Stand
und Perspektiven
politikwissenschaftlicher
Extremismusforschung |
von
Steffen Kailitz
Politikwissenschaftler,
TU Chemnitz |
Am
Ende des letzten Jahrhunderts, nachdem die kommunistischen Diktaturen wie
Dominosteine gefallen waren, prophezeite uns der amerikanische Wissenschaftler
Francis Fukuyama das "Ende der Geschichte" in Form eines weltweiten Siegs
der liberalen Demokratie. Die Voreiligkeit dieser Prognose verdeutlichten
spätestens die opferreichen Terroranschläge durch islamistische
Extremisten am 11. September 2001. Dem "heißen" Krieg der Demokratien
gegen Nationalsozialismus und verbündete rechtsextremistische Diktaturen
und dem "Kalten Krieg" gegen die kommunistischen Diktaturen unter der Führung
der Sowjetunion im 20. Jahrhundert folgt nun im 21. Jahrhundert ein vom
amerikanischen Präsidenten ausgerufener "Krieg gegen den Terrorismus".
Auch wenn die Zahl der Diktaturen
in den letzten dreißig Jahren rapide abgenommen hat, stellen Diktatoren
wie extremistische Strömungen noch immer eine große Herausforderung
für die Demokratien dar. So sorgen seit den achtziger Jahren des 20.
Jahrhunderts in zahlreichen westlichen Demokratien die Wahlerfolge rechtsextremistischer
Parteien und fremdenfeindliche Gewalttaten für Aufmerksamkeit. Auch
linksextreme Strömungen sind keineswegs in allen Demokratien in die
Bedeutungslosigkeit versunken. Weit größere, vielfach nicht
ausreichend beachtete Gefahren bestehen dabei für die Demokratiestabilität
neuer Demokratien durch extremistische Strömungen von rechts und links.
Besonders der Koloss Russland steht auf tönernen Füßen
und es stellt sich die Frage: Ist Moskau Weimar?
Wer vom Extremismus spricht,
muss sich über eines im Klaren sein: Ebenso wie sich nahezu kein Diktator
von Adolf Hitler bis zu Saddam Hussein als solcher bezeichnete, nennt sich
nahezu kein politischer Extremist selbst so. Während "Demokratie"
und "demokratisch" Selbstbezeichnungen sind, benennen aus liberaldemokratischer
Sicht "Diktatur" und "politischer Extremismus" den Gegenpol der eigenen
Wertvorstellungen. Die grundlegende Unterscheidung der Staatsformenlehre
zwischen Demokratien und Diktaturen und jene zwischen demokratischen und
extremistischen Bestrebungen gehören zusammen. Als demokratisch sind
auf dieser Grundlage all jene Bestrebungen zu bezeichnen, die auf die Bewahrung
oder Errichtung einer demokratischen Herrschaftsordnung zielen. Als extremistisch
sind dagegen all jene Bestrebungen zu bezeichnen, die auf die Bewahrung
oder Errichtung einer autoritären oder totalitären Diktatur zielen.
Analog zur Unterscheidung in totalitäre und autoritäre Diktaturen
ist es für die Extremismusforschung sinnvoll Bestrebungen zu trennen,
die auf einen totalitären oder autoritären Staat hinauslaufen.
Die Unterteilung in Demokratien und Diktaturen wie in demokratisch und
extremistisch erklärt die Unterscheidung zwischen politisch links
und politisch rechts ausgerichteten politischen Systemen für nachrangig.
Faschistische und kommunistische Systeme fallen gleichermaßen unter
den Diktaturbegriff, die entsprechenden Parteien unter den Extremismusbegriff.
Von Giovannis Sartoris (1993)
in der Parteiensystemlehre sehr einflussreicher Unterscheidung in System-
und Antisystemparteien hebt sich die Differenzierung in demokratische und
extremistische Bewegungen dabei dadurch ab, dass der Extremismus gerade
nicht im Bezug zu der stets relativen ideologischen Systemmitte bestimmt
wird. Zur Beurteilung berücksichtigt der Extremismusforscher vielmehr
die Ideen und die zu deren Verwirklichung eingesetzten Mittel der Bewegung
selbst. Der Extremismusansatz ist also nicht staats- oder systemtreu, wie
ihm ab und an vorgeworfen wird, sondern demokratietreu.
