen Bereich wäre also z.Zt. überwiegend gering einzuschätzen. Das sieht teilweise in der Richtungsbeziehung Rechtsextremismus-Esoterik ambivalenter aus. Hier ist aber ebenfalls zu differenzieren: Im esoterischen Bereich scheint eine höhere Akzeptanz rechtsextremistischer Ideologieangebote vorhanden zu sein, allerdings nicht unbedingt in der originären völkischen Variante. Hier sind ganz eigene Mischungen vorhanden. “Van Helsings“ verschwörungstheoretische und antisemitische Bücher, die ein bestimmtes Geflecht “ufologischer“ und rechtsextremistischer Elemente aus einer esoterischen Perspektive bilden, finden durchaus Anklang in der Szene.
Die heutige (kommerzielle) Esoterik-Landschaft bietet aber sicherlich auch für den neogermanisch-neuheidnischen bzw. originär völkisch-okkulten Bereich Felder, auf denen dieser sich niederlassen könnte. Das esoterische und okkulte Denken ist, empirischen Untersuchungen und Studien zufolge, in der Gesellschaft mehr als ausreichend präsent (vgl. Schneider 1995 und Zinser 1996: 39ff.).
Inwieweit sich dieses heutige esoterische Potential dem gesamten (esoterischen) Rechtsextremismus in all seinen Wechsel- und Wirkungsbeziehungen öffnen kann bzw. politisch mobilisierbar ist, erscheint von dieser Stelle aus noch unklar. Ob daraus letztlich auch politische Aktivitäten erwachsen können, muss hier ebenso noch offen bleiben. “Eher ist aber weniger davon auszugehen“, so der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber (1999: 85), “da die esoterisch Eingestellten auf die eigene Innerlichkeit und weniger auf die politische Gesellschaft fixiert sind. Gleichwohl wächst hier ein antiaufklärerisch und antidemokratisch eingestelltes Personenpotential heran.“
Konkreter ausgedrückt: Primär dürften “die“ Esoteriker zunächst unpolitisch eingestellt sein; ihre Anschauungen und Haltung drücken eher den Zustand einer gewissen “Entpolitisierung“ aus (vgl. Ewald 1996: 5; 1996a). D.h., aus einer quasi-individualistischen Perspektive wird das Erleben des kollektiven Bewusstseins unter Ausblendung von strukturellen Wirkungs- und Entfaltungs- möglichkeiten der kulturellen Moderne angestrebt – aber schon mit Blick auf eine transformierte Gesellschaft in diesem Sinne.
Denn: Die Esoterik bzw. das New Age präsentiert sich partiell im Selbstverständnis einer politisch-philosophischen Konzeption eines zukünftigen “Sonnenstaates“ (vgl. Schneider 1995: 115ff., in positiver und relativ unkritischer Bezugnahme darauf vgl. ebda.: 219ff.). Paradigmenwechsel, kosmisches Bewusstsein und Transformation markieren dabei insgesamt die Schlüsselbegriffe des New Age. Paradigmenwechsel bedeutet hierbei eine ganzheitliche Vorstellung und Synthese von Geist und Materie, verstanden als “kulturelle Revolution“ mit der Methode der individuellen Bewusstseinsfindung, unter kosmisches Bewusstsein wird der Mensch als Teil der Natur verstanden, wobei ein organisch-biologistisches Verständnis von Gesellschaft immanent ist. Mit der individuellen Bewusstseinsfindung verbinden sich Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Transformation durch die “Verschwörung der Transformierten“, so definiert von einer der Hauptfiguren des New Age, Marilyn Ferguson (vgl. Grom 1993; Schneider 1995: 16ff.).
Der Hang esoterischer Entwürfe zur Ablehnung von Werten der kulturellen Moderne wie Rationalität und Aufklärung trägt grundsätzlich fundamentalistische Züge (vgl. näher zum Begriff Fundamentalismus Pfahl-Traughber 1995; Jaschke 1996, 1998). Das spezielle politische Element im esoterischen New-Age-Denken liegt nolens volens im kulturell-lebensweltlich-sinnstiftenden Bereich. Dieses Denken kann daher – umso mehr in der möglichen wechselseitigen Verbindung mit Rechtsextremismus - auf einer geistigen und praktischen Ebene gesellschaftlich-politische und letztlich sogar systemische Züge in sich tragen. Zumindest aber in diesem Sinne als wegbereitend wirken und dem Rechtsextremismus ein weiteres ideologisch-thematisches Agitationsfeld hinzufügen.
Anmerkung: Der Beitrag stellt die persönliche Auffassung des Autors aus Sicht der politikwissenschaftlichen Extremismusforschung dar. Auf eine Behandlung des Themas "Neo-Heidentum als Ideologieelement der intellektuellen 'Neuen Rechten'" (vgl. z.B. Pfahl-Traughber 1999: 78ff.) muss aus Konzeptionalisierungsgründen verzichtet werden.
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Mai 2001