Immer wieder bringen Kritiker
wie Christoph Butterwegge (2002) den Einwand vor, die Extremismusforschung
setze Links- und Rechtsextremismus gleich. Schon die Vorsilben "links"
und "rechts" vor Extremismus zeigen jedoch die Anerkennung der entgegengesetzten
ideologischen Ausrichtung der Phänomene an. Auch das ist übrigens
ein Unterschied zu der Systemsichtweise, die zumindest vom Begriff her
nur darauf achtet, ob eine Bewegung für oder gegen ein herrschendes
Staatssystem ist.
Eine einheitliche extremistische
Ideologie existiert natürlich nicht. Darüber hinaus sind Links-
und Rechtsextremisten wie Fundamentalisten einander sogar überwiegend
spinnefeind. Die unterschiedliche weltanschauliche Ausrichtung schließt
allerdings strukturelle Ähnlichkeiten der Auffassungen und Handlungen
nicht aus. Mit der gemeinsamen Bezeichnung "Extremismus" ist nicht mehr
und nicht weniger gemeint, als dass die Bewegung auf die Errichtung oder
Bewahrung einer Diktatur zielt. Angesichts der vielen Fälle der Errichtung
von Diktaturen durch kommunistische Parteien ist es daher wenig überzeugend,
vom Rechtsextremismus zu sprechen, ohne vom Linksextremismus reden zu wollen.
Wer politische Extremisten
als antidemokratisch beschreibt, muss im Blick behalten, dass auch sie
sich die Demokratie auf ihre Fahnen schreiben. Allerdings unterscheidet
sich das Demokratieverständnis der Anhänger des demokratischen
Verfassungsstaats grundlegend von jenem politischer Extremisten. Nahezu
alle Varianten des Extremismus stehen mehr oder weniger deutlich in der
Tradition der Identitätstheorie der Demokratie, auch dann wenn sie
ansonsten mit dem Gedankengut Rousseaus nichts am Hut haben. Der Grundgedanke
ist eine Interessenidentität zwischen Regierenden und Regierten. Da
alle definitionsgemäß die gleichen Interessen haben, ist eine
Auswahl zwischen verschiedenen politischen Richtungen bei Wahlen in diesem
Modell nicht vorgesehen. Das Streben nach ethnischer Homogenität von
rechts und nach sozialer Homogenität von links steht ebenso wie die
Bekämpfung Andersdenkender im Dienste einer Interessenidentität.
Das Demokratieverständnis fundamentalistischer Strömungen lässt
sich analog interpretieren.
Im Unterschied zur Identitätstheorie
gibt es nach der Ansicht der dem demokratischen Verfassungsstaat zugrunde
liegenden Konkurrenztheorie der Demokratie keinen feststehenden homogenen
Volkswillen,
sondern zahlreiche unterschiedliche Teilinteressen innerhalb einer Gesellschaft.
Die politische Willensbildung und Entscheidungsfindung soll durch einen
Prozess der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Auffassungen
erfolgen. Die Wahl zwischen Parteien mit alternativen Programmen hat in
diesem Modell eine Schlüsselfunktion. Das Mehrheitsprinzip gilt als
Grundlage für Entscheidungen. Von grundlegender Bedeutung ist dabei,
dass die politische Minderheit stets die Chance hat, zur Mehrheit zu werden.
Eine Gesellschaft, in der die Mehrheitsverhältnisse für alle
Zeiten zementiert sind, erscheint aus dieser Perspektive nicht demokratisch.
Zur Demokratie gehört die Möglichkeit eines unblutigen Herrschaftswechsels
wie Fische ins Wasser.
In Anlehnung an Franz Urban
Pappi und Hans Dieter Klingemann (1972: S. 73), Max Kaase (Infratest 1980:
S. 27) sowie Cas Mudde (2003) halte ich es für sinnvoll, auf dem Kontinuum
von Extremismus und Demokratie zwischen der Ebene der Ideen und der Mittel
zu unterscheiden. Die Frage nach der Idee zielt vor allem auf das politische
Hauptziel einer Bewegung, während mit Mittel alle verwendeten Methoden
zur Erreichung des Hauptziels gemeint sind. Mit den folgenden Ausführungen
knüpfe ich an Cas Mudde an, von dem diese Übersichtsdarstellung
stammt:
|
|
IDEEN : |
0 |
|
|
demokratisch |
extremistisch |
| MITTEL : |
legal, nicht-extrem |
1
|
2
|
| 0 |
illegal, extrem |
3
|
4
|
Quelle: Cas Mudde (2003) |
In der Kategorie 1 finden
sich alle demokratischen Bewegungen. In die Kategorie 2 fallen Bewegungen
mit einem extremistischen politischen Ziel, dass sie aber ausschließlich
durch legitime politische Mittel wie Wahlteilnahme, politische Veranstaltungen
und Veröffentlichungen sowie die Organisation von Demonstrationen
zu erreichen suchen. In diese Kategorie gehören alle extremistischen
Wahlparteien, ob von rechts oder links. Die Kategorie 3 umfasst Gruppen,
die nicht auf die Errichtung einer Diktatur zielen, aber aus welchen Gründen
auch immer extreme Mittel zur Umsetzung ihrer Ziele einsetzen. In diese
Kategorie fallen etwa separatistische Bewegungen, die in einem eigenen
Staat eine demokratische Herrschaftsordnung anstreben, aber glauben, ihr
Ziel ohne Gewalt nicht erreichen zu können. Auch politische Interessengruppen,
deren politische Ziele mit der Demokratie vereinbar sind, wie etwa militante
Tier- oder Umweltschützer gehören in diese Kategorie. In diese
Kategorie gehören auch solche Bewegungen, die in einer Diktatur auf
eine demokratische Herrschaftsordnung zielen und versuchen, dieses Mittel
auch mit Gewalt zu erreichen.
Zum Bereich der Kategorie
4 gehören alle Bewegungen, die sowohl eine extremistische Ideologie
haben als auch den Einsatz von Gewalt propagieren, um dieses Ziel zu erreichen.
Alle revolutionären Bewegungen und Terrorgruppen mit einer Herrschaftsideologie
fallen in diese Kategorie. Schwerer ist die Zuordnung der Autonomen, die
überwiegend anarchistisches Ideengut vertreten. Sie haben kein klares
Herrschaftsziel, weil sie die Abschaffung der Herrschaft selbst fordern.
Auch bei einem bedeutenden Teil der fremdenfeindlichen Straftäter
ist die Einordnung schwierig. Keineswegs alle hängen einer rechtsextremistischen
Ideologie an. Diskussionswürdig ist somit, ob eine Binnenunterteilung
dieser Kategorie notwendig ist.
Auf der Ebene der Mittel
ist es vergleichsweise einfach abzuschätzen, ob eine Bewegung extreme
Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele nutzt. Es ist aber beispielsweise
eine Abstufung gemäß der Frage möglich, ob die Mitglieder
einer Bewegung durch spontane oder geplante Gewalt auffallen und ob sich
die Gewalt nur gegen Sachen oder auch gegen Personen richtet.
Auf der Ebene der Ideen,
auf der es wesentlich um die Einschätzung des Herrschaftsziels geht,
halte ich ein Abrücken von einer zweipolaren Betrachtungsweise für
geboten, nach der sich ein Phänomen nur als eindeutig extremistisch
oder nur als eindeutig demokratisch klassifizieren lässt. Mein Vorschlag
zielt auf eine Verfeinerung der Analyseinstrumente der Extremismusforschung.
Die Grundidee ist, dass die Ideologie einer Bewegung mehr oder weniger
extremistisch sein kann. Demnach gibt es keinen klaren Fixpunkt, der hundert
Prozent demokratische von hundert Prozent extremistischen Bewegungen scheidet.
Es gibt vielmehr einen Grenzbereich, in dem sich Bewegungen als semidemokratisch
oder semiextremistisch klassifizieren lassen.
Prinzipiell erschiene es
möglich, eine Prüfliste zur "Messung" des extremistischen Grads
einer Bewegung zur Diskussion zu stellen, die sich etwa an einer Prüfliste
der Elemente totalitärer Systeme von Giovanni Sartori (1999) orientiert.
Es ist dabei allerdings in Rechnung zu stellen, dass die Bewertung von
Bewegungen, die nicht die Herrschaft ausüben, weit schwieriger ist
als jene von diktatorischen Herrschaftsparteien. Die Ergebnisse der Untersuchung
von Herrschaftsparteien lassen sich aber für die Erforschung ideologisch
gleichgesinnter Nichtherrschaftsparteien nutzbar machen. In keinem Programm
einer kommunistischen Partei stand etwa je, dass nach dem Machtgewinn eine
Geheimpolizei zur Kontrolle der Bevölkerung aufgebaut werden soll.
In der Praxis gab es keine kommunistische Diktatur ohne eine solche Geheimpolizei.
Nur weil es eine lange Reihe kommunistischer Parteien an der Macht gab
und vereinzelt noch gibt, können Extremismusforscher recht genau sagen,
auf welche Herrschaftsstrukturen die Propagierung bestimmter Programmpunkte
des Kommunismus hinausläuft. Nur weil Extremismusforscher wiederum
am Beispiel der Herrschaft der NSDAP zeigen können, wie die Politik
und vor allem die mörderischen Schattenseiten der nationalsozialistischen
Doktrin der "Volksgemeinschaft" aussehen, lassen sich begründete Schlussfolgerungen
über jene Parteien ziehen, die weiterhin die "Volksgemeinschaft" propagieren.
In Gestalt der Sowjetunion
und der kommunistischen Satelliten existierte bis in die neunziger Jahre
des 20. Jahrhunderts ein Referenzmodell aller marxistisch-leninistischen
Parteien. Auch bei den in den in Europa weniger, in Asien dagegen stärker
bedeutsamen maoistischen Parteien existierte in Gestalt Chinas ein staatlicher
Bezugspol, der sich allerdings inzwischen selbst stark gewandelt hat. Ähnliche
Referenzmodelle gab es nach der Niederringung des Nationalsozialismus im
Zweiten Weltkrieg im Bereich des Rechtsextremismus kaum noch. Den bis in
die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts existierenden Rechtsdiktaturen
in Spanien und Portugal fehlte die Ausstrahlungskraft um zu einem bedeutsamen
ideologischen Bezugspunkt zu werden. Inzwischen befinden wir uns in einer
Situation, in der die Beurteilung auch für den Linksextremismus schwerer
geworden ist. Dass ist allerdings keineswegs betrüblich, weil die
Situation wesentlich in der weitgehenden Abwesenheit extremistischer Diktaturen
mit Ausstrahlungskraft wurzelt. Das gilt letztlich auch für das postmaoistische
China wie die islamistischen Regime im Iran und Sudan.
Bei der Bewertung extremistischer
Ideen halte ich analog der Staatsformenlehre eine vierstufige Unterteilung
in totalitäre, autoritäre, semidemokratische und demokratische
Ideen für ausreichend. Auf der Ebene der Ideen bewerte ich dabei die
Ideologien des Faschismus, des Nationalsozialismus wie der chinesischen
und sowjetischen Variante des Kommunismus als totalitär bis semitotalitär.
So erscheinen mir im Kern alle sowjetkommunistischen Parteien, die sich
an der Politik Stalins orientierten als totalitär. Für sowjetkommunistische
Parteien nach dem Tod Stalins dürfte nicht zuletzt wegen der ideologischen
Ernüchterung das Etikett semitotalitär angemessener sein. Die
Abgrenzung zwischen totalitär, semitotalitär und autoritär
ist natürlich bei der Beurteilung von Nichtherrschaftsparteien besonders
schwer. Diese Schwierigkeiten sollten aber nicht dazu führen, dass
alle extremen Ideologien in einen Topf geworfen werden. Als autoritäre
Ideologien erscheinen mir Varianten des Eurokommunismus wie des Nationalismus.
Bewegungen des semidemokratischen Typs befinden sich quasi in einer Grauzone
zwischen Extremismus und Demokratie. Die Weltanschauung weist in solchen
Fällen demokratische Elemente wie autoritäre Elemente auf. Beispiele
für Semiautokratien sind Russland und Weißrussland. Zahlreiche
Bewegungen, die derzeit entweder als extremistisch oder als demokratisch
bezeichnet werden, gehören meines Erachtens in diese Kategorie, etwa
die PDS. Meine These lautet: Ebenso wie auf der Ebene der Regime die Zahl
der Diktaturen abgenommen und die Zahl der Semiautokratien drastisch zugenommen
hat, nahm in den Demokratien die Zahl und Stärke der extremistischen
Bewegungen, zugunsten der semiautokratischen ab.
Ich stelle fünf Thesen
zum Stand und vor allem zu den Perspektiven der Extremismusforschung zur
Diskussion:
1.
Die
Beschreibungen der Entwicklungen von links- und rechtsextremistischen Parteien
und Bewegungen nehmen einen zu großen Raum in der gegenwärtigen
Extremismusforschung ein, die Forschung zur Erklärung extremistischer
Einstellungen und Verhaltensweisen dagegen einen zu geringen. In Zukunft
sollte die Extremismusforschung weit stärker als bisher versuchen,
die Ursachen für extremistische Einstellungen und Verhaltensweisen
zu klären. Dabei erscheint es notwendig stärker als bislang zu
trennen zwischen der Erklärung der Entwicklung extremistischer Ideen
und des Einsatzes nicht-legaler, extremer Mittel. Am Ende der Forschungsbemühungen
sollte eine Theorie zur Erklärung extremistischer Einstellungen und
Verhaltensweisen stehen.
2.
Die gegenwärtige deutsche Extremismusforschung neigt etwas zum Provinzialismus.
Es fehlt an internationalen Vergleichen des politischen Extremismus. Mehr-Länder-Vergleiche
wie etwa Michael Minkenbergs "Die neue radikale Rechte im Vergleich" (1998)
oder auch Frank Deckers (2000) vergleichende Studie zum neuen Rechtspopulismus
in den westlichen Demokratien sind eher Ausnahme als Regel. Nur durch systematisch
angelegte Mehr-Länder Vergleiche lässt sich aber der Gefahr entgehen,
nationale Besonderheiten des deutschen Extremismus zu verabsolutieren.
Nicht nur die deutsche, sondern auch in hohem Maße die internationale
Extremismusforschung konzentriert sich bislang weitgehend auf die westlichen
Demokratien. Die Schwellen- und Entwicklungsländer unter den Demokratien
werden dagegen sträflich vernachlässigt. Gerade diese Staaten
sind aber besonders gefährdet durch extremistische Bewegungen. Bemühungen
die Bedeutung der Stärke extremistischer Parteien in Phasen der Transformation
zur Demokratie zu erforschen, sollten verstärkt werden. Erste Studien
zu Osteuropa haben etwa Michael Minkenberg und Timm Beichelt (2002) vorgelegt.
Erforschenswert ist auch, inwiefern die Entstehung von Semiautokratien
wie Weißrussland mit einem semiextremistischen Gedankengut der Regierungspolitiker
zusammenhängt.
3.
Es mangelt auch an vergleichenden Arbeiten zwischen links- und rechtsextremistischen
Phänomenen. Mit dem von Uwe Backes und Eckhard Jesse herausgegebenen
"Jahrbuch Extremismus & Demokratie" existiert allerdings ein Periodikum,
das sich der Behebung dieses Mangels verschrieben hat. Interessant erscheinen
auf diesem Forschungsfeld Fragen wie: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zeigen sich bei den Erfolgs- und Misserfolgsbedingungen links- und rechtsextremistischer
Parteien? Wann neigen politisch Unzufriedene zur Ausbildung linksextremistischer
Einstellungen, wann zur Ausbildung rechtsextremistischer Einstellungen?
Um die Trennschärfe der extremismustheoretischen Kriterien zu prüfen,
sind zudem auch Vergleiche zwischen demokratischen und extremistischen
Phänomenen sinnvoll. Welche Ideen finden sich etwa gleichermaßen
bei rechtsextremen und rechtsdemokratischen, welche gleichermaßen
bei linksextremen und linksdemokratischen Bewegungen.
4.
Der deutschen wie der internationalen Extremismusforschung fehlt es an
noch immer etwas an Forschungskontinuität. Wahlerfolge extremistischer
Parteien oder extremistisch motivierte Anschläge lösen regelmäßig
eine Fülle von Studien aus. Ebbt das öffentliche Interesse ab,
legen auch viele Forscher das Thema zu den Akten. Dies führt zu einer
einseitigen Forschungskonzentration auf Hochphasen extremistischer Bewegungen
und Organisation. Die Extremismusforschung sollte künftig eine größere
Kontinuität entwickeln, auch um etwa die Frage nach den Gründen
des Abschwungs bestimmter extremistischer Organisationen beantworten zu
können.
5.
Es fehlt an empirischen Untersuchungen zu extremistischen Einstellungen.
Das gilt für Deutschland, stärker aber noch für die anderen
Demokratien. Besonders für Entwicklungsländer liegen kaum Daten
zur Erforschung des extremistischen Potentials vor. Auf dieser Grundlage
fehlt es auch an vergleichenden Untersuchungen zum Extremismuspotential
in verschiedenen Demokratien. Um zu erkennen, welche Faktoren die Ausbreitung
extremistischer Einstellungen in einer Gesellschaft fördern, wären
sehr zeit- und kostenaufwändige standardisierte vergleichende Langzeitstudien
notwendig. Diese Kosten und Mühen sollten jedoch nicht gescheut werden:
Die Beantwortung der Fragen, wie verbreitet extremistische Einstellungen
und Verhaltensweisen in einer Demokratie sind und warum, ist von fundamentaler
politischer und damit auch politikwissenschaftlicher Bedeutung. Die Antworten
können nämlich einen wesentlichen Beitrag zur Antwort auf die
Frage leisten, ob eine bestimmte Demokratie stabil oder labil ist.
Literatur
Butterwegge, Christoph
unter Mitarbeit von Lüder Meier 2002, Rechtsextremismus, Freiburg
i.Brsg.
Backes, Uwe /Eckhard
Jesse (Hrsg.) 1989 ff. Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bonn
(1989-1994), Baden-Baden (1995 ff).
Beichelt, Timm/Michael
Minkenberg 2002, Rechtsradikalismus in Transformationsgesellschaften.
Entstehungsbedingungen und Erklärungsmodell, in: Osteuropa 52: S.
247-262.
Decker, Frank 2000,
Parteien unter Druck. Der neue Rechtspopulismus in den westlichen Demokratien,
Opladen.
Fukuyama, Francis
1992, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München.
Infratest-Studie
1980, Politischer Protest in der Bundesrepublik Deutschland. Beiträge
zur sozialempirischen Untersuchung des Extremismus, Stuttgart u.a.
Klingemann, Hans Dieter/Franz
Urban Pappi 1972, Politischer Radikalismus. Theoretische und methodische
Probleme der Radikalismusforschung dargestellt am Beispiel einer Studie
anlässlich der Landtagswahl 1970 in Hessen, München/Wien.
Minkenberg, Michael
1998, Die neue radikale Rechte im Vergleich. USA, Frankreich, Deutschland,
Wiesbaden.
Mudde, Cas 2003,
Liberal Democracies and the Extremist Challenge of the Early 21st Century,
Manuskript, Antwerpen.
Sartori, Giovanni
1993, Parties and Party Systems: A Framework for Analysis, 2. Aufl., New
York.
Sartori, Giovanni
1999, Totalitarismus, Modellmanie und Lernen aus Irrtümern, in: Eckhard
Jesse (Hrsg.) 1999, Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der
internationalen Forschung, 2. Aufl., Baden-Baden: S. 572-589.
| Online
seit September 2003 |

